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Buchvorstellung mit Rezension der 3. Anthologie des Landsberger Autorenkreises.der 3. Anthologie des Landsberger Autorenkreises


Als Initiator und Herausgeber der Buchreihe „Anthologien des Landsberger Autorenkreises“ hat Helmut Glatz im Jahr 2006 mit „Ein Elefant am Bayertor“ und 2011 mit „Literarisches Lechrauschen“ eine Plattform entwickelt, die Autoren des Landsberger Autorenkreises den Weg eröffnet, aus dem geschützten, kleinen Wirkungsbereich einer Interessengemeinschaft, eines Lesekreises heraus ihre Werke gemeinsam der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Mit dem aktuellen 3. Band „Zwischen den Toren“, herausgegeben von Max Dietz, stellt der Landsberger Autorenkreis 2015 sein neuestes Werk vor. Satz und Lektorat übernahm Carmen Kraus (Kraus PrePrint, Landsberg), Druck und Bindung erfolgten bei Comuto Digital Media in Augsburg.

Ersteindruck/Einband/Aufmachung/Titel


Nehmen wir das Buch zur Hand, so wird schon auf den ersten Blick deutlich, dass an Symbolik nicht gespart wird. Der Buchdeckel, in verstärktem Softcover, wurde von Doris Spang-Oberhofer unter Verwendung von Colorboxfotos gestaltet und eröffnet den Blick in einen imaginären Raum. Auf der Frontseite des Buchdeckels werden zwei Tore angedeutet, eines hell, das andere dunkel. Die beiden Tore verschränken sich kontrastreich, perspektivisch unwirklich, wie in einer optischen Täuschung. Ihre Mauerfronten tragen Schriftzeichen, als wären sie anstatt von Steinen aus Buchstaben errichtet.

In dem fiktiven, flächenhaft skizzierten wie auch geometrisch angedeuteten Raum zwischen den Toren präsentiert sich ein aufgeblättertes Buch, dessen im Halbkreis aufgestellte Seiten Offenheit, gleichwohl auch Reichhaltigkeit, Inhaltsvielfalt vermitteln, mich neugierig machen, was auf dem Papier und in den symbolischen Zwischenräumen der Seiten an Gedanken zu finden sei.

Im vorderen Klappentext erhält der Leser durch Helmut Glatz wichtige Informationen über die Anthologiereihe, einen Ausblick über das vorliegende Werk, seinen Entstehungsprozess und seine Kapitel. Der Leser wird begrüßt und eingeladen, sich in dieser „Terra incognita“ auf Entdeckungsreise zu begeben.

Auf dem Rückumschlag deutet ein Miniaturbild den Ausschnitt einer Stadtsilhouette an. Darunter finde ich das von der Frontseite über den Buchrücken fortgesetzte dunkle Mauerwerk des hinteren Tores wieder, auf dem eine hell kontrastierte Tafel angebracht ist. Hier erfahre ich in knappen Worten die Themenbegriffe, die die Autoren bewegten: Heimat – Menschen – Gott und Welt – Raum und Zeit – Kunst und Künstler – Dichtung und Wahrheit – … und die Liebe.

Darunter heißt es, 31 Autoren hätten Lyrik und Prosa zu einem Kompendium ihrer Weltsicht und Lebenserfahrung gemischt. Nach dem Buchtitel möchte ich auf Erfahrungen, Erkenntnisse und Einsichten schließen, die sich auf dem Lebensweg zwischen zwei Toren, zum Beispiel zwischen Eingangstor und Ausgangstor einer betrachteten Welt ergeben. Er lenkt den Leser symbolisch, lässt jedoch gleichzeitig in seiner Kürze genug Raum für eigene Gedanken. Dieses Motiv des Andeutens und Raumlassens finde ich auch in den Texten des Werkes immer wieder, insbesondere in den lyrischen Gedichten der Autoren, stets neu angewendet und erforscht.

Inhalt


Der Untertitel „Neu erkundete Lyrik und Prosa aus einer mitteilsamen Stadt“ wird erst innen auf der Buchtitelseite offenbart. Er beschreibt treffend die schöpferischen Prozesse der Autoren, die in ihren Beiträgen nicht nur ihre Gedanken in Prosa und Lyrik präsentieren, sondern gestalterisch die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten „traditionell“ gereimter wie moderner Schreibkunst in Reim und Prosa gleichsam neu befragen, ausforschen und entdecken.

Auf 296 Seiten wird ein vielseitig versiertes Werk präsentiert, das Prosatexte – Erzählungen, Märchen und fantastische Kurzgeschichten – wie auch breit aufgestellte Lyrik bietet. Ich finde romantische, philosophische, erzählende, mundartliche, verspielte, nüchterne und prägnante Gedichte, darunter auch moderne und sogar experimentelle Lyrik. Eine Fülle poetischer Spielarten, lebendiger Bilder und Emotionen entstehen, wie auch ausdrucksvolle Gedanken, die hinter der kühlen rationalen Fassade ästhetischer Begriffe verborgen sind. Durch Illustrationen einiger Autoren, schwarz-weiß gezeichnet, in Farbe gemalt oder in Fotografien abgebildet, erhält das Werk zudem auch die optische Würze, die sich Leser geschmackvoller literarischer Kost wünschen.

Für mich sind Vorworte wichtige Duftmarken, die mich als Leser für die folgenden Inhalte in Stimmung bringen können. Deshalb möchte ich auch bei dieser Anthologie der Vorrede Beachtung schenken. Im Vorwort sinniert Helmut Glatz in flüssig-witzigen, teils provozierenden, hintergründigen Gedanken darüber, dass die deutsche Sprache voller Seltsamkeiten sei. Die Aussage „Ich würde auch gerne Lyrik schreiben“, nimmt Helmut Glatz als Aufhänger seiner Ausführungen und fügt die darüber hinaus an ihn gestellte Frage an: „Können Sie mir da einen Ratschlag geben?“ „Natürlich kann ich einen Rat geben, aber er ist immer verkehrt, weil er vom Standpunkt des Betrachters (des Autors, der Wasserstandsmeldungen, der Urlaubstermine) abhängt“, entgegnet der Befragte. Nachfolgend bietet Glatz jedoch eine breite Fülle möglicher Antworten, die neben den augenscheinlichen positiven Perspektiven auch die Kehrseiten beleuchten. Autoren wie Leser finden erfrischend humorvoll präsentiert lehrreiche Worte, mit einer wohltuenden Portion Selbstironie.

Neugierig blätterte ich weiter, um in den nachfolgenden Texten die Motivationen der Autoren, ihre Gedanken und Empfindungen zu ergründen.

Als ich das Werk gelesen hatte, hätte ich (wäre ich nicht schon viele Jahre selbst ein Schreiber gewesen) den Entschluss gefasst – trotz aller Seltsamkeiten der deutschen Sprache, oder gerade deswegen, von der kreativen Begeisterung und der Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten angeregt – mit dem Dichten zu beginnen. Als Leser war es mir eine Freude, den Raum zwischen den Toren an den metaphorisch verschleierten, unscharfen Rändern sowie in den von den Dichtern bereitgestellten Freiräumen mit meinen eigenen Gedanken und Empfindungen zu füllen.

Fazit


Mit dem vorliegenden Werk ist Herausgeber und Gestalterin, Max Dietz und Carmen Kraus, zusammen mit 29 weiteren Autorinnen und Autoren ein künstlerisch versiertes Werk gelungen, das jedem Literaturfreund witzige, nachdenkliche, raffinierte, unterhaltsame, kritische wie auch unbeschwerte Momente bietet, das zum Denken anregt, aber auch immer wieder die Mundwinkel fröhlich nach oben ziehen lässt.

Freunde von Märchen, Kurzgeschichten, Erzählungen, bildhaft formulierter Prosa wie auch Liebhaber der Lyrik – sowohl freier zeitgemäßer wie auch romantischer Lyrik, aber auch komprimierter moderner und experimenteller Lyrik – werden anregende Mosaiksteine finden, die den Raum sichtbar machen, der, durch ihre Brille gesehen, zwischen zwei Toren zu finden ist.

Der 3. Anthologieband, „Zwischen den Toren“, setzt die bewährte Tradition der Buchreihe des Autorenkreises Landsberg im Jahr 2015 in sehr erfrischender Weise fort. Ich freue mich, auch wenn ich nicht selbst an dem Werk beteiligt war, über das Ergebnis sehr! Abschließend empfehle ich jedem Literaturfreund, selbst meine hier formulierten Eindrücke zu prüfen, und hoffe, dass in solcher Weise noch weitere Werke entstehen mögen.

Das Buch ist im Buchhandel für 15 Euro erhältlich. Bei Direktabnahme, zum Beispiel an einem Leseabend des Landsberger Autorenkreises, kann es bei Max Dietz bereits für 12 Euro erworben werden.

Reinhard Wendland, am 13. November 2015