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Mundartenreigen rund um das Lechrainische


Wieder einmal lud der Landsberger Autorenkreis zu einer Mundart-Lesung, diesmal zum Alten Wirt in Thaining. Am Freitagabend, dem 19. Mai, fand sich dort eine erfreulich große Schar von Interessierten ein. Klaus Wuchner, ein Urgestein des Autorenkreises, eröffnete den Abend und moderierte den ersten Teil des Programms. Dabei ging es um den Heimatdialekt „Lechroanerisch“, den Schwerpunkt des Abends. Im Besonderen drehte es sich um den in Obermühlhausen geborenen Otto J. Stedele, 2014 verstorbenes Mitglied des Autorenkreises, einen passionierten Erforscher und Bewahrer der Lechroaner Mundart. Franziska Ostner aus Thaining war dabei seine rührige Mitstreiterin, und bis heute engagiert sie sich für die Dokumentation des Lechroanerischen der 1940er Jahre, um es zumindest für die Erinnerung zu bewahren.

Mit großem Beifall bedacht, trug die Hochbetagte eine im Heimatdialekt verfasste Erzählung von Stedele kraftvoll und authentisch vor (Ausflug der Dettenschwanger Ministranten zu „Di Heiliga Bourgr“). Irmgard Schmid, eine weitere Freundin des örtlichen Dialekts, setzte mit Stedeles Erzählung „Zahnziacha in Thaining“ nach; auch sie eine überzeugend Vortragende. Es schloss sich dann ein Streifzug durch unmittelbar benachbarte Dialekte an. Marianne Spengler gab mit Reimen ihrer Tante Thekla Balser eine Kostprobe der in Ellighofen gesprochenen Mundartvariante. Lore Kienzl setzte den Abstecher fort mit oberbayerischen Reimen ihrer Schwester Lilly Zeiler zum Älterwerden. Und der aus Lechbruck stammende Hans Schütz schloss den Bogen, indem er mit eigenen, im Lechbrucker Dialekt geschriebenen Texten unterhielt, darunter das erzählende Gedicht „Striala“ aus seinem demnächst erscheinenden Buch mit Hörbuch. Es nimmt den Zuhörer mit auf einen an Schätzen reichen Dachboden und stöbert dort vielerlei Gegenstände der Vergangenheit wieder auf.

Stedele, dessen Gedenken im Mittelpunkt des Abends stand, hatte auch ein Faible für die Musik und liebte es, den Vortrag seiner Texte mit Volksliedern eingerahmt zu sehen. So gab im Verlauf des Abends Adelheid Reßler auf der „Ziach“ stimmungsvoll den Ton vor, und das Publikum sang bereitwillig und volltönig das „Heideröslein“, „Im schönen Wiesengrunde“ und weitere Lieder mit.

Der zweite Teil des Programms, moderiert von Hannelore Warreyn, entpuppte sich als wahres Kaleidoskop der Dialekte. Man hörte eine Kostprobe des plattdeutschen Schleswig-Holsteinischen Dialekts; Klaus Köhler, den es aus Ostholstein hierher verschlagen hatte, musste eine hochdeutsche Zusammenfassung seiner Verse geben, um verstanden zu werden. Weiter irrlichterten mit einer Nonsens-Geschichte von Joachim Giebelhausen Anklänge an den Kölschen Dialekt durch den Raum („Zum Pulsatorium“, vorgetragen vom hochbetagten Autor zusammen mit seiner Frau Doris Giebelhausen). Fränkischen Dialekt wiederum hörte man von dem „nach Hagenheim verschleppten“ Oberfranken Fred Fraas, der hintersinnig-satirsche Reime geschmiedet hatte auf den schönen Lohn der ganzen „Arwed“, die eine Mutter haben kann mit der Ausrichtung ihres Muttertags („Wohl dem, der eine Mutter hat“).

Der aus der Oberpfalz stammende Max Dietz wiederum glänzte mit zwei eigenen Texten in dortiger Mundart. Seine Verse „Häia doch aaf“ und „Wos sagsd dou du?“ konnte man noch einigermaßen verstehen. Der Egerländer Dialekt aber, mit dem Oberpfälzischen verwandt, blieb den Zuhörern fast gänzlich verschlossen, obschon die Geschichte des aus Eger stammenden Helmut Glatz in Dettenschwang spielt und davon erzählt, wie es zu- und ausging, als Vertriebene dort im Jahr der Trockenheit 1947 sich heimlich Forellen aus den austrocknenden Bächen sichern wollten. Hilde Braunmüller, die aus dem Altvatergebiet stammt, setzte mit drei farbigen Gedichten und Anekdoten lustige Tupfer im österreichisch-schlesischen Dialekt. Monika Sadegor trug im niederbayerischen Dialekt ihre Lebensrückschau einer Passauerin vor. Und das Münchner Kindl Claire Guinin, vor bald einem Vierteljahrhundert nach Landsberg gekommen, erzählte in lupenreiner gehobener Münchner Mundart aus der Kindheit „in meinem München“. Carmen B. Kraus wiederum, die aus dem Banat stammt, steuerte mit ihren Reimen im pfälzisch angehauchten donauschwäbischen Heimatdialekt Besinnliches bei zum Werden, Älterwerden, Vergehen und Verschwinden. Schließlich kamen in drei ambitionierten Gedichten von Theresa Schermer, deren Mann aus Meran stammt, Klänge des Südtiroler Dialekts zur Geltung.

Dann aber wurde es Zeit, abschließend zum Anfang zurückzukehren, zum Lechroanerischen. Franziska Ostner trat nochmals vor, diesmal mit einem eigenen Text im Heimatdialekt, mit vergleichenden Betrachtungen zu anno dazumal und heute, zu den Wandlungen des Heimatdorfes Thaining und zu den Zukunftsaussichten ihres Dialekts. Ihr Fazit: Das Leben ist viel komfortabler geworden, aber andererseits auch ärmer, vor allem sei einiges auf der Strecke geblieben, was das menschliche Miteinander angeht. Der Dialekt werde wohl immer weiter außer Gebrauch kommen, doch jedenfalls sollte er dokumentiert sein.

Beachtlich viele der Dialekt-Beiträge folgten, wie um einer Zuordnung des Dialekts zum Dahinschwinden und zur Vergangenheit zu entsprechen, bereits in ihrem Sujet dem Vergehenden, dem Abgelegten, dem Vergangenen; in autobiografisch geprägten Beiträgen wie den Erzählungen von Otto Stedele ist dies besonders deutlich. Doch liegt darin nicht allein Wehmut. Etlichen Beiträgen ist eine sprachkonservatorische Absicht anzumerken. Hans Schütz etwa, der den Zuhörer mitnimmt auf einen verstaubten Dachboden, reich an abgelegten Dingen der Vergangenheit, nutzt dazu ausgerechnet den für viele seiner Zeitgenossen bereits angestaubten Dialekt und macht damit wohl kenntlich: So wie die meisten der auf dem Dachboden wiederaufgefundenen Dinge einen hohen Erinnerungswert haben, so verhält es sich auch mit dem Dialekt.

Allerdings gibt es unter den Beiträgen des Abends auch viele Beispiele dafür, dass der Dialekt sich durchaus nicht sperrt, Zeitloses zu Papier zu bringen oder sich gar mit Gegenwärtigem zu beschäftigen. Ein Beispiel dafür liefert Otto J. Stedele selbst. In einer Audio-Einspielung erlebten die Zuhörer des Abends, wie er sich einst damit abmühte, einen klassischen englischen Limerick ins Lechroanerische zu übertragen, dem zum Beispiel der Begriff der Verzweiflung abgeht, der im zu übertragenden englischen Text aber vorkommt – und was dabei durchaus Hörbares insgesamt herausgekommen ist. Bleibt am Ende doch ziemliche Wehmut, etwa wenn man auf Lechroanerisch von „Ochsenaugen“ gehört hat und dem Zuhörer dabei bewusst wird: nicht nur im Dialekt, sondern auch in der Hochsprache sind viele aus der Kindheit vertraute Worte dabei zu verschwinden.

Benno von Rechenberg