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Von der Waterkant zum Alpenrand


So schmissig hatte Moderator Klaus Köhler zur Mundart-Lesung des Landsberger Autorenkreises eingeladen. Rund 30 Zuhörer fanden sich in der kuscheligen Stube im Obergeschoss des Gasthauses „Zum Brunnenwirt“ in Ellighofen ein. Aus der Ecke erklangen sanfte Töne vom Uttinger Harfenduo, an den Wänden hingen Trophäen, Pokale, Schützenscheiben, dazwischen saßen Deutsche aus den verschiedensten Landesteilen und brachten zu Gehör, wie die Sprache in ihrer Heimat klingt.

Klaus Köhler – der Holsteiner, der seit einem halben Jahrhundert Wahlbayer ist – trug zu diesem Anlass ein norddeutsches Fischerhemd und eine Elbseglermütze, wie die Einheimischen beim Hamburger Fischmarkt. Als Pendant zur sonst hierzulande üblichen altbayerischen Lederhose zog er damit die Blicke auf sich, als er pünktlich um 19:30 Uhr die Anwesenden begrüßte. Wenig später schon entschied das Los, welcher Autor den Anfang machen sollte.

In Lechbrucker Allgäuer Mundart
ging Hans Schütz auf den Dachboden zum „Striehle“, in Oberbayern besser bekannt als „Kruschteln“. Hier fand er unter vielem anderen „in ar Pralineschachtl Rosekränz“, die nicht mehr ganz vollständig waren, aber auch Altes, das noch nie wertvoll war: „silbrig isses itta, des Besteck“. In einem zweiten Gedicht malte er aus, wie es ist, wenn du fast 30 Jahre nach Tschernobyl in Bayern „in d’Schwammerl goasch“, es „an Wildschweinbratn noch dazu“ gibt, und das alles mit dem Abwiegeln: „des bissl Cäsium, des bringt uns doch it um“.

Ganz anders klang der Berner Schweizer Dialekt,
den Thomas Glatz vorstellte, nein, eigentlich übersetzte, denn es zeigte sich, dass es dort so viele fremdartig lautende Begriffe gibt, dass man ohne eine Übertragung ins Deutsche wahrlich nicht viel versteht. So verarbeitete er seinen Kulturschock, indem er „Träumli“ schrieb, eine Geschichte von „Gschwellti“ (Pellkartoffeln) und „Nüssli-Salat“ (Feldsalat), mit „Peterli“ abgeschmeckt. Weiter träumte ihm von der „Gurtenobligation“ (Anschnallpflicht) und vom „Schwingen“ (auch „Hosenlupf“ genannter Ringkampf) sowie von der Vision, dass Liechtenstein und die Schweiz zur EU gehören, der „Stutz“ zum Euro wird. „Gottfriedstutz!“ (Potzdonner!), wenn das passiert, dann verändert sich aber viel.

Die Oberpfälzer
vertrat als erster Max Dietz. In seinem Gedicht „Häia doch aaf“ verarbeitet er die Traumata von „däi bläida Vawandschafd, „däi damischn Bolidika“, „däi neimodischn Urnen“ – ach, „häia doch aaf!“ Dass alte Menschen sich manchmal überflüssig fühlen in der modernen Gesellschaft und Familie, hinterfragt er in „Wos sagsd dou du?“ Was ist, „wennsd dousitzt und blous nu stäiasd“, das hörte sich in der Übersetzung ins Lechrainische so an: „Blòss sitzà und ’n Weeig umgäàsch“. Mit dieser Sequenz, die Hans Schütz vorlas, gedachten sie des im letzten Oktober verstorbenen Autorenkollegen Otto Stedele, der mit dieser Übersetzung im Kreis der Mundart-Autoren wieder auflebte.

Nun wurde es aber Fränkisch, genauer gesagt Oberfränkisch.
Fred Fraas, der aus der Gegend um Hof kam, berichtete in Reimen von Ereignissen rund um eine Trauerfeier in „Heit Nacht, da is di Klara gstorbn“, „ein frommes Weib, die liebte keinen Männerleib“. Seine Not, Blumen zu besorgen, trieb einen Trauernden zu einem Kriegerdenkmal, wo er „gedacht – getoo“ einen Kranz entwendete. Dumm nur, dass die Texte auf den Schleifen im Zuge der Traueransprachen vorgelesen wurden. Was da stand, sorgte für reichlich Gesprächsstoff: „… wer so in einer letzten Nacht hat 100 Männer plattgemacht“.

Edeltraut Dittler und Waltraud Schweyer spielten zur Auflockerung ein Volkslied und ließen die Zuhörer noch ein bisschen dem soeben Gehörten nachträumen.

Das Niederbayrische aus der Ecke des Bayrischen Waldes
brachte Klaus Wuchner in das kleine Jägerzimmer. „Mei Pfeiferl is brocha“, rezitierte er auswendig, und fragte sich: „Lus zu, liebes Hollersteckerl, megst ebba net mei Pfeiferl wern?“ Es mochte.

Von weit her kam das Banater Schwäbische,
das Carmen Kraus in einer kurzen Geschichte vorstellte: „Es wour amol a kleenes vourwitziches Meedlche“, das „nor es beschti“ bekommen hat und davon recht „flupsich“ geworden ist. Aber als „Bauremeedl“ sollte es ja mal „a starkes Mensch were“, „tichtich zuphacke und bal arweide kenna“. Bis dahin machte sie noch viel Unsinn, der nicht immer glimpflich ausging. „Awer des steht uf’me anre Blatt …“

Der Holsteiner rief plötzlich „Foftein!“ aus, wie es die Hamburger Hafenarbeiter am Beginn der fünfzehnminütigen Pause taten. Das Harfenduo begleitete mit einem beschwingten Landler in dieselbe und holte wenig später die Zuhörer wieder ebenso flott ab.

Das Oberbayrische hielt Einzug in den Raum:
Lore Kienzl las ein zartes Frühlingsgedicht über ein junges Mädchen. „A bissal gliahn die Wangen heid“, „as Lebn mecht’s endlich kennalearn“. Doch der Neubeginn verlangt Wagemut, er könnte auch ein Scheitern bedeuten, denn „so wuide Sachn hot’s no nia ned gschaugt“.

Mit dem Holsteiner Platt
spannte Klaus Köhler den Bogen weit vom Alpenrand bis zur Waterkant zurück in seine Kindheit. Nur vereinzelt saß jemand im Raum, der die Geschichte von „Opas Lakritzen“ wirklich mitverfolgen konnte. Die meisten verstanden nur einzelne Wörter und konnten sich daraus nichts zusammenreimen. So nahm man denn dankbar sein Angebot an, auch auf Hochdeutsch anzuhören, wie Bendix Kleinholz machte, „Stück för Stück Lüttholt mookt“, fragte sich mit ihm: „Wat weer dat denn?“ und stellte fest, dass der kleine Bendix, „de Bengel, hett mi doch redig’n Priem klaut“, also Opas Kautabak mit Lakritzen verwechselt, geklaut, gegessen und mit hochrotem Kopf wieder ausgespuckt hat.

Ja, die Oberpfälzer waren gut vertreten.
Auch Ida Rittner, mit 91 Jahren die derzeit älteste Autorin dieses Landsberger Kreises, hatte etwas dazu beizutragen, lag ihre Heimat doch einst an der Vils. Und damals war man selten motorisiert, aber oft „auf Schusters Rappen“ unterwegs. In ihrem Gedicht hat „d’Sunna gscheind", klar, dass "ma dou wos zu saafa" braucht, aber auch „Braoud und a Schdickl Greicherds“ (Brot und Geräuchertes). Dabei hat man noch auf ganz altmodische Art „deane Vochela zoughurchd“, was herrlich entspannend war. Kritisch wurde sie im Gedicht „Mensch und Erde“, in dem sie die Erde selbst zu Wort kommen ließ, die den Raubbau an ihr und am Mond anprangert. Die theatererprobte Autorin warb mit fester Stimme für mehr Verständnis und mahnte, gegen Neid und Habgier anzukämpfen, denn: „Lieber Mensch, vergiss es nie: Die Erde braucht uns nicht, wir brauchen sie.“

Der lokale Ellighofer Dialekt
wurde wieder traditionell von Marianne Spengler vorgetragen. In einem Gedicht ihrer verstorbenen Tante Thekla Balser sinnierte sie, „wenn mer so beinanda sitzet“ über die gute alte Zeit. Sie erinnert an „d’Frau, die han Bändle gschnitta“ und an den „Fegsand! Fegsand!“ rufenden Kramer, den man schon erwartet hatte, um das Bad damit putzen zu können. Auch der „Schereschleifr“ kam in den Ort und so mancher Handwerksbursche. An den „Blosbalch“ dachte sie, ohne den es „in de Kurch it g’orglet“ hat.

Georgelt hat es anschließend nicht, aber die beiden Uttinger Damen zupften verzückt an ihren großen Harfen und kredenzten ein fröhliches Liedchen.

Ein drittes Mal Oberpfalz!
Auch Hannelore Warreyn hat früher in diesem Landstrich gewohnt und zwei Mundartgedichte mitgebracht: „Wäi a Bou sei Moidl gern haout“, erzählte sie mit Annamirl, dem Zuckerschnierl. Und in „Gloins Glück“ verpackte sie die Liebeserklärung einer Mutter an ihr Söhnchen. „Jede Stund, je mehr i di mog“, „druck di no her zu mir, dass i di niad verlier“.

Das regte auch die beiden Musikerinnen an, und sie wirbelten einen flotten Tanz in den Raum, zu dem manch einer sitzend mitschunkelte. Als Zugabe las Hannelore Warreyn noch ein Mundartgedicht von Ida Rittner – „Wenn’s rengd“ – davon, wie es ist, wenn „d’Sunna langsam di Wolgn wegschäibd“. Am Ende, „naou deng i, jetz wird alles goad“.

Ein kleiner Gruß kam aus München:
Günter Bohn führte mit einer Anekdote vom Sonnenschirm und Regenschirm, von Karl Valentin, spontan die Stimmung fort. Damit war man schnell an dessen „Musäum“ erinnert, das erst postum errichtet worden war. Und so legte er dem Münchner Urgestein den Satz in den Mund: „Da war i ned, da bin i ned und da werd i nia ned sei, aber bsuche kennt’s mi da.“ Ja, und das könnte sogar ein besonderes Schnäppchen werden, denn dort ist der „Eintritt frei für 99-Jährige in Begleitung ihrer Eltern“, wie Thomas Glatz zu ergänzen wusste.

Organisator Max Dietz kündigte anschließend nicht nur die nächste Lesung am 22. Mai an, sondern auch das baldige Erscheinen der dritten Anthologie des Autorenkreises. Vorbestellungen nimmt er schon entgegen, um die Auflage ausreichend hoch festzulegen.

Nicht nur Moderator Klaus Köhler war froh, dass der Abend trotz der vielen Beiträge so kurzweilig war. Das Uttinger Harfenduo spielte noch ein schmissiges Stück … und damit war der offizielle Teil der diesjährigen Mundartlesung beendet. Doch nicht alle nutzten diesen letzten Schwung zum Aufbruch, einige saßen noch angeregt plaudernd beieinander und freuten sich an der soeben erlebten Vielfalt deutscher Mundarten.

Carmen Kraus