Träume - 24.7.2026
Traumhaft flotte Südlesung
An einem sommerlichen Freitagabend mit milden Temperaturen begrüßte Moderatorin Marianne Porsche-Rohrer um 19 Uhr das Publikum, das ihrer Einladung zum Landsberger Autorenkreis gefolgt war. Seine lyrische Albtraum-Satire hatte Rudi Fichtl ihr vorausgeschickt zum Vortrag in der Autorenrunde: „Albtraumnacht/ Saurons finstre Ork-Brigaden,/ Flixbusfahrt mit Diarrhoe,/ Kühlschrank bis zum Rand voll Maden,/ Jaufenpass mit Bremsschlauchschaden/ und zum Schluss André Rieu.“ Welch ein Start!
Das Lied „Waldeslu-u-ust!“, gesungen und am Akkordeon begleitet von Gerda Kees, vertrieb im Nu jeglichen Alb.
So eröffnete Barbara Koopmann entspannt die vom Los bestimmte Reihenfolge des Leseabends mit einer Rückbesinnung in Zitaten. „Träume sind Schäume“, hielten vor rund 200 Jahren die Brüder Grimm für die Nachwelt fest. Doch wenn das für den „Schatz auf der Brücke“ stimmen sollte, so doch nicht für jeden von uns. Gesundheit und Freude wünscht man sich. „Ich träume gern“, bekennt die Autorin hellwach, denn „andere begegnen mir kläglich, dann wünsche ich Askese“.
Zum zweiten Mal las Armin Schirrmacher im Autorenkreis, dank einer Fügung beide Male im Gasthaus „Seerose“ in Welden im Fuchstal. Er thematisierte „Lebensträume“: Beginn und Ende des Lebens wurden uns gegeben, dazwischen gestalten wir es mit der Annahme von Freuden und Sorgen, in Dankbarkeit, in Selbsterkenntnis. Dazu der Vers: „Nur Mut! Wenn wir das machen, geht es uns gut.“
Dieter Vogel hatte traumhafte Angebote in den Blick genommen, die oft so verlockend angepriesen werden, dass man nicht mehr darüber nachdenkt, ob man sie braucht, ja, ob sie überhaupt sinnvoll sind. Da entpuppt sich der eingepackte Windschutz für den Urlaub am Zielort schon mal als beginnender Albtraum – das Ganze stark überzeichnet in einer kurzweiligen Geschichte.
Mit „Auf, auf zum fröhlichen Jagen!“ nahm Gerda sein Hinterherjagen hinter der flatternden Plane auf.
Farben hatten es Andrea Sperling angetan. Statt der Konferenz der Tiere also eine solche Zusammenkunft der Farben, die unbedingt die Welt ändern wollten. Das Rot will den Himmel anstreichen, das Schwarz gibt kund: „Ich bin das neue Weiß.“ Letzteres will rosafarben, das Rosa lieber lila sein. In der Reflexion, was das für die Welt bedeutet, wurde alles nochmal durchdacht. Das wünschte sie auch der realen Welt angesichts spontaner Entscheidungen, die zu neuem Elend führten. Dazu zeigte sie mahnend das bedrückende bunte Ausstellungsfoto eines Haufens von Schwimmwesten der Mittelmeer-Flüchtlinge, die es nicht geschafft haben.
Mit Martin Luther-Kings „I have a dream!” legte Tina Vogel los, einem Traum von Rassengleichheit, der immer noch nicht ganz wahr geworden ist. „Ich habe einen Traum“, sagte sie. „Ich träume, dass Politiker sich einigen und Frieden schließen“, und von Bruttonationalglück statt Bruttosozialprodukt und Ähnlichem. Und egal, was passiert, sie gibt die Hoffnung nicht auf und träumt weiter.
Unterstützend sang Gerda Kees zur Herz-Schmerztherapie „Wie lieblich schallt …“
Nach einer erfrischenden Pause startete Marianne Porsche-Rohrer den zweiten Teil des Leseabends aus ihrem Dr. Wald-Buch: Unbeschwert wie die Vögel will sie den Buchenwald im ganzen Jahreskreis genießen. „Wer will nach Morgen fragen?“
Den Ruf der Erinnyen hatten die Literaten Thomas Glatz, Ulf Großmann und Klaus Büttermann im gemeinsamen Dreiklang erneuert. Eine Lesung ohne Thema, wie sie in Waal stattfand, hatte die Flussgeister der Singold im Kneippbecken geweckt, die die Rachegöttinnen heraufbeschworen. Das sprachliche Experiment in chorischer 5-Minuten-Fassung verlangte den Zuhörenden äußerste Konzentration ab. Wovon murmelten die Quellen: was riefen die Göttinnen? Es knarrt das Gelenk … Etwas abgetrieben wird … „Rufe Hortensienkalbkalmückenkiebitz!“ … Rufe … Hatschemi kerulab! … „Hugenotten? Tinnitussss! Nordmanntanne?“ … Warte zweimal … „Arme Autoren.“ … Schleppen aus Seide … könnten geflügelte Schlangenhaare sein: „Dann talge den Tag …“
Gerda brachte alle wieder in die Spur: „Im Frühtau zu Berge …“
Gastleserin Marita Schirrmacher aus Buchloe gab ihr Debüt im Autorenkreis mit einem Oma-Enkel-Dialog. Erstere ist schwer bemüht, dem Nachwuchs christliche Werte nahezubringen. Doch wo dockt sie an? Gott hat alles erschaffen. „Auch die Monster?“ Ja, klar. „Deshalb sind die so stark“, leuchtet es dem Enkel ein. Jesus will allen helfen – das scheint er nicht zu verstehen. Doch im Supermarkt, wo Oma ihm partout nicht das schöne Feuerwehrauto kauft, stampft er wütend schluchzend auf: „Jesus, hilf mir!“
Martje Herzogs Geschichte drehte sich um einen stolzen Hahn, der in Nachbars Hecke flattert und von da in den fremden Garten, womit ein wahrer Albtraum beginnt. Denn als die Frau zur Vertreibung den Stock schwingt, führt der Hahn sein gesamtes Repertoire auf, um die gefiederten Damen zu beeindrucken: Kragenfedern hoch, Attacke mit Schnabel und Krallen auf Stock und Hand! Die Flucht ins Haus allein genügt nicht, schrägste Musik erst vertreibt den erhobenen Hauptes Stolzierenden und seine Damenriege.
Wie gut, eine Gerda zu haben, die mit „Glück ist Wärme, wenn es kalt ist, … eine stille Stunde, auch ein gutes Buch …“ die Emotionen wieder auf ein erträgliches Maß herunterregelte.
Dann las Heiko D. Felbrici neue Gedichte: In „Träumen bei Nacht“ etwa sah er „im Traum voller Entsetzen/ das Schicksal schon die Messer wetzen“, denn „manch böses Tun/ plagt dich im Traume nun“. Und in „Da wächst etwas Grünes“ beschrieb er minutiös das spannungsgeladene Vorhaben, aus dem Hochbeet etwas zum Fischsud beizutragen. Die Auflösung bleibt hier ungenannt, aber dass es sich um einen Hochgenuss zum Schluss handelt, darf verraten werden.
Die Moderatorin trug aus ihrem Buch „Lieber gut schlafen …“ ein Gedicht zur Entscheidungsfindung vor: Nachthemd, Schlafanzug oder nichts. „Wer gar nichts trägt, fühlt sich ganz frei“, friert aber leicht. Dem Fazit „Hauptsache ist, man schläft nicht schlecht!“ konnte jeder nur beipflichten.
Und Gerda stimmte ein neues Lied an, „Im Wald möchte ich leben … mit viel Lust und Fröhlichkeit“, um dann unvermittelt auf „Amazing Grace“ umzuschwenken, das einige begeistert zum Akkordeonklang mitsangen.
Nach genau zwei Stunden war der Leseabend mit 13 beitragenden Autoren beendet, andere hatten sich zurückgelehnt und mal nur zugehört. Auch lauschende Gäste waren in der „Seerose“ am Weiher, manche hatten zum allerersten Mal vom Autorenkreis gelesen und sind gleich gekommen. Das und mehr musste man einander doch mitteilen, und so entspannen sich an den Tischen noch rege Gespräche, auch zum soeben Gehörten.
Wie geht es weiter im Kreis? Zunächst mit einer inspirierenden sommerlichen Schaffenspause, die in einem gemeinsamen Autorenausflug gipfelt und dem Besuch der Langen Kunstnacht in Landsberg. Und im Herbst hält nicht nur der Winzer seine Weinlese. Am 1. Oktober trägt das Werkstattgespräch kreative Früchte und am 23. Oktober wird in der Bücherei Buchloe bei den Buchvorstellungen der Autoren eine literarische Ernte eingeholt. Es bleibt spannend!
Carmen B. Kraus
Fotos: Thomas Glatz, Tina Vogel und Lore Kienzl






