Sie sind hier: Berichte

Frühlingserwachen? Frühling, erwache!

„Und dräut der Winter noch so sehr
mit trotzigen Gebärden,
und streut er Eis und Schnee umher,
es m u s s doch Frühling werden.“

Noch aus seiner Schulzeit hat Moderator Klaus Köhler die ersten Zeilen des Gedichtes „Hoffnung“ von Emanuel Geibel in Erinnerung. Und er nutzte sie, um Freunde der Literatur zu einer wachen Lesung einzuladen. Trotz schönen Wetters und einer großen Freiluftveranstaltung in der Stadtmitte folgten sie zahlreich seinem Ruf.
Allerorten konnte man schon in den Tagen davor erkennen, dass der Frühling Einzug hielt und bereits die seltsamsten Blüten trieb. Doch was waren diese gegen die Auswüchse aus den Federn der kreativen Autoren? Um keinen zu übervorteilen, ließ man auf bewährte Weise das Los die Reihenfolge bestimmen – und so fing der Moderator selbst zu lesen an …

Uferschwalben hatte Klaus Köhler aus seinen Kindertagen am Plöner See ins heutige Landsberg gebracht. Diese kleinen flinken Nestbauer gibt es hier nicht, doch den Holzbock, hier besser bekannt als Zecke, durchaus. Und so fieberten die Zuhörer mit dem kleinen Jungen und freuten sich mit ihm, als die Schwalbenmutter sich für den Liebesdienst an ihrem Jungen bedankte.

Doris Giebelhausen fürchtete schon um unsere Leberwerte, hatte sie doch ein richtig „schmalziges Gedicht“ aus ihren Jugendtagen dabei. Die Zuhörer labten sich jedoch an den üppig-grün wuchernden Wortbildern, die ein verklärtes Lenz-Bild zeichneten, und fühlten sich danach wie neu geboren.

Als Kontrastprogramm dazu hob ihr Ehemann Joachim Giebelhausen das „Klagelied eines Prosanisten“ an, der es nicht schafft im Sinne von Rilke, Mörike und Gerwin Degmair zu reimen. Ohne „gottgemachte Wortgebilde“ müssten sie, die Prosa Schreibenden, auf allzu reges Interesse des Publikums verzichten. Als Ausweg fand er schließlich jedoch zur „kriminellen Lyrik“, die virtuos den Affen mit der Karaffe und den Delfin mit Berlin verband, um dann am nächtlichen Meer mit Heine nach der Bedeutung des Menschen zu suchen.

Franz Oberhofer dagegen hatte etwas gefunden, in der Karwoche in „Palermo rosso“, und zwar die richtigen Worte für ein literarisches Tagebuch. In der glühenden Stadt ließ er flüchtige Münder in angeschlagenen Spiegeln um süßes Gift kreisen und im Summen der Vespas den Stadtchristus plakativ hinrichten. Männeraugen vergriffen sich an jungen Dingern, nicht nur von Marktschreiern klang Monototes ins Ohr, durch die verstopften Nebenhöhlen der Stadt wälzte sich verklebt der Stundenzeiger – und die Erholung erstickte im sehnsüchtigen Schmachten nach daheim.

Zurück in die Jahreszeit brachte uns Waltraud Niedoba mit einem Gedicht aus Frühlingsgedanken um „zartüberzogenes Licht“ aus dünnen Sonnenstrahlen. Vorbei an lähmender Stille entführte sie die Zuhörer in ein Leben in heller, fröhlicher Natur.

Helmut Glatz aber griff der Zeit voraus und zum Pilgerstab und begab sich auf eine Frühlingswanderung mit „Landsberg im Mai“: Als der Luna-Park knospte und der Lech ein paar Kopfsprünge das Wehr hinunter wagte, beschloss die Lechstadt spontan, sich auch selbst auf den Weg zu machen. Jenseits des Stoffersbergs und der Singold traf sie auf eine Weggefährtin aus dem Süden. Im Kräftemessen mit Kaufbeuren flogen dann nicht nur die Pflastersteine in hohem Bogen, und die herbeigeeilte Polizei musste die Streithähne verhaften. Doch im Gegensatz zum Marionettentheater wurde Landsberg nicht aus der Stadt hinausgejagt, sondern durfte fortan im heimischen Gefängnis einsitzen.

Roland Greißl hatte ein Gedicht zur tagesaktuellen Lage im Land des Re geschrieben. Doch eine plötzliche Erkrankung verhinderte ihn, und so las Franz Oberhofer die Ballade vom arabischen Frühling, in dem 529 Frühlingsbegeisterte am Tempel des Tahir in die Arme von Osiris stürzten. Da wandte sich selbst Weltenbeschützer Horus voll Grauen ab, und Eisblumen der Rache wichen nahtlos einem blutroten arabischen Winter. –

Die Pause kam da gerade recht, konnte man sich doch über das vielfältig Aufgenommene austauschen. Joachim Giebelhausen präsentierte sein Büchlein „Göttliche Notizen“, und Helmut Glatz informierte über eine neue, experimentelle Literaturzeitschrift, „Die Novelle“, deren drittes Heft bald erscheinen wird. Dabei sei auch auf die Zeitschrift „Am Erker“ verwiesen, die Mitte Mai einige ihrer Autoren in unsere Lechstadt entsendet zu einer kurzweiligen Lesung.

In dem abgewandelten Märchen von Boris Schneider waren die hitzigen Protagonisten vor allem im Vogelreich angesiedelt. Frau Oki musste sich den Bürzel wundbrüten, während der angehende Spechtvater Staks noch nicht einmal den dicken, bedrohlich wirkenden Zweifüßer im Auge behalten konnte. Als Staks dieser „sanften“ Aufforderung nachkam, nahm die Geschichte für ihn eine plötzliche Wendung …

Hauchzart wurde es in den Gedichten von Carmen Kraus: Ein äußerst sensibles Pflänzchen, die Liebe, wurde zu wenig gehegt und verdorrte zusehends, blütenweiß war so manche Weste nur außen, Blütenträume offenbarten eine bevorstehende Reise zum Regenbogen und Orakelbilder ließen einen kräftigen Adler phönixgleich aufsteigen aus dem frisch gepflügten Feld der Erinnerung.

Gabriele Gerlach war die Debütantin des Abends. Über den Papierfresserchen-Verlag war sie mit Boris Schneider bekannt geworden, der ganz in ihrer Nähe wohnt. Und dass sie genauso spannende Kinder- und Jugendromane zu schreiben versteht, bewies sie mit einem Auszug aus „Täufels Labor“. Den winzigen Frosch ließ sie in der Kehle des verliebten Katers Merlin zu einer riesigen Kröte anwachsen, sein Herz wie einen wild gewordenen Schlagzeuger trommeln und ihn an seiner Sinneswahrnehmung zweifeln („War das eine Cata Morgana?“) – bis ihn schließlich die Liebe so blind machte, dass er mit einem Fahrrad verunfallte …

Hans Schütz hatte nur kurze Texte dabei, doch waren sie große Beispiele lyrischer Ausdrucksweise, sattelfest in seiner Lechbrucker Mundart wie in der Hochsprache. Vom Aschermittwoch mit seinen „Maschkrarn“ und den ersten „Schneagleckla“ leitete er über zum „Friahling“ im Wald, wo „d’Reahbeck fangat a zum Hoara“, und dem Eibenlied auf einen Wildwuchs, den er im Schatten seiner Hecke pflegt bis zum Greisenalter. Bald treten Schmetterling und Frosch in einen Wettstreit und verpassen die Metamorphose eines Zitronenfalters in China. Nicht verpassen sollten die Freunde des Dialekts seine baldige Sonntagslesung, „Loos amoal was i verzell“ Mitte Mai in Peiting.

In einem kurzen Nachtrag auf Christian Morgensterns Palma Kunkel verwirrte Corinne Haberl die Zuhörerschaft mit Zungenbrechern am laufenden Band, von Kunkel-Punkel-Pinkel bis Kümmel ohne Schimmel und so weiter.

Der Kastanienbaum platzte dagegen aus allen Spitzen, als sich Max Dietz zum ersten Frühjahrs-Biergartenbesuch durchrang. Dann begab er sich im Morgennebel auf der „Altväter Landweg“, um gleich darauf beim Gang zur Uttinger Keltenschanze ein angewehtes Gingkoblatt zu finden, womit sein „Demiurg Windmühlen baute für den Föhn des Wandels“.

Nicht nur Moderator Klaus Köhler freute sich über den gelungenen Abend in einem für den Autorenkreis fast schon „kleinen“ Rahmen mit 13 Lesenden. Wie so oft trug gerade die Vielfalt der Gedanken und literarischen Genres zu dem besonderen Reiz der Lesung bei. Und die mundartlichen Beiträge warfen einen ersten Spot auf die nächste geplante Veranstaltung: die Mundartlesung in Ellighofen.

Carmen Kraus