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Die Adventslesung des Landsberger Autorenkreises

Was braucht man, um 40 Menschen auf Weihnachten einzustimmen? Schneefall? Budenzauber? Man braucht dazu zwei Gitarren, eine Harfe und eine Blockflöte, vier Frauen, die virtuos damit umgehen können, und elf mitteilungsfreudige Autoren. Dies alles in einem wunderbar weihnachtlich dekorierten Raum.

Am Freitagabend, dem 9. Dezember, wartete ein festlich geschmückter Saal im Gasthaus Siebentisch auf die Gäste. Pünktlich um 19:30 Uhr, der üblichen "Autorenkreis-Zeit", eröffneten "Die Vielsaitigen" mit einem einfühlsamen Stück des blinden mittelalterlichen Harfenspielers und Komponisten Turlough O’Carolan das Programm.

Roland Greißl begrüßte die zahlreich erschienenen Zuhörer, auch im Namen der Kulturreferentin der Stadt Landsberg, Frau Sigrid Knollmüller. Mit einem Augenzwinkern verwies er darauf, dass "Die Vielsaitigen" eigentlich "Die Treuseitigen" heißen müssten, stehen sie doch schon mehrere Jahre in Folge dem Autorenkreis treu bei seiner Adventslesung zur Seite. Dieses Mal konnten nur vier der insgesamt sieben Mitglieder der Gruppe kommen – Irmi Dirscherl, Wilma Hofer-Filser, Marianne Lorenz und Gabi Meyer. Doch das tat der Harmonie des Tandems "Musik und Literatur" keinen Abbruch.

Am 11.11.11, so erinnerte Greißl, haben wir Helmut Glatz im ehrwürdigen Landsberger Rathaus schwer vermisst und die schöne Rocaille wurde vorübergehend in seine Hände gelegt. Renate Exsz durfte sie nun endlich ihrer Bestimmung zuführen und sie Helmut Glatz ans Revers heften. Die beeindruckende Urkunde von der Stadt Landsberg wurde vorgestellt und seine Frau Renate bekam einen großen Blumenstrauß zum Dank für ihre Unterstützung aus dem Hintergrund.

Mit einem weiteren irischen Stück beschlossen die virtuosen Musikerinnen die kleine feierliche Sequenz.

Beispielhaft brachte Roland Greißl nun Weihnachtsgrüße aus aller Welt dar, erzählte von den Anfängen mit dem Bischof von Myra, die über das Christkind bis zum heutigen Weihnachtsmann führten. Doch ist es letztlich nicht unwichtig, ob Sinterklaas, Väterchen Frost oder Papa Noel, zusammen mit Zwartem Piet, Krampus oder Perchten, vor der Tür stünden? Viel wichtiger seien doch das Licht und die Liebe, die sie uns hereinbringen.

Und so begann der eigentliche Leseabend mit Geschichten von Weihnachten in einer schweren Zeit. Kurt Bergmaier, schreibender Architekt aus Schondorf, ließ eine Eva in Zwiesprache mit der Statue des Heiligen Nikolaus die Kerzen anzünden und sich anschließend vom fleischgewordener Nikolaus tanzend beflügeln. Überrascht stellte man fest, dass dies die fantastische Nacherzählung einer Theateraufführung in Dießen beim Weihnachtsmarkt 2001 war.

Klaus Wuchner
aus Landsberg erzählte Kindheitserinnerungen, als es in stürmischen Novembernächten hieß: "’s Luzie geht um", was die Kinder dazu bewog, in der sicheren Stube zu bleiben. Doch auch vom Heimkehrerzug wusste er zu berichten. "Wie soll der Bäcker noch backen, wenn er nur noch einen Arm hat?", sorgten sich die Leute. Und es gab noch herbere Schicksale, so wenn einer ganz ohne Beine zurückkehrte. "Wo is mei Papa?", wollte er wissen, aber sein Papa kam erst vier Jahre später aus sibirischer Gefangenschaft zurück.

Und während man noch wehmütig dem Vergangenen nachhing, erklang von den vielen Saiten ein französisches Weihnachtslied: "Entre le beuf et l’âne gris" – Zwischen Ochse und grauem Esel.

Otto Stedele aus Obermühlhausen trug ein gemeines Gedicht, frei nach Theodor Storms "Knecht Ruprecht", in hochdeutscher, bayerischer und Lechrainer Mundart vor. Schwer hat’s der heilige Mann heute schon, stellt er darin fest, denn wo findet man schon noch "christbrave Kinder" und, so klagte er, ein kleiner Junge wünsche heute, man solle ihm "ins Säcklein tun McDonalds-Sachen", denn "sein Herz ist leer. Knecht Ruprecht versteht die Welt nicht mehr."

Renate Langhammer dagegen ließ das heutige Beziehungsleben in ihre Weihnachtserzählung einfließen. Doch nach 20 Jahren treffen sich Werner und Birgit wieder, schwelgen in Erinnerungen, von Nüssen und Mandeln und Süßigkeiten, die die Kinder zu Weihnachten bekamen, alle, außer Birgit, der Werner damals mitleidig von seinen abgab. Als späten Dank bekommt er am Schluss von Birgit einen aufrüttelnden Hinweis zu seiner Noch-Ehefrau …

"Wia’s friahra so war", teilt auch Heidi Kjaer uns in ihrer Hohenpeißenberger Mund-Art mit. Wie sie den "Chrischkindlbriaf aufs Fenschdabreddl" legt und fiebert, "ob’s Engerl boid kimmt?" Wie die Mutter Parfüm bekommen hat, "a winzig kloan’s Flascherl", aber auch, dass sich damals noch jeder "auf’s Mettngeh gfreit" hat. Im zweiten Gedicht "Ich mach meine Aug’n zua" träumt sie sich ihre Eltern wieder herbei, "mecht oamoi no sei des kloane Kind, geliebt und beschützt und frei von Sorg’n, i wissad mi endli wieda geborg’n".

Geborgen fühlen wir uns auch, als das musikalische Quartett das "Gloria in Excelsis Deo" anstimmt. Der Liedertext liegt auf, so dass alle mitsingen können.

Ein Kuriosum nach dem anderen reiht Roland Greißl danach auf: vom Nikolaus auf dem Surfbrett in Australien. Dass er in England mit Rentierschlitten auf dem Hausdach landet und durch den Kamin hereinkommt, die hässliche alte Frau Befana es in Italien aber ebenso macht. Vom Jul-Bock, der im nordgermanischen Raum die Geschenke bringt. Und dass in Island, einem baumarmen Land, traditionell Weihnachtsbäume aus einzelnen Ästen zusammengebastelt wurden.

Helmut Glatz hatte bei "Weihnachten in aller Welt" die Tierwelt kurzerhand mit eingeschlossen. So ließ er denn die Tiere zum Jesuskind strömen wie weiland die Hirten. Doch "Eintritt für Tiere verboten" mussten sie sich sagen lassen. Man protestierte vielfältig und einigte sich schließlich auf einen Abgesandten, der durchschlüpfte, weil der wachhabende Engel ihn nicht sehen konnte. "Für Mäuse sind die pausbäckigen Barockengel zuständig" – und die waren gerade abwesend.

Nach der Pause lockten zwei Gitarren, eine Harfe und eine Blockflöte mit "Kommet ihr Hirten" zur zweiten Halbzeit und alle sangen begeistert mit.

Maria Schütze-Bergengruen, Tochter von Werner Bergengruen, las eine seiner Kindheitserinnerungen aus Riga, von der lettischen Kinderfrau Lisbeth, die seinen Vater um 1900 betreut hatte. Wie sie mit den Kindern "Tudolin-Taggadin" sang, hatte der Vater ihm erzählt. Und dann besuchten sie die alte Lisbeth nach Jahren an Weihnachten und trafen ein winziges Wesen, das im Dunkel neben dem Ofen saß mit "Stiche von Kopf bis Fieße". Und singen wollte sie auf keinen Fall mehr, denn es wäre eine Schande, dass "ein altes Mensch noch singe".

Handfeste Erinnerungen aus der Weihnachtszeit im bäuerlich geprägten Siebenbürgen brachte Adelheid Reßler zu Gehör, die ehemalige Lehrerin aus Talmesch, die heute in Steingaden wohnt. Als evangelisch Gläubige hatte sie natürlich "Das Christkind" im Gepäck. Wir erfuhren von alten siebenbürgischen Bräuchen: Schweineschlachten im Advent, Christbaumschlagen, Kircheschmücken, Christleuchter binden. Zur Veranschaulichung hatte sie Bilder ausgelegt von dem Christleuchter, dessen Tradition bis ins 14. Jahrhundert zurück urkundlich belegt ist.

Damit leitete Roland Greißl jenen besinnlichen Teil ein, der nicht an feste Orte gebunden ist: Gedanken, die in dieser Form überall auf der Welt Gültigkeit haben.

Marianne Porsche-Rohrer, die Apothekerin aus Schongau, die laut eigener Aussage eher "Gebrauchsgedichte" schreibt, hat drei mit indirektem weihnachtlichem Bezug ausgesucht, zu Semmelknödeln, Rotkohl und der Weihnachtsgans. Was wäre die „Weihnachtsküche ohne Gansgerüche“? Wohl "wie Osterfeier ohne Ostereier". Als Zugabe kam sie dem Wunsch nach, doch noch mal die Reime von der "hustenden Anette im Bette" zu lesen, in dem kurzweiligen Gedicht vom Spitzwegerich.

Angelika Müller kam aus Oberbergen und fragte uns: "Wo ist das Licht?", um gleich selbst die Antwort zu geben in einem wunderbaren Wortkonstrukt: in den Herzen, "denen es nicht an Liebe gebricht". Unsere Augen lässt sie das Licht in dunkler Nacht sehen, unsere Ohren es im Knistern der Flamme hören, und im Verzücken der Kinder können wir es fühlen. Um uns schließlich zu raten: "wenn du es selbst aussendest, indem du Frieden und Güte spendest. DA ist das Licht!"

Paul H. Wendland aus Hohenfurch hat viele Worte gefunden in der Schule des Lebens und im gleichnamigen Buch diese auch anderen zugänglich gemacht. So führt er uns im Gedicht unweigerlich zur Erkenntnis, dass "sein Wille geschieht". Und in einem weiteren stellt er fest, dass wir "Menschen mit dünkelhafter Niedertracht" wohl längst verloren wären ohne jene Geburt Christi, der gekommen ist, um uns aufzurufen zur "Weltenwende durch Raum und Zeit".

Die sanfte irische Weise "Scarborough Fair" aus der Hand der vier Künstlerinnen führt uns viel-saitig wieder ins Hier und Jetzt zurück. Renate Exsz, mit langbezipfelter Mütze als Nikolausin des Landsberger Autorenkreises ausgewiesen, überreicht ihnen vier Exemplare des "Literarischen Lechrauschens" zur besinnlichen Adventslektüre und Roland Greißl dankt für die herrliche Stimmung, die ihre Musik in diesem Raum geschaffen hat.

Seine Frau Andrea hält auch diese Szenerie im Bild fest. Lore Kienzl und Kurt Bergmaier, beide RBK-Mitglieder, die auch in anderen Kunstgattungen sattelfest sind, haben die Stimmungen dieses Abends in Zeichnungen eingefangen.

"El Noi de la Mare", ein katalanisches Weihnachtslied, ertönt als erste Zugabe. Und bei "Macht auf die Tür" singen wieder alle mit.

Draußen ist es schon deutlich kälter geworden. Hat unsere Adventsfeier gar das Wetter beeinflusst? Am nächsten Tag wachen wir zum ersten Mal in diesem Winter in einer weißen Schneelandschaft auf, mit Augen und Herz einvernehmlich auf Weihnachten eingestimmt.

Carmen Kraus