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Wo Enzian und Pfingstrosen aufeinandertrafen


Sanft tönten die Harfenklänge an unser Ohr und allmählich schwollen die Stimmen im Raum ab. Man hatte sich viel zu erzählen nach einem Jahr. Und genau so lange ist es her: Damals hatte Helmut Glatz, wie jedes Jahr im Frühjahr, nach Ellighofen eingeladen, um verschiedene deutsche Mundarten zu hören. Früher fanden die Lesungen in dem altehrwürdigen Weiß-Anwesen statt. Doch schließlich sprengte die Besucherzahl die räumliche Enge in der alten Stube und seitdem trifft man sich nebenan, beim „Brunnenwirt“.

Das Uttinger Harfenduo gehört einfach dazu: Liebliche alpenländische Musik versetzt die Zuhörer in entspannte Erwartung. Nun kann Helmut Glatz sein Bedauern über das allmähliche Verschwinden der kleinräumigen Dialekte, zu denen auch der Lechrainer gehört, äußern. So wie eine gewisse Gleichförmigkeit in der Landschaft, in den Dörfern und Städten, ja sogar in den Köpfen der Menschen stattfindet, wie eine ganze Meinungsmache-Industrie unser Leben immer erfolgreicher vereinheitlicht, so findet auch im Bereich der Dialekte eine Nivellierung statt, der die räumlich eng begrenzten Mundarten als erste zum Opfer fallen.

Diese Entwicklung zumindest zu verzögern, hat sich der Landsberger Autorenkreis vorgenommen. Marianne Spengler, die in der Pause durch das Weiß-Anwesen führte, trug gleich das Ellighofen-Gedicht ihrer inzwischen verstorbenen Tante Thekla Balser im Dialekt dieses Dorfes an der lechrainisch-schwäbischen Sprachgrenze vor: „I woaß a Plätzla auf der Welt … i nenn’s voll Stolz als mei Dahoa!“

Gretl Golder überraschte mit einer lustig gesungenen Denklinger Geschichte von „am kloana Bua auf der Bruckn drob“, den der Pfarrer retten soll.

Die gebürtige Peißenbergerin Heidi Kjaer hatte Beziehungsgedichte im Gepäck: „Zeit wead’s, dass mei Heazblatt kimmt, mia a Streißal bringt“, „nachad weascht scho seng, wia’s da gäät ohne mi“, aber auch Besinnliches: „ois muss wachsn, ois muass wean“ und bei der Zeile „An manche Doog denk i öfters an Gott“ fing draußen gar die Abendglocke an zu läuten.

Mit dem Pfingstrosen-Landler hoben Edeltraut Dittler und Waltraud Schweyer wieder die Stimmung der Gäste und danach verließ man kurz den oberbayrischen Raum.

Ida Rittner, die Oberpfälzerin, die seit einigen Jahren in Landsberg wohnt, las ein Gedicht von der Entstehung der Oberpfalz, bei der dem Herrgott ein Fehler unterlaufen ist: „Aaf so an stoininga Land, daou kaa doch koi Mensch existiern.“ Also bot er es dem Teufel an, der aber verächtlich ablehnte. Die Oberpfälzer aber, „rau, aber herzlich“, nahmen die romantisch-schöne „bugglade Landschaft“ gern für sich ein.

Das Los bestimmte Helmut Glatz zum nächsten Vortragenden, und er überraschte mit einem kleinen Egerländer Gedicht, „A Wei, a Moa, a kloina Bua, dei genga aaf Tschinackl zou“, wobei eine heiße Diskussion um letzteres entbrannte. Im österreichischen Raum ist das Wort „Schinakl“ (offensichtlich vom ungarischen „csónak“ abgeleitet) für ein kleines Boot gebräuchlich.

Thomas Glatz trug Sequenzen aus seinen „Gesammelten Kneipenphilosophien“ vor, Gespräche, die er mundartlichen Sprechern in ganz Bayern abgelauscht und wortgetreu wiedergegeben hat. Die Themenpalette war dabei mindestens so vielfältig wie die gesprochenen Dialekte: Man diskutierte die Härte von Lärchenholz in Merching, die kulturelle Assimilation anhand von Weißwürsten in Mering, räsonierte in Donauwörth über zwei elende Lumpen, die heute Generalvertreter sind, aber auch über Seniorenfahrten in Bamberg und das Paradies auf Erden in Buchloe.

Dazu passend kramte das Uttinger Harfenduo aus dem Bayerischen Volksmusikarchiv ein weiteres bemerkenswertes Stück hervor, eine „Hochzeitsmusik“.

Schließlich steuerte Helmut Glatz einen bayerisch-gebirgigen „Herzenswunsch“ bei von Schuasternagerl und Benediktenkraut unter einem blauen Himmel – „und jodeln taat i wia no grad wia!“ Und dann stimmte er sein Enzianlied an, ungesungen und ohne musikalische Begleitung, darüber, was man auf eine Bergtour mitnehmen wollte: „macht d’Mizzi a Gschrei: a Pflaster fürs Mai, … uman Hals rum a Glockn, dass mas glei kennt, wenn se oana darrennt, … zwoa Sockn mit Löcha zum Lüftn, … zletzt für mi Deppn den Rucksack zum Schleppn“ – und die völlig überraschende Begegnung am Gipfel entlockte den Zuhörern wieder herzhaftes Lachen.

Nach der Besichtigung des ältesten Bauernhofes im Landkreis Landsberg leitete die Musik des Harfenduos den zweiten Teil des Abends ein.

Claire Guinin und Otto Stedele erinnerten an die „Hausaufgabe“, die Boris Schneider seinen Kommilitonen bei der letzten Lesung aufgegeben hatte: sich Gedanken darüber zu machen, wie das Ömel seiner lustigen Kindergeschichte denn aussehen würde. Claire Guinin hatte eines selbst gebastelt. Otto Stedele präsentierte ein ausgestopftes erwachsenes Ömel, das er mit wissenschaftlicher Genauigkeit beschrieb: Nahe verwandt mit dem Eumel, entstammt der Lechrainer Höhlenömel einer Seitenlinie des Wolpertingers und ist heute nur noch bei Sauwetter unter Brombeerbüschen zu finden. Akribisch stellte er die Gemeinsamkeit des Wortstammes -mel mit dem Lechrainer Mella (Mädchen) fest, womit sein weiblich-fruchtbares Wesen betont wurde, was aber auch beweist, dass schon den alten Keltoromanen die Frauen etwas unheimlich waren. Da blieb kein Auge trocken!

Lustig ging es danach weiter mit einem Sketch von Paul Rampelt, vorgetragen von Roland Greißl und Heidi Glatz im bairischen bzw. siebenbürgisch-sächsischen Dialekt. „Bayer und Siebenbürger“ brachte die Gemeinsamkeiten in Mund- und Lebensart dieser beiden räumlich so weit voneinander entfernten Völker zutage.

Als das Los auf Max Dietz fiel, wussten die meisten Zuhörer bereits, dass die Reise wieder in die Oberpfalz gehen würde. Mit „Wos sagsd dou du?“ ließ er einen alten Mann über seine Tage kurz vor dem Ende nachdenken. In „Zeid vergäid“ stellte er schließlich philosophisch fest: „Bevor ma gäid, is Zeid verganga!“

Der „Sommerberger Landler“ beschwingte die Gemüter auf’s Neue und leitete über zu einer ganzjährigen Naturbetrachtung von Carmen Kraus. Das donauschwäbische Gedicht über „mei Garte“, in dem es zurzeit so farbig blüht, hatte sie an diesem Tag erst geschrieben. Dank der sommerlichen Temperaturen konnten die Zuhörer die Zeile „un oft brennt di Sunn jetz schun arich“ lächelnd benicken, die „Schlouße“ (Hagel) und die „Fechsung“ (Ernte) mussten aber doch erklärt werden, als es in den Herbst überging: „wann di Blädder des Farwichi sin“.

Zur Ernte trug auch der gebürtige Erpftinger Josef Hagenbusch bei: „früher is statt dem Mais a Frucht gstande“. Vom Poldl Schuhwerk berichtete er, der in Türkheim im Schloss „vil alts Zeig ufghebt hat“ und leitete unvermittelt über zu Friedrich dem Großen, der seinerzeit die Kartoffel eingeführt hat, die „Bodebiere“.

Claire Guinin überraschte mit Kindheitserinnerungen aus dem Chiemgau, wo sie, das Stadtkind, die Ferien mit Tantenaufsicht auf dem Bauernhof verbrachte, mit Brotsuppenlöffeln und geleiertem Tischgebet, aber auch sprachlichem „Owi“ und „Aufi“, „Eini“ und „Außi“. Zurück in München, hatte die Mutter Mühe, ihr die „Fremdsprache“ wieder auszutreiben, und sie selbst hatte Mühe, das kopflos hinter ihr herrennende Huhn zu vergessen.

Der Ostholsteiner Klaus Köhler, der seit fast 50 Jahren in Bayern lebt, hat es geschafft, seinen Dialekt recht unverfälscht zu bewahren. „De Klaus, de schnackt am besten Platt vun uns alln“, bestätigen ihm die alten Freunde. Die süddeutschen Zuhörer mussten schon genau hinhören, wenn sie den Zauber der achtzeiligen Stanzen erfassen wollten: Vom Ereignis des Mauerfalls berichteten sie, und dass „de Kööksch Bescheed weet“ (die Köchin Bescheid weiß), dass alle ausgegangen sind, sogar das Feuer. Von Heine Hansen erfuhr man und seinem Daumen „in de Döör“ (der Tür), und ebenso von „de plietsche (gewitzte) Jung“ und der Schulvisitation, als der Lehrer alle Dummen vorsorglich heimschickte.

Zarte Harfenklänge führten wieder sanft in den bayerischen Süden zurück. Dort erwartete sie der passionierte Drehorgelspieler aus Denklingen, Georg Bruder, bereits mit einem Gedicht von der Fuchstaler Eisenbahn, wie sie seit 1884 „vo Landschberg bis auf Schoga nauf“ verkehrte, wie man den „Regaschirm afgspannt hod“ zum Zeichen des erwünschten Zustiegs, und vom Vorteil der Denklinger, dass der Bahnhof so nahe beim Ort liegt. Der Mann in der feschen Lederhosn gab dies so gekonnt zum Besten, dass man förmlich das Dampfross schnauben hörte.

Von der Kindheit im Westerwald handelte das Gedicht von Marianne Porsche-Rohrer und von den Kochkünsten des Vaters, als die Mutter mal eine Vertretung brauchte. Und wie seltsam doch der zubereitete Fisch aussah …

„An bunten Strauß ham mir euch gmacht, … den ham zum Abschied mir euch bracht, ich hoff’, es hat euch gfallen!?“ Na, und ob! Bevor das Harfenduo den „Rausschmeißer“ spielte, verschenkte Helmut Glatz noch Blumensträuße und die Anthologie des Autorenkreises, „Literarisches Lechrauschen“, und wies noch kurz auf die bevorstehende Buchvorstellung der „Geburtsgeschichten“ hin. Doch das ist eine andere Geschichte …

Carmen Kraus