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Ernteherbst im Autorenkreis


Da war die Welt noch in Ordnung: Kultur war angesagt. Literatur, Essen, Trinken, einen gemütlichen Abend genießen. So war das am 13. November in Landsberg. In Paris hatten sie nicht so viel Glück, obwohl sie sich dasselbe vorgenommen hatten: Kultur, Essen, Trinken … Kann man danach noch einen leichten Bericht schreiben? Ein Fußballspiel spielen? Zur Normalität zurückkehren? Man kann, nein, man muss sogar! Muss zeigen, dass man sich nicht unterkriegen lässt, dass man sich das Leben nicht vergällen lässt von einer Handvoll Fanatikern. Paris ist überall. Und wenn selbst Paris wieder lacht – tun wir es auch!

Händeringend war Helmut Glatz per E-Mail angefleht worden (händeringend per Mail? geht das?), die Moderation des Abends zu übernehmen. Denn im Vorfeld zeichneten sich ungewohnte Schwierigkeiten ab, als der Moderator eine Absage erteilen musste. Auch die nächste und der übernächste und eine weitere … Und der Organisator war krank. Sollte man die Buchvorstellungen etwa absagen? Gegen alle Unbill entschlossen sich drei Autoren, so gut es ging weiterzumachen:

Angelika Müller hat einen wunderbaren Einladungstext für die Presse verfasst:

„Ernteherbst beim Landsberger Autorenkreis
Der Herbst bringt die reichen Früchte des Jahres hervor, ein Gaumen- und ein Augenschmaus. Nicht nur die farbenfrohen Blätter der Bäume wollen bezaubern, sondern auch die herzerwärmend kreativ beschriebenen Papierblätter der Landsberger Lyriker und Prosaisten. Wer von diesen Früchten in Wort und Schrift naschen – also die neuesten Bücher der Autoren kennenlernen will – ist am Freitag, dem 13. November, um 19:30 Uhr herzlich eingeladen zur Lesung im Restaurant Il Lago di Garda, Landsberg, Hindenburgring 64. Es moderiert Helmut Glatz. Der Eintritt ist frei.“

Helmut Glatz hat als Moderator durch den Abend geführt. Und er hat seine Sache gewohnt charmant, kreativ und souverän gemacht. Und ich schreibe den Bericht, den siebten in diesem Jahr. Und ich mache es gern.

Als Helmut zur Einstimmung eines seiner Gedichte vorlesen will, quakte grade ein Frosch aus seinem Hals. Lore Kienzl sprang beherzt ein und las das Gedicht, das sie nie vorher gesehen hatte, in ihrer sanften, bedachten Art, grade so, als wäre es ihr eigenes und sie wüsste ganz genau, was drinsteht. „Der Mond ist reif“, steht darin, so reif, dass man Mondsuppe daraus machen kann. Und auch „die Zeit ist reif, sie fließt aus allen Sternen … und in den fernen, schneebestaubten Bergen stirbt das Jahr“. Nun, ganz soweit war es noch nicht. Das weiße Pudern hatte in diesem Jahr noch nicht angefangen, und bis zum Jahresende würden noch ein paar Wochen verfließen. Aber reif, ja, reif war schon einiges. Gereift in den Köpfen der Autoren und jetzt, im Ernteherbst, fuhr mancher seinen vollen Erntewagen in die Scheune ein, so Helmut Glatz.

Zwei konnten ihre Wagen nicht an diesem Abend vorfahren, obwohl auch sie reiche Ernte hatten: Marianne Porsche-Rohrer und Hans Schütz würden ihre neuen Bücher zu einem späteren Zeitpunkt präsentieren müssen, denn anderes beanspruchte den Platz in ihrem Terminkalender.

Joachim Giebelhausen

Aber der Älteste im Autorenkreis, Joachim Giebelhausen, der rollte ein: Eine weiße Feuerschale hielt er hoch, „Kunst aus Flammen“, in der das Feuer seiner Leidenschaft festgehalten ist für alle Interessierten. Festgehalten von Bernd Kittlinger, dem Fotografen, der neben ihm saß und sich über das gelungene gemeinsame Werk freute. Ebenso wie Doris Giebelhausen, die die von Joachim geschaffenen Aufbauten entflammt hatte. „Flammen betören, zerstören gewaltig schön“, sagte der Autor. Und dann machte er etwas Ungewöhnliches: Statt aus dem Buch zu lesen, erzählte er neun Episoden aus seiner Kindheit und Jugend, in denen er auf besondere Weise mit dem Feuer in Berührung kam. Die Zuhörer hingen an seinen Lippen, als er den Feuersalamander fütterte, als die dampfbetriebene Eisenbahn entgleiste, Stefan Zweigs Lyrik ihm bei der Bücherverbrennung in die Hände fiel, die Eltern mit ihm Blei gossen, das Kriegsgeschehen seine Kindheit prägte in Berlin, an der Maas und in Pommern, der Bühnenbildner ein nicht brennbares Feuer entzündete, die Hexe auf der Schwebebahn hochflog … Feuer, Wasser, Erde, Luft hat Bernd Kittlinger bereits in Fotos gebannt, nun sei er auf der Suche nach dem fünften Element, sagte er. Doch wie bildet man den Geist ab? Vielleicht durch Lesen? Joachim fand es unsinnig, aus seinem Buch vorzulesen, das könne doch jeder selbst, der es kauft. Dann las er doch etwas, aber nur einen Ausschnitt aus Heines Belsazar, den er neben seine „Flammenschrift“ gesetzt hatte. Seine eigenen Texte blieben den Zuhörern weiterhin verborgen.

Thomas Glatz

Thomas Glatz kokettierte damit, als er sein neues Büchlein hochhielt. Da war es, ein Miniroman, „Beinaheallgäukatzenkrimi“. Aber er finde es unsinnig, daraus vorzulesen … Nun, das Buch ist Satire pur, also Unsinn zum Lesen. Allerdings mit tieferem Sinn … So stellte seine Lesepatin Sigi es auch vor: die Geschichte jenes Autors, der Turmschreiber in einem Ort ohne Turm wurde. Ungewöhnlich. Und dann las er doch, der Autor Thomas Glatz: von Buben in Fantasieuniformen, von Kaminfeuern, die im Bus brennen, von der Einsamkeit des Schreibers, der des Schlafens müde war. Wie er die Wollmäuse bloggen und die Hausstaubmilben twittern hörte, ein Zeppelin gegen Blähungen half, Nazis in Dortmund, äh Narziss und Goldmund gesucht wurde. Durch einen Wolkenbruch würde er gern entschwinden, wenn Poetry Slam in Katzenhirn ist. Auf Verdeih und Gederb musste er sich stattdessen einlassen, bis keine Großhirnrinde im Saal unentrollt blieb. – Wie kommt man auf sowas?, fragt sich da der Zuhörer fasziniert und schwindlig von so vielen ungewohnten Wortkonstrukten.

Fasziniert war auch der Moderator, und spontan ließ er sich hinreißen zu dem Ausspruch: „Wie wäre es, wenn auch die Stadt Landsberg eine Stelle für einen Turmschreiber schaffen würde!? Einen Mutterturmschreiber! Der Turm wäre in diesem Fall sogar schon vorhanden …“

Heidi Kjaer

Die geborene Peißenbergerin Heidi Kjaer hat ihre Gedichte „Wie vom Wind gehaucht“ zwischen gleichnamige Buchdeckel gepackt. Das erste Buch der ausgezeichneten Lyrikerin, so Moderator Glatz, enthält Poesie, Musik und Gefühle, ganz ohne Kitsch und Pathos. Die Autorin betrachtet es als ihr literarisches Vermächtnis, wir hoffen, es ist nur der Anfang davon. Weil in ihren Mundartgedichten noch mehr Herz drinsteckt (geht das überhaupt?), hat sie auch solche in das Buch „reingeschmuggelt“. Und genau diese stellte sie gleich vor, beginnend mit einem Herbstgedicht von jenen „dunklen Doog“, an denen du „mit jed’m scheena Abendrot nimmscht Abschied vo da Weiid“. „Nix is vorbei“, auch wenn die „Herbschdhoamat“ sich verändert hat. „Des oide Haus war lang mei Himmlreich“, jetzt „druckt der (Lebens-)Windda gaach nei“, aber mit „Herzbluad“ geht’s weiter, „oiwei weida, und i geh mit, weil’s halt so is, wia’s is.“. Sie fügt sich gern, auch wenn sie sich ab und an eine melancholische Stunde gönnt, davon träumt „oamoi no wia narrisch an Berg nundda zu brädschn“ und „in da Badwann liegn und an Doog zu vadriedschln“; zumindest will sie „staad wean, wenn d’Glockn vom Bergkircherl leitn“.

Paul Wendland

Leise wurde es dann, als alle Reinhard Wendlands ruhigen Worten lauschten. Er hat den Auftrag, die dritte Anthologie des Autorenkreises vorzustellen, sehr ernst genommen. Er, der in der Zeit ihres Wachsens beruflich zu sehr eingespannt war, um ausreichend gründlich eigene Texte für dieses Kompendium von 31 Autoren auszuwählen, hatte jetzt als Außenstehender das Buch in den Blick genommen. Jedes noch so kleine Detail beachtend und hervorhebend stellte er vor, was 2015 „Zwischen den Toren“ erschienen ist. Sein Vater Paul Wendland hielt es in die Kamera, nicht ganz ohne Stolz, dass auch seine Gedichte darin Eingang gefunden haben. An Symbolik nicht gespart hat bereits die Gestalterin des Umschlags, die Grafikerin Doris Spang-Oberhofer. Sie lenkt den Blick in einen imaginären Buchstaubenraum zwischen Toren und macht so neugierig auf die Zwischenräume. Schon der Titel lässt Raum für eigene Gedanken, Interpretationen, was die Herausgeber durchaus beabsichtigt haben. Den Untertitel „aus einer mitteilsamen Stadt“ hat Max Dietz eingefügt, der in stundenlanger Arbeit Gedichte und Prosatexte gesichtet, geordnet und zugeordnet hat. Sieben Kapitel haben diese bereitwillig aufgenommen, eingeklammert von einem Vor- und einem Nachwort zum Thema Dichten. Carmen Kraus hat Inhalt und Gestaltung den letzten Schliff verpasst, und ein beherzter Drucker hat mit samtweichem Papier liebevoll das Werk vollendet. Von rational-kühl über modern-experimentell bis hoffnungslos romantisch spannt sich der Bogen der Beiträge. Zarte Zeichnungen von der Hand einiger Autoren, die auch grafisch begabt sind, unterstreichen diese Vielfalt der Weltsicht. Hier findet jeder etwas für sich – und kann sich über Sichtweisen anderer bestens informieren. Zur Rezension.

Nach der Pause boten einige Autoren noch einen weiteren Einblick in ihr Schaffen.

Paul Wendland
s „Tage hüllen ihre Befunde in ein Nebelgewand“ und machen sie fest „am Segelmast einer herbstlichen Zeit“, wenn beim Friedhofsspaziergang „bewegtes Gedankenlaub“ aus nächtlicher Wirrnis an den Tag gebracht wird, bis dahin, wo „nur des Geistes Empfindung trägt“.

Gedanken wie Donnergrollen seien das, stellte Helmut Glatz fest, bevor er die Stafette an Carmen Kraus weitergab. Sie knüpfte an die vorangegangene traumhafte Verwirrung an und entlarvte die Schatten schier unüberwindlicher Felsen als Sandkörner, die im Licht des Tages zu einem Nichts verpuffen. Blasse Tage koloriert sie neu aus der Tiefe ihres Ich, wo alle Farben der Welt in einem geschützten Raum bewahrt sind für eben diese grauen Stimmungen.

Helmut Glatz

Einen Roman könnte auch Helmut Glatz schreiben, das heißt, er versuchte sich daran. Zumindest ansatzweise. „Herr Schimmelpfennig schreibt einen Roman“, nennt er seine Geschichte. Und dann schickt er den Herrn zum Kauf von dreißigtausend Buchstaben (die Wörter konnte er daraus selbst herstellen). Mit den Sätzen hatte er aber so seine Schwierigkeiten, denn sie klangen, als wären sie der Landsberger Poesiemaschine entsprungen. Und während er wie alle werdenden Schriftsteller eine Tabakspfeife rauchte (Schriftstellerinnen rauchen Zigarren!), fehlte ihm immer noch ein wichtiger Bestandteil – bis Professor Tunichtgut zur Schreibwerkstatt einlud. Das änderte alles und ließ sein Werk aufblühen wie einen Rosengarten.

Die Zeit reichte noch, damit Joachim Giebelhausen seine Idee für das nächste Buch preisgeben konnte: „Spaziergänge im Jenseits“. Was er darüber verlauten ließ, machte die Zuhörer schon richtig neugierig auf sein – wieder einmal – letztes Werk.

Und so ganz nebenbei erfuhr man dann noch, dass Helmut Glatz jüngst beim 1. Bubenreuther Literaturwettbewerb teilgenommen hatte, wo seine Geschichte „Der Pauli-Effekt“ prompt den ersten Preis erhielt. Kein Wunder, handelte sie doch von einem Physik-Nobelpreisträger, der Max Born zum Mentor und keinen Geringeren als C.G. Jung zum Freund hatte.

Wer an diesem Abend nicht in der Stammgaststätte des Landsberger Autorenkreises am Hindenburgring war, ist selbst schuld, dass ihm solche Fülle an lebendigen Gedanken entgangen ist! Aber nachlesen kann er es: zwischen den Toren, wo künstlerische Flammen es in den Wind hauchen.

Carmen Kraus