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Lyrik im Sommer - gelesen und gesungen


„Lyrik füllt das Sommerloch“, zumindest wünschte sich Moderator Max Dietz das, als er mitten im August zur Westlesung des Landsberger Autorenkreises ins Deutsche Haus in Waal einlud. Es kamen, erwartungsgemäß, nicht viele, um sich von der Fülle zu überzeugen. Zu groß war der Sog in viele andere Richtungen an diesem warmen Abend, den der Wetterdienst als vorerst letzten trockenen gemeldet hatte. Doch die rund 30 Zuhörer, die es miterlebten, waren davon angetan.

Es steckte viel Lyrik in diesem Erleben, auch wenn der mitgestaltende Musiker sich ganz schlicht ankündigte: „Diese Lesung beginnt mit Musik.“ Seine musikalische Ebene trug die vertonte Lyrik ihres Urhebers und Protagonisten auf Wellen des Wohlklangs gleichsam in Ohren und Herzen der Zuhörer. So geöffnet, nahmen sie alles viel intensiver auf als bei einer normalen Lesung.

Aber was ist schon normal beim Landsberger Autorenkreis? Immer wieder erstaunt er mit seiner großen Bandbreite, und manch einer fragt sich, wie so viele hör- und sichtbar verschiedene Menschen in solcher Harmonie verbunden bleiben können. Die Lyrik macht’s, möchte man sagen. Und auch wenn sie jenem zarten Alter entwachsen sind, das man heute gern beim Poetry Slam antrifft – „im Herzen so jung und an Träumen so reich“ sind sie immer noch. Als Sigi Aldenhoff mit diesem Lied den Abend eröffnete, fühlten sich ausnahmslos alle abgeholt und verstanden.

Und da es ein Vollmondabend war, träumte Carmen Kraus gleich ein paar von Enge befreite „mondgekalbte Gedanken“ hinterher und schickte sie im Galopp durch die neue Weite im Äther. Vom ganzen Leben die Hälfte bewältigt, hinterfragte sie diese halbe Wahrheit und fand ein facettenreiches Spiegelbild. Genuss dürfte allmählich stringente Planung ablösen, freudige Leichtigkeit von Irrwegen ablenken und an einem poetischen Schreibtag für pures Entzücken sorgen.

Marianne Porsche-Rohrer hatte viele Schreibstunden bewältigt, denn seit Kurzem bringt sie alljährlich ein lyrisches Gesundheitsbuch heraus, in dem beispielsweise Birkenblätter bewirken, dass ein junger Mann sich unverdrossen zu roten Rosen für Marie entschlossen hat. Und ist der Magen auch recht sauer, empfiehlt Melisse sie auf Dauer. Zum Glück für einen Stubenhocker ließ sein Doktor gar nicht locker, empfahl Seniorentanz und Yoga … und drückte ein Auge zu, wenn er stattdessen mal zum Essen ging.

Nun wurde es aber bitterernst. Max Dietz mahnte die moderne Sprachverarmung an. Jahrelang mit der Nase in guten Büchern und mit den Ohren im Wohlklang alter Schallplatten versunken, traute er sich neuerdings an den Fernseher – und war entsetzt darüber, was dessen Protagonisten zeitnah im Narrativen verorten: Der Philanthrop wurde ebenso wie der Spritzbrunnenaufdreher zum Homo Generalis, alle sprachlich feinen Unterscheidungen wurden im Positiven getilgt, so dass es nur noch Menschen gab. Nur der Misanthrop rutschte noch, unerkannt, durchs Raster.

In seinem „Lied für die Tänzerin“ walzerte sich Sigi Aldenhoff beschwingt in die Welt hinter ihrem Gesicht, zähmte ritterlich ihren Drachen, stellte sich ihr vor die Füße und wäre auch sofort mitgeflogen in die warme Weite der Leidenschaft, die ihre Stimme versprach, wenn … ja, wenn das Schloss nicht so dunkel und die Brücke verstellt gewesen wäre. Es werde Licht!, will man da spontan rufen, damit dieser Tanz nie endet.

Licht jedenfalls fand Gerwin Degmair ausreichend im Spanienurlaub, doch ihm gereichte es zum Schaden, zog es doch massenhaft Blutsauger an. Und weil der Mensch nun mal so ist, dass er erst mal den anderen totschlägt, „bevor er hinterfragt, welche Not ihn selber plagt“, behalf er sich zunächst so brachial, um dann allen Ernstes den Humor als Wegbegleiter zu wählen, der seine Gefühle so sehr düngte, dass er schließlich vom „Denkasketen“ zum Poeten wurde.


Nun war Hannelore Warreyns Stunde gekommen, ihre persönliche Duftnote zu setzen. In blindem Vertrauen hatte sie sich selbst verlassen und stand nun „neben mir statt neben dir“. Dort fand sie jedoch zwischen tiefblauen Kornblumen reife Ernte im Klatschmohnsommer, so dass sie nur noch zwischen Licht und Gegenlicht pendelte, was schließlich keine schlechte Entwicklung war.

Sommergedichte packte auch Lore Kienzl aus, erst wenige Stunden davor hatten sie vor ihren Augen Gestalt angenommen. Der Geruch von Freude, den sie darin fand, umspielte auch die Nasen der Zuhörer, als der Sommer ihnen zublinzelte. Ein hoher Himmel umarmte die Erde, als die Bäume sich sanft dem leichten Wind ergaben. Welche Heiterkeit schenkt doch das Leben!, stellte die Autorin und bildende Künstlerin fröhlich fest.

Im „Herbstlied“ verführte „ein Lockruf, ein Duft, den ich früher gekannt“ den vielseitigen Barden auf dem alten Weg, der sich so krumm wie seine Gedanken schlängelt, das Ende nicht absehbar. Im Blick zurück sieht er nur die verjubelte Zeit, nach vorne unendlichen Raum und über allem kreist ein still schwebender Bussard, ein Lockruf … in die Pause.


Letztere verging so schnell, wie sie gekommen ist, und erst das zur Gitarre gebellte Lied riss die regen Gespräche in Fetzen. Bald erlag das Publikum wieder dem Zauber der Bilder aus einem neuen poetischen Lied. Es fühlte mit dem Sänger den flüchtigen Augenblick der Erleuchtung ebenso wie die wehmütige Sehnsucht nach Vergangenem, aber auch sein Eintauchen in die Zufriedenheit und Zuversicht des mitdösenden Hundes.

Danach gab sich Klaus Wuchner kämpferisch und wehrte sich gegen das Gierig-Geschwätzige im Sommerloch. Doch weil die eindringlichsten Mahnungen nicht so viel bewegen wie ein lautmalerischer Knall, ließ er am Schluss mit einem „Peng!“ den Moloch noch einmal so laut zuschlagen, dass sich weitere Worte erübrigten. Die Zuhörer zuckten zusammen … und lachten.

Und mit einem Lächeln im Gesicht empfingen sie auch noch die „Eiswinde“ der Inifrau von Rechenberg. Von schmerzlich gespaltenen Lippen löste sich ihr Schrei, der die stürmische Nacht zerfetzte, in der heute Totenschädel die Kontinente verbinden. „Wann werden sich unsere Herzen begegnen?“, fragte die Lyrikerin, die genau hinschaut. Im Wechselbad der Gefühle fröstelte das Publikum mit, auch als die alte Mutter ein Sternschnuppen-Wiedersehen feierte. Doch dann war es drei Uhr nachts und sie lächelte. Sie hat sich losgemacht von der Zeit, jenem Uhrwerk der Menschheit, das sie zwischen zwei Linien einschloss, so dass sich ihre Flügel zu fremden Türen nicht ausbreiten konnten. „Ich will träumen von dir, Urgedanke des Lichtes, der Hoffnung …“

Bevor aber die Zuhörer alle mit abhoben, holte Monika Hrastnik sie zurück ins Sommerloch und packte die handfesten Themen auf die Schippe, mit denen die Zeitung alltäglich zündelt. Schließlich hakte sie bei der Kunst ein, die zuweilen auch zum Pulverfass gerät, aber doch weniger zerstört als zum Nachdenken anregt über die Sichtweise des Anderen, was uns allmählich toleranter macht.

Helmut Glatz testete mit zwei Chansons die Spontanität des Musikfreundes. Und so begleitete Sigi Aldenhoff mit der Gitarre die unsteten Schritte des Vagabunden, der durch die große seltsame Welt zieht, unfähig sich selbst zu verstehen. Daran schloss sich das Lied vom arbeitslosen Clown an, dessen Hausbank heute unter Parkbäumen steht. Und weil es selbst für Clowns nichts mehr zu lachen gibt im abgebrannten Zirkus und rundum genug Narren unterwegs sind, kann er nur noch aufs Land ziehen und zum Minister des Zaunkönigs werden. Kein schlechter Tausch, sollte man meinen.

Dass Sigi Aldenhoff nicht nur singen, sondern auch hervorragend Gedichte vortragen kann, bewies er einmal mehr mit der Darbietung von „Ich wünsch dir einen Sohn“, dessen ganzer Wortlaut sich auf seiner Homepage zum Nachlesen findet. In die eigene Jugend entführt und im nächsten Moment in die Zeit als Eltern von Jugendlichen katapultiert, nickten ihm viele Köpfe verständnisvoll lächelnd zu.

Mit seinem Lieblingslied „Singen solang ich singen kann“ erfüllte er dann nicht nur sich einen Herzenswunsch. Die Höhen und Tiefen des Lebens – „mal wieder ein Goldstück gefunden, mal wieder von Hexen gequält“ und unseren inneren Zwiespalt – „mal wieder die Freiheit besungen, mal wieder den Mammon verehrt“ – bringt keiner besser auf den Punkt.

An dieser Stelle wäre nun eigentlich die Westlesung zu Ende gewesen, aber keiner wollte gehen.

Und weil der Liedermacher so schön in Fahrt war, fügte er bereitwillig noch eine Kostprobe hinzu: ein Lied von Deutschland mit der „Hoffnung, dass wir wirklich Menschen sind“, auch wenn wir Schwarz und Rot und wieder sehr viel Gold haben. „Es sind nicht die Schwachen, die dich leiden machen; überleg, wer die wahren Feinde sind.“ Kaum zu glauben, dass das Lied schon seit einigen Jahren in seinem Repertoire ist.

Ein Schlaflied hatte man sich noch von ihm gewünscht, und so sang Sigi Aldenhoff seine Übersetzung von Peter Sarstedts „Where do you go to, my lovely“, nämlich „Wo gehst du hin, meine Schöne“, eine gesellschaftskritische Ballade mit sehr viel Herz.

Max Dietz kündigte noch die nächste Lesung des Autorenkreises an, am Nachmittag des 4. September in der Säulenhalle, bei der Jahresausstellung des Landsberger RBK (Regionalverband Bildender Künstler). Mit angeregten Gesprächen klang der Abend aus. Für diese Nacht hatte man viel Stoff zum Träumen …

Carmen Kraus