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Aufbruch: Woher? Wozu? Wohin?

Gastleserinnen Petra und Monika


Zu diesem facettenreichen Leseabend gibt es diese Kurzfassung für Eilige
und eine ausführlichere Version für Genussleser
hier.

Moderator Roland Greißl hatte als Themenschwerpunkt für die Lesung des Landsberger Autorenkreises den Begriff „Aufbruch“ ausgegeben. Jeder kennt ihn aus seinem eigenen Leben und Erleben: den Aufbruch des Frühlings, der Natur, den seelischen Aufbruch und Wandel, den Aufbruch von Asylbewerbern zu uns, der die Gemüter zurzeit bewegt.
Während Angelika Müller den Aufbruch ins Erwachsenwerden in gereimte Zeilen fügte und in ihrem Gedicht „Völkerwanderung“ bewegende Eindrücke und Stimmungen zur Flüchtlingsthematik schilderte, vermittelte Gastleserin Monika Sadegor positive Gedanken über Loslassen und persönliche Entwicklung sowie den mutigen Weg nach vorne, zu positiver Weltsicht und Erfahrung.
Roland Greißl widmete sich ganz dem Aufbruch von Flüchtenden. In drei Beiträgen schilderte er drei Flüchtlingsschicksale und skizzierte auch den Aufbruch der Menschen hierzulande, den Flüchtenden zu helfen, sowie die Beziehungen, die dadurch entstehen. Auch die Hürden, denen die Flüchtenden ausgesetzt sind, stellte er dar: die Sprache, all das Fremde, die andere Lebensweise. Neben guten Bestrebungen beschrieb er aber auch die Ängste, die bei vielen entstehen und durch politisch rechte Gedanken genährt werden.
Paul H. Wendland begann mit Gedichten über den beginnenden Frühling, in denen er in knapper ausdrucksvoller Lyrik ein farbiges Bild des Frühlingserwachens malte und den frühlingshaften Aufbruch einer Trauerweide reimte, die keine Spur von Trauer trägt. Mit „Wir Menschen“ und „Wie bin ich Mensch?“ wendete er sich gesellschafts- und selbstkritischen Gedankenaufbrüchen zu und beleuchtete in „Aufbruchszeit“ den Aufbruch in geistige Entwicklung und menschliche Kultur mit lyrisch kraftvollen Worten.
Corinne Haberl trug ein junges schwarzes Kätzchen zum Lesepult, wo sie in „Schöne Grüße aus der Intensivstation“ in emotional bewegenden Bildern Wahrnehmungen und Gefühle während einer Krisensituation beschrieb. In „Fernschreiben an mein alter Ego“ ging es zunächst um resignierende Ohnmacht, unsägliche Einsamkeit und wie die Hoffnung Raum griff für Zeit zum Denken, im Schreiben ihren Ausdruck fand und die Seele befreite.
Max Dietz las ein Gedicht vom Anfang der 1970er Jahre, das sich auch gut in unsere Zeit einfügt. In einem weiteren, das er 2011 kurz vor den Anschlägen auf die Zwillingstürme in New York geschrieben hatte, sprach er in Reimen prophetisch die damalige politische Lage und ihre aus heutiger Sicht erstaunlich zutreffenden Entwicklungen an. In „Metamorphose“ zeichnete er letztlich seine Gedanken zu einem persönlichen Aufbruch prägnant auf.
Lore Kienzl erzählte in freier Rede von ihren eigenen Erfahrungen mit Flüchtlingen. Mit bewegenden Geschichten und Begebenheiten gab sie Einblicke in das ungewohnte, aber durchaus positive Miteinander. Sie stellte fest, dass die Neuankömmlinge viel draußen auf der Straße sind und sich wundern, dass es bei uns so still zugeht – und fügte an, dass uns die Durchmischung, das unkomplizierte Beisammensein gut täten.
Petra Hinterstößer zeichnete in empathischen Bildern lyrisch fein Wahrnehmungen des Aufbruchs aus der Sicht der Flüchtenden, sprach von Menschlichkeit und Dankbarkeit. Keiner könne etwas dafür, wo er geboren ist, wir seien alle Gäste dieser Welt. Viele in den europäischen Wohlstand Geborene regt das Wissen darum unausgesprochen in spürbarer Tragweite dazu an, solidarisch helfend tätig zu werden.
Reinhard Wendland schilderte Berührungen seiner Vorfahren mit Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges und die Erfahrungen jener Flüchtlinge in der damals neuen Heimat, doch auch die Angst der Einheimischen vor den vielen Neuankömmlingen und ihre Ablehnung – und schlug damit einen Bogen zur heutigen Abwehrhaltung.
Fred Fraas erzählte in Reimen das Schicksal eines 14-Jährigen aus Aleppo, der jäh aus einem glücklichen Leben gerissen wurde. Er führte die Zuhörer in Ichperspektive durch die Erlebnisse und Erfahrungen des Flüchtlings: von der Heimat, dem Konflikt mit der ISIS, den Fluchtweg über Land und Meer, den Verlust der Familie beim Sinken des Bootes und seine Eindrücke in Deutschland, die gute Aufnahme, aber auch die Ablehnung mancher hier fürstlich Lebenden.
Helmut Glatz
thematisierte mit „Von Tachau nach Dachau“ in eindrücklichen Szenen den Weg seiner eigenen Flucht, die er als Kind erlebt hatte. Er beschrieb das eigenartige Gefühl, rechtlos zu sein und die stete Vorsichtigkeit, Wachsamkeit und Fluchtbereitschaft. Mit erzählerischer Präzision schilderte er die Fahrt zwischen Wachen und Träumen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, Hoffnungen und Gerüchten, das Erleben zwischen Jubel und Depression.
Heidenore Glatz
fragte in „Ein bisschen Frieden“, warum Menschen Asyl suchen. Sie bezweifelte, dass wir für die Antworten noch offen sind, und fordert auf, den Gestrandeten die Hand zu reichen, auch wenn es nicht einfach wird, weil unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen. Sie machte Mut, die Situation als Europa gemeinsam zu bewältigen. In ihrem Gedicht „Aufbruch“ fand sie zuversichtliche Worte zum Aufbruch alter Menschen in ein neues Sein.
An seine abschließenden Dankesworte fügt der Moderator den Wunsch an, dass aus diesem Kreis in einem Jahr eine weitere Lesung, dann zum Thema „Ankunft?“ oder „Angekommen?“, durchgeführt werde.

Reinhard Wendland