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Dritte Anthologie in trockenen Tüchern.

Protokoll eines gelungenen Experimentes


Die Lange Kunstnacht ist immer für eine Überraschung gut. Lange sah es so aus, als würden die Autoren 2015 in einem Raum nahe der Katharinenbrücke lesen, da überschlugen sich plötzlich die Ereignisse – und alles kam ganz anders. So ergab es sich, dass man ein Experiment wagte: im Verkaufsraum der Buchhandlung „Weltbild“ nicht nur einfach einen Leseabend zu gestalten, sondern auch gleich die neue Anthologie vorzustellen. (Für Eilige hier ein Kurzbericht)

Mit so viel Entgegenkommen von Seiten der Belegschaft hatte man dabei nicht gerechnet. Wohl war der Raum mit nur wenigen Stühlen ausgestattet, dafür hat er aber umso mehr Sitzgelegenheiten der besonderen Art: Bänke mit weichen Kissen vor jedem Bücherregal, und es sind nicht wenige in dem Raum. Frau Schipper und ihr Team begrüßten uns aufs Herzlichste und bewirteten auch die zahlreiche Laufkundschaft – immerhin etwa 30 Personen pro Stunde – von 19 bis 22 Uhr. Der Raum, der durch große Büchertische in der Mitte etwas eng erschien, entpuppte sich als durchaus groß genug. Die Enge schuf eine heimelige Atmosphäre und bot schüchternen Besuchern die Möglichkeit, sich vor unseren Blicken zu „verstecken“.

Bereits zum Treffen der Lyrikfreunde in Landsberg war der dritte Anthologieband erschienen, aber im ereignisreichen Sommer war keine Zeit, sie richtig vorzustellen. Der angebotene Ort und die zahlreichen Interessenten in einer Kunstnacht schienen bestens geeignet, das jüngste Kind des Landsberger Autorenkreises in seiner Heimatstadt zu präsentieren. Denn es hatte zwei Jahre gedauert, bis die Anthologie in trockenen Tüchern war. Dieses Motiv aufgreifend, bettete Heidenore Glatz den Band für ein Foto in ihren weichen Wäschekorb. Das Plakat [1.773 KB] kam so gut an, dass die Weltbild-Damen gleich selbst kreativ wurden und das Buch im Schaufenster auf ein betuchtes Podest erhoben.
Ein großer Tisch erwartete also die Autoren am Samstagabend in dem hell beleuchteten, bücherbunten Raum. Doch damit hatte niemand gerechnet: 17 Autoren erschienen zu dem Abend, und fast alle gestalteten ihn lesend mit! Kein Wunder, dass da die Stühle ausgingen!

Heidenore Glatz hatte erneut das Kauferinger Kammertrio für die musikalische Begleitung gewinnen können, und obwohl Frau Dr. Anna Katharina Freifrau von Schnurbein und das Ehepaar Annegret Fischer-Fey und Michael Fey noch einen Termin am frühen Abend zu bewältigen hatten, kamen sie zur Pause wohlgelaunt und spielfreudig herein, bauten im Handumdrehen ihre Notenständer auf und strichen, geigten und flöteten fröhlich los. Haydns Sonaten begleiteten fast zwei Stunden lang die Lesung, zur Freude auch der immer zahlreicher hereinströmenden Besucher.

Kunst sei ja facettenreich, so die Moderatorin in ihrer Einführungsrede, und auch das gedichtete Wort sei Teil von ihr. 31 Autoren hatten ihr Gedankengut in der neuen Anthologie „Zwischen den Toren“ festgehalten. Einige zeichnen auch und hatten Bilder beigesteuert, die Grafikerin Doris Spang-Oberhofer, die Frau eines Autors, entwarf einfühlsam das buchstabenreiche Umschlagbild. Max Dietz hatte das unvorstellbare Sammelsurium aus Prosa und Gedichten in sieben Kapitel sortiert und ließ die Inhalte so an einem roten Faden entlanggleiten, dass der Leser auch dann zu Genuss kommt, wenn er das Buch geordnet von der ersten bis zur letzten Seite liest. Eine Meisterleistung! Carmen Kraus hatte ihm schließlich den letzten Schliff verpasst und die umfangreichen Daten zum Druck gegeben. Nach zwei Jahren Werden und Wachsen lag es nun vor, und alle sind sehr glücklich damit. So sehr, dass viele Autoren am Abend immer wieder zu dem Buch griffen und einen Text daraus lasen.

Was aber nicht zwingend vorgegeben war. Das würde der Philosophie des Landsberger Autorenkreises widersprechen. Denn maximale Freiheit ist das wesentliche Merkmal dieses Zusammenschlusses, in dem es nur eine lose, zu nichts verpflichtende Mitgliedschaft gibt. Selbst bei den Lesungen entscheidet meist das Los über die Reihenfolge: die spontane Zusammensetzung entpuppt sich dabei immer wieder als genau richtig. So auch an diesem Abend, als in zwei Runden die Namenskarten aus einem Korb gezogen werden, meist von den anwesenden Kindern.

Den Buchstabentanz in seiner Stirn, um es mit den Worten der Moderatorin Heidenore Glatz zu sagen, lenkte als erster an diesem Abend Hans Schütz nach draußen, als er Gedanken springen und Autoren vom Lesen lesen ließ. Ihm folgte Lore Kienzl mit dem Bild eines Sommerabends zwischen Tag und Traum und dem Geruch von aufgerissener, trockenen Erde. Wie oft hatten wir es in dem Jahrhundertsommer vor Augen gehabt; mit ihren einfühlsamen Worten gelang es leicht, sich wieder dorthin zu träumen. Bis Corinne Haberl alte griechische Sagen aufrollte und ihren kreativen Zeitbogen übers Mittelalter bis zum Münchner Frosch spannte.

Thomas Glatz fasste sich kurz, als er eine tagesaktuelle Versuchsreihe beschrieb, die erst im siebten Abschnitt erfolgreich war. Das Los bestimmte Heidenore Glatz zu seiner Nachfolgerin, die überraschende Antworten fand auf die Frage, was denn Kunst sei. Danach ließ Carmen Kraus die Liebe Einzug halten, die Menschen allmählich verwandelt. Franz Oberhofers Schnecken dufteten monoklin nach Waldlaub, mindestens bis Mitternacht. Paul H. Wendland las vom verzweifelten Friedensbaum im Feiertagskleid der Freude beim rauschenden Chor gefiederter Wesen. Anschließend beschwor Angelika Müller die Besucher, mitzukommen, mitzutanzen und mitzusingen zu Oktoberfestfetzen – gern mit einem Schmatzl fürs Spatzl.

Helmut Glatz erfüllte den besonderen Wunsch einer Autorin: Er las aus der Anthologie sein Vorwort zu den Seltsamkeiten der deutschen Sprache, die ein Dichter versucht, in Worte zu fassen. Mit dem Ergebnis, dass im selben Buch ein Nachwort folgt, das versucht, seinen großen Fußstapfen einigermaßen gerecht zu werden. Kunst ist Gestaltung, die unser Herz berührt, weiß Renate Exsz, die sie auch in ihren zahlreich ausgehängten Bildern ausdrückte. Von Wolkenbildern als höchst vergänglicher Kunst las sie und vom Menschen als Inbegriff der Gegensätze. Klaus Wuchner rezitierte auf beeindruckende Weise, ohne einen Blick in die Vorlage, sein langes Gedicht „Schmach“, das von Zweifel und Umkehr handelt.

Hannelore Warreyn leuchtete aus sich selbst heraus, bis sie den Autoren begegnete, die heute Ausgang haben und ihr hier einen heimeligen Hort bieten. Im unfassbaren Moment der Ewigkeit hing Reinhard Wendland am Klettersteig, und auch hier kletterten andere mit. Schließlich analysierte Dr. Boris Schneider fachmännisch mehrfarbige Erlebniskunst und stellte sie in den Kontext menschlichen Lebens, bis der schnöde Alltag sein grandioses Konstrukt abrupt beendete.

Fröhlich lockten Haydns Klänge nach der Pause zu einer weiteren Leserunde. Die Lange Kunstnacht hatte inzwischen auch draußen Fahrt aufgenommen, die Besucher strömten noch zahlreicher ein, noch wissbegieriger, sie blieben länger und lauschten gespannt dem Folgenden.

Den Reigen eröffnete Angelika Müller träumend zwischen blauen Flügeln, bunten Herbstblättern und liebenswerten Runzeln, die Geschichten erzählen. Und hinter den Weberknechten sinnierte Franz Oberhofer von des Mondes Heumilch in Einsteins Küchen. Hannelore Warreyn aber durfte Mensch sein in der Stadt ohne Groschen, aber mit viel Herz. Über Freiheit als Denkmodell und Illusion dozierte Klaus Wuchner, während Renate Exsz in einem Mandala von der Größe des Glückes trauerte. Hans Schütz bekam den Seilbahnblues gleich doppelt, bevor er zur Lechbrucker Mundart wechselte und das bodenständige Erwartungsland in einen Schockzustand versetzte.

Nicht nur die Musik tirilierte uns Lebensfreude ins Ohr, sondern auch Reinhard Wendland, als er mit einer traumhaften Ballade an seine Liebste die Damenwelt dahinschmelzen ließ. Sein Vater Paul Wendland erinnerte selbst trunken von Regengenüssen noch an die geistesbewusste Pflicht, Verborgenes erkennbar zu belichten. Mit Lore Kienzl wurde es wieder virtuos: bei einem künstlerisch unverständlichen Geigenspiel.

Sehr verständlich strich und flötete dagegen das Kauferinger Kammertrio im Raum, woran Carmen Kraus anknüpfte bei beschwingten Tagträumen in einer grüßen Oase unter tausend Sternen. Dr. Boris Schneider machte es spannend: Fantasyzauber, Feuer und magische Sprüche konnten nicht hinwegtäuschen über die Schwäche des Helden. Homophone Homonyme präsentierte Corinne Haberl rund ums Tor – ein Gedicht, das man unbedingt nachlesen will, weil es so viel Tiefe birgt in so wenigen Worten.

Haydns Kreationen flatterten wie bunte Schmetterlinge durch den Raum, Helmut Glatz sprach eine Warnung aus, weil Igel die Gartenzwerge bedrängten und Hamster Löcher in den Ozon nagten, während die Lebensqualität stieg infolge Meteorolügen. Heidenore Glatz, ganz und gar nicht verwandtschaftlich mit ihm verbandelt, ließ ihren Bücherwurm eine wahre Heldenreise vollziehen, bis die Fantasie vollkommen war.

Nach zwei Musikstücken waren die Autoren immer noch voll Elan und lasen einfach weiter. Franz Oberhofers Herbst taumelte durch den Wald und spannte schon mal ein Leichentuch für Schnee und Eis. Auch Hannelore Warreyn reflektierte über das, was war und was ist, und hielt es fest für eine kurze Ewigkeit. Auf sehr berührende Weise legte Dr. Boris Schneider in Parallelen zu Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzchen den Finger in eine offene Wunde unserer heutigen Gesellschaft.

Abendlich leise Töne kamen von den drei Musikern, und Heidenore Glatz griff sie auf und ließ den roten Ball lyrisch hinter Bäumen versinken, bevor sie die Zuhörer in eine angenehme Traumnacht verabschiedete. Schon bald, am Sonntag, dem 27. September, könnten sie wieder den spannenden, kritischen und gefühlvollen Texten der Autoren lauschen. Im Rahmen der Jahresausstellung des Regionalverbandes Bildender Künstler lesen sie dank Lore Kienzl am Nachmittag in der Säulenhalle – zum Thema Kunst, inmitten von Kunst: „Freude, schöner Götterfunken“ könnte dann wieder aufkommen. Ganz gewiss sogar, wenn die Autoren das eine oder andere Besuchergesicht aus der Langen Kunstnacht wiedererkennen!

Carmen Kraus