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„1-2-3 im Sauseschritt eilt die Zeit, wir eilen mit“ – mit Wilhelm Busch eröffnete Roland Greißl den Leseabend des Landsberger Autorenkreises, der seit drei Jahren als „Südlesung“ bekannt ist. In Welden, der landschaftlichen Perle des südlichen Landkreises, lag bis vor Kurzem der südlichste Punkt, an dem dieser offene Kreis von Autoren aus Landsberg und umliegenden Orten seine literarischen Gedanken offenlegte – bis im Juni die Vorträge in Murnau diesen Ort in die Mitte verwiesen. „Möge die Kraft der Kraftorte in die Kraft der Worte einfließen“, so Greißls Wunsch, mit dem er den Reigen der Autoren eröffnete.

Max Dietz, mit seinem erst dritten Vortrag noch recht jung im Kreis, entrollte einen Wörterteppich der Doppeldeutigkeiten in der „stummen Inselzweisamkeit“ einer Ehe und blickte auf eine neue Welt, durch die er mit seinem Freund Otto „wie zwei alte Gespenster“ zieht. Lore Kienzl brannte ein Feuerwerk an Farben ab, jedoch „Ohne Titel“, um wie in der Malerei Raum freizumachen für eigene Interpretationen. In einer „Nachtwanderung“, als „die Sonne das Licht mit sich genommen“ hat, entdeckte sie unser „Beheimatetsein in dieser großen Schöpfung“ und sinnierte mit „grauen alten Hühnerbeinen“ über den anmutigen Weg des Todes, den doch keiner gehen will. Katrin Gabriel, die Malerin, die bereits in Riederau mit einfühlsamen Texten überraschte, ließ aus einem Bild ein Märchen erwachsen über das unglückliche Schicksal einer missgebildeten Palme, die dort steht, „wo der rissigen Erde Obst und Gemüse abgerungen wurde“.

Helmut Glatz, der Wortakrobat aus Landsberg, ließ Oskar mit seinem Geschichtenfängernetz durch die Welt ziehen. Er fängt Geschichten ein, um sie in seinem Garten frei laufen und sich entfalten zu lassen – denn wehe ihnen, wenn sie „zwischen zwei Buchdeckel geklemmt würden“ wie aufgespießte Schmetterlinge im Schaukasten! Gerwin Degmair, der nicht anwesend sein konnte, grüßte die Kommilitonen mit einem Gedicht und wünschte „viel Genuss beim Lyrik-Prosa-Musenkuss“. Hans Schütz, das Urgestein aus Lechbruck, stimmte ein „Klagelied“ an über den Engel, der sich auch „mit Engelszungen nicht herbeireden“ lässt, um aber festzustellen: wenn die Hoffnung schwindet, „bist du da, ganz unverhofft“. Mit dem Einblick in eine „historische“ Musterung stellte er sein neues Buch „Ludwig zum Zweiten“ vor, einen Jugendroman der 68er Generation, in den auch einige seiner Gedichte eingeflossen sind. Carmen Kraus schwelgte vom Ort der Lesung, Welden, dem „kostbaren Kleinod in seufzenden Wäldern“ und brach eine Lanze für das sogenannte schlechte Wetter, dessen Wolken jedoch unser „irdisches Nest“ zudecken und Geborgenheit schaffen. Mit Blick auf Utøya, Somalia und die hiesigen „Einsamen in der Seelenweite“ muss sie feststellen, dass die ganze Welt wohl Ohren hat (die nichts hören), aber „wo ist ihr Herz“? Thomas Glatz, der mit offenen Ohren und Augen durch die Welt geht, erzählte detailreich von der Schwierigkeit, mitten im Sommer, „wenn die Schlagzeilen des Tages in der Sonne flirren“, einen weihnachtlichen Text zu verfassen. Doch baut er geschickt selbst die Vitamine im Gemüse (sie „scheinen eine Gloriole zu bekommen“) in seine „Winterfreuden“ ein.

Renate Exsz verweist darauf, dass die Welt sich gerade häutet und bittet um Rücksicht, denn „die neue Haut ist zart und sehr verletzlich“. „Schau hin“, fordert sie, und „handle, damit das Leid sich lösen kann“, aber auch: „verzeih, damit die Hoffnung wieder blühen kann“. Ingrid Maria Linhart, die Burgenländerin, die besuchsweise in Landsberg weilt, bereicherte den Abend mit göttlichen Gedichten über die Stille innen, „in der Tiefe der eigenen Seele“, wie „im äußeren Schweigen“, stellt fest, dass nicht Kritik, wohl aber die Liebe „die Bäume wieder grünen lassen“ wird und kann selbst dem vom Orkan geknickten Wald wunderschöne Bilder abringen. Martje Herzog las aus ihren Reiseeindrücken 1988 von New Orleans mit seinem „Mut zur Farbigkeit“ und von der 12-stündigen Busfahrt nach Atlanta mit nur zwei Käsebroten im Gepäck. Diese Welt, „in der alles überschaubar ist, aber nicht mehr stimmt“, hemmt zurzeit ihre Schaffenskraft: sie mag nicht mehr schreiben – vielmehr alles hinausschreien!

Gerda Mucker-Frimmel, die Wiener Autorin von der Gesellschaft der Lyrikfreunde, kam zur familiären Spurensuche in die Lechstadt. Mit dabei hatte sie ihre „Frage an Albert Einstein“, wo wir unsere Gebete hinschicken sollen, da wir so lange neue Sterne und Monde entdeckt haben, „bis der Himmel nicht mehr da war“. „Im Kaleidoskop der Wahrheit“ baut sie die bunten Splitter der Welt laufend um, bis wir schließlich „fünfdimensional denken“, die Welt aber entbehren können. In ihrer „Turnstunde“ sorgt sie für allgemeine Erheiterung darüber „was d’Leit so unter gsund verstehn“. Und in Mundart, wenn auch oberbayrisch, schließt sich auch Heidi Kjaer aus Schongau an, die in ihren Versen streitbares Rot trägt. Ja, „wann i kunnt, wia’r i mecht“, dann würde sie „oamoi no meim Zuggaschneggal d’Hoor vawuuzln“. Im Wutgedicht entfesselt sie, nachdem Wort für Wort die Seele verletzt hat, neue Kraft für einen Alleingang, denn „zu meine Weg gheern meine Schritt, mit ganz vui Glück geht oaner mit“. Roland Greißl schließlich beschrieb in facettenreichen Bildern das Aufkommen eines Unwetters von dem „silbrig glänzenden Blatt“, das noch heimelig am Boden ruht bis zur „wuchtigen Macht feurig-erregter Geschosse“, die alles zerfetzen, bis zum Nachspiel, wenn der Mensch „der Versicherung das Ungeheuerliche noch ungeheuerlicher zu vermelden“ sucht. In verwirrenden Stufen räsoniert er über vergebliches Bemühen, um schließlich mutig zu fordern: nimm die Stufe und spring, „spring ins Leben“!
Mit Greißls Dank an das „fantastische Publikum“, das aller Wetterunbill zum Trotz in die abgelegene Idylle am Weldener Weiher gekommen war, ging ein kurzweiliger Abend zu Ende, der wieder einmal das breite Spektrum der Autoren dieses Kreises auffächerte.

Carmen Kraus