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Das Jahr startet neu und auch die Berichtserie zu unseren Lesungen. Wir wissen, dass manche sich einen schnellen Überblick verschaffen wollen, während andere sich dem Genuss einer ausführlichen Schilderung hingeben. Dieses Mal können wir allen gerecht werden: den Eiligen und den Gemütlichen. Viel Freude daran!

Die Kurzfassung:

Neubeginn als Tür für unsere Sehnsucht


Ein „früher Vogel“ war dem Weckruf von Michaela Schmitt gefolgt, die ihr Moderations-Debüt im Landsberger Autorenkreis gab. Paul Gauguin führte sie an, der seiner Sehnsucht folgend im Pazifik den Neubeginn wagte und dabei feststellte: „Die größte Herausforderung des Lebens liegt darin, die Grenzen in dir selbst zu überwinden und so weit zu gehen, wie du dir niemals hättest träumen lassen.“

Die Autoren gingen das Neue auf unterschiedliche Weise an, im Rückblick nahmen sie Liebgewonnenes mit oder sie sahen zielstrebig nach vorne und trugen ihre Geschichten und Gedichte vor: Roland Greißl die Symphonie seines Köpers, Gerwin Degmair des Dichters Zweifelei samt Sehnsuchtsschrei, Claire Guinin eine Reflexion übers Moderieren. Dieter Vogel las zur Ruhe in Störung, Klaus Wuchner träumte sich an einen Wunschort, Reinhard Wendland hielt es mit Neuausrichtung und Verzeihen.

Tina Vogel bastelte das perfekte Fotobuch und Helmut Glatz verknüpfte Silvester mit Hase und Igel. Fred Fraas führte von dramatischen Weltnachrichten in ein fantasievolles Sehnsuchtsland. Hans Schütz überzeichnete satirisch das Waldbaden und brach eine Lanze für das Gartenbaden: Der eigene Garten mit seinen Kraftplätzen, dem Gartenteich voll linksdrehenden Wassers und glückbringender Kois sei ideal zur Burnout-Prophylaxe.

Bei einem Glas Wein reflektierten die Autoren anschließend die zumeist humorvollen Texte. Für die Lesung am 24. Januar bewegen sie bereits das nächste Thema im Herzen, „dieser eine Augenblick“. Schreibfreudige, auch neue, sind herzlich willkommen.


Und hier ganz ausführlich:

Im Neubeginn liegt die Chance der Veränderung -

eine Tür, die unserer Sehnsucht hilft zu wünschen und zu träumen

Dieses Mal ist der Neubeginn wie der „frühe Vogel“. Es soll ein außerordentliches Jahr werden, singt der Vogel frühmorgens schon auf dem eisigen Ast im Januar. Dem Weckruf der Moderatorin Michaela Schmitt, der Wahl-Landsbergerin mit fränkischem Hintergrund, im Neubeginn eine Chance zu sehen, folgten viele; das Café FilmBühne war bis auf den letzten Platz besetzt.

Jeder, der lesen wollte, präsentierte seinen Text, und das kleine Café wurde zur großen Stuckvilla, in der die Türen der Literatur sich weit öffneten. Die Moderatorin, die auch Autorin ist, vergleicht den Neuanfang mit einer Auswahl an Türen, und wir selbst entscheiden, durch welche wir gehen wollen. Ob es eine hohe, eine niedrige, eine breite oder enge Tür wird – das Jahr wird es zeigen.

Paul Gauguin, der sich vom Unternehmer und Banker zum Künstler der Pariser Bohème entwickelte, ist ein gutes Beispiel dafür, wie Menschen einen Neubeginn wagen. Er folgte seiner Sehnsucht in die Südsee, reiste auf eine Insel im Pazifik und machte dort einen Neubeginn mit seinem künstlerischen Schaffen. Er schreibt: „Die größte Herausforderung des Lebens liegt darin, die Grenzen in dir selbst zu überwinden, und so weit zu gehen, wie du dir niemals hättest träumen lassen.“ Lassen wir uns diesen Satz auf der Zunge zergehen, schmecken wir ihn ab, um die Kraft und den Mut zur Veränderung zu finden.

Die Autoren betraten die Tür auf unterschiedliche Art und Weise. Einige blickten erst nochmal zurück, hielten Rückschau ins Jahr 2019, verarbeiteten persönliche Geschichten. Andere blickten direkt nach vorne, nahmen Liebgewonnenes mit, um es auch im kommenden Jahr an der Seite zu haben, und gingen doch stetig weiter mit dem Lauf des Jahreszyklus. So einige Autoren nahmen die wertvolle „Weitsichtbrille“, die für das neue Jahr scharf gestellt wird, um Zukunftsperspektiven wahrnehmen zu können. Sie alle verbindet der Wunsch, einen zuversichtlichen, positiven Blick, eine neue Visionstür ins Jahr 2020 zu öffnen.

Aus dem stilvollen Zylinder der Moderatorin entsprang kein verzauberter Hase, sondern der Chapeau offenbarte eine reiche Auswahl an inhaltsvollen Texten. Das Zufallsprinzip entschied sich dank einer weiblichen Hand für Roland Greißls Text als ersten: „Ich höre die Symphonie meines Körpers“. Mit detailliertem literarischem Feinsinn beschreibt der Lehrer im Ruhestand seinen körperlich schmerzvollen Winter. Als Autor wandelt er die nüchterne Sichtweise einer Orthopädin und lässt ihn an ein Zellgedächtnis glauben. Auf den inneren Klang, das „Nada Brahma“ will er hören und so die „innere Symphonie des Körpers“ wiederfinden.

Mit Gerwin Degmairs Text „Dichters Zweifelei – ein Sehnsuchtsschrei“ öffnet sich zartbitter die Tür einen Spalt breit, um uns in Kontakt mit Zweifeln und Fragen zu bringen, die uns alle immer wieder beschäftigen. Hat der Dichter nicht schon zu viel gedacht? Soll er sich doch nach einem neuen Gehirn sehnen?

Claire Guinin dagegen blickt ins Organisatorische. Sie reflektiert als kritische Autorin über das Moderatorendasein und gibt, selbst ein Vorbild an Disziplin und Genauigkeit, diese weiter. Die Aufgaben des Moderators: Er soll steuern, aber sich mäßigen. Es ist der Blick durch eine hölzerne Tür. Der Autorenkreis schätzt sie als weise, reife Persönlichkeit.

Mit einem Tock-Tock verschafft sich der Fuchstaler Dieter Vogel Gehör. Sein Text „Ruhe in Störung“ erzählt eindringlich von der Lärmbelästigung durch einen sportlichen Nachbarn, der zu häufig Dart spielt und seine Pfeile lautstark hören lässt. Hier hören wir die Dringlichkeit des Umzugs heraus und wünschen viel Glück bei der neuen Wohnungssuche.

Klaus Wuchner als nächster Autor ist der Mann mit dem Text „Wo möchte ich jetzt sein?“. Wegen seiner Sehschwäche trägt Renate Glatz ihn vor. Mit dem Tastsinn und den inneren Fantasien eines fühlenden Menschen schreitet er mutig ins neue Jahr. Er träumt sich an den Strand der französischen Camargue mit weißen Pferden und wird astrologisch, wenn er über die Gestirne in der Symphonie der Nacht schreibt. Seine Geschichte berührt sanft, zuweilen wie der Federkiel von Landsberger Schwänen. Er weiß mit klarer Vorstellung, wohin die Reise gehen soll.

Reinhard Wendland hat uns zwei Gedichte mitgebracht: „Neuausrichtung“ das erste, das andere heißt „Verzeihen“. So wie er sich mit seinem Vater versteht und immer wieder selbst literarisch neu ausrichtet, führt er uns in die geistig gereimte Form und reflektiert über Selbstfindung und die Notwendigkeit, sich klare Ziele zu setzen. Der andere Text lässt uns teilhaben an seinem spirituellen Werden und die Kraft, verzeihen zu können und dadurch innere Größe und Freiheit zu gewinnen. Seine Gedichte schenken Klarheit und Frieden, um eine leuchtende Tür ins neue Jahr zu betreten, durch die wir Kraft schöpfen für unsere neuen Herausforderungen.

Tina Vogel schickt uns mit ihrem Text „Das perfekte Fotobuch“ in die Bastelabteilung zu Hause, die die weite Weltreise ersetzt. In amüsanter Weise erzählt sie die Geschichte einer praktischen Frau, die ein Reisefotobuch anfertigt, ohne die Reise selbst zu machen. Wie praktisch, was erspart man sich da nicht alles an Unannehmlichkeiten. Die Zuhörer lachen schallend über ihre selbst gebastelte Freude und bedauern es, das Fotoalbum wieder zu schließen.

Es schließt sich Helmut Glatz an, der Gründer des Autorenkreises, der geistig beweglich und tierisch humorvoll den Veränderungen durch eine neue Tür gelassen entgegensieht im Text „Silvester oder: Der Hase und der Igel“. Das alte Jahr läuft davon, das neue wird geboren, aber die vergangene Zeit ist nicht verschwunden. Sie ist noch da und abhängig von Zeit und Ort. Und der Ort ist da und dort wie Igelmann und Igelfrau, und die Zeit ist ein Hase, der von Ort zu Ort läuft. Beneidenswert, wenn zwei gemeinsam durch die Tür des neuen Jahres gehen und sich sogar verstehen.

Wieder einmal begeistert uns Fred Fraas mit kindlich verspielten Texten, die die Dunkelheit vom brennenden Australien und Fridays for Future hinter sich lassen. „In einem Land vor dieser Zeit“ nimmt uns die täglichen dramatischen Bilder der Weltnachrichten und führt uns auf unbeschwerte Weise in die Leichtigkeit der Geschichten, die uns gut tut, sich wohlig anfühlt. In seinem Gedicht träumt sich der Autor in ein wunderbares Sehnsuchtsland mit schönen Feen, immergrünen Wünschelbäumen, süßem Weinregen, Fantasiereisen auf Vogelrücken und dem Wolkenschiff der Linie 8. Da treten alle gerne in die Tür des Paradieszustandes ein, und auf allen Gesichtern erstrahlt ein glückliches Lachen.

Dies ist der richtige Zeitpunkt für eine Pause, in die uns die Moderatorin mit eigenen Gedanken zum neuen Mondjahr entlässt.

Anschließend öffnet Paul Wendland das Tor ins Zauberschloss der Literatur mit zwei wortmagischen Gedichten. „Auf den Januar – Die Eismondzeit im neuen Jahr“: Klarheit und Präzision prägen die Gedichte und sind wie immer eine große Bereicherung für jeden. Das „Abendlied bei Vollmond – Einladung zu Jenseits-Traumausflügen“ leitet amüsant in ein technisch oft zu digitales Zeitalter, in dem wir erleichtert sind, wenn wir ihm mit Traumausflügen entkommen können.

Nach Traumausflügen folgt mit Hans Schütz, dem bodenständig verwurzelten Lechbrucker, der Text „Gesundheitstipps des Monats“. Seine satirischen Tipps überzeichnen das Gesundheitsthema geschickt und bringen Jedermann/Frau zum Lachen, das aus dem Bauch kommt. Waldbaden ist in aller Munde. Warum nicht einmal Gartenbaden? Ein Ort mit Kraftplätzen, mit Gartenteich voll linksdrehenden Wassers, bevölkert mit glücksbringenden Kois. Bestens geeignet zur Burn-out-Prophylaxe. Es wird empfohlen Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Waldbaden zu werden. Diese Zukunftsvisionen lassen Humor zurück und öffnen weit das Scheunentor für ein freudvolles Jahr.

Es folgt Monika Hrastnik, deren ursprüngliche Heimat der Bayrische Wald ist. Mit ihr kommen vier Gedichte in Kurzform, die ihre Wünsche für 2020 auf den Punkt bringen. Sie begrüßt das neue Jahr: „Hallo, was wünschst du dir?“ und rät: Bau dir ein Wolkenheim mit Wolkenschlössern, Sehnsüchten und Träumen. Lass deine Wünsche und Träume dem Himmel entgegenfliegen. Verständlich, dass wir als Erdenbewohner gerne ihren heiteren Gedichten lauschen und uns in luftigen Gefühlen mit ihr ausruhen.

Barbara Koopmann, die Holzbildhauerin, die in Landsberg lebt und schreibt, bringt uns die „Reise mit der Hurtigruten in Norwegen“ mit. Eine realistische Reisegeschichte, an der Küste Norwegens entlang, die ganz anders verlief als geplant. Nichts wurde aus der Schönheit der wilden Fjorde, den herrlichen Polarlichtern, alle Vorbereitung und Vorfreude war umsonst. Die Änderung des Reiseziels, verlorene Koffer, eine Odyssee, die sich bis zum Rückflug durchzog. Wir bedauern und fühlen mit ihr, dass sich ihre Reise zu einem „kafkaesken Albtraum“ entwickelt hatte.

Veränderung hat stattgefunden durchs Reflektieren, Ausdrücken mit Sprache und dem inneren Blick nach vorne. Jetzt kann Neubeginn möglich werden. So finden wir uns noch zusammen bei einem Glas Sprizz und Wein, sammeln die meist heiteren Geschichten in unserem Herzen ein und freuen uns mit Roland Greißl auf den nächsten Autorenabend mit dem Thema „Dieser eine Augenblick“. Wie immer bei freien Lesungen sind auch neue „Schreibtäter“ willkommen.

Michaela Schmitt