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Vom Klösterl zum Bayertor

„Treffpunkt am Klösterl“ hatten wir vereinbart, denn dieses Mal wollte uns Sieglinde Soyer vom Landsberger Gästeführerverein e.V. die „obere Stadt“ nahebringen. Vor einem Jahr waren wir mit unseren Salzburger Lyrikfreunden die „untere Schleife“ gegangen, vom Flößerplatz bis zur Ledergasse. Nun also wollten wir über den Seelberg und das Hexenviertel zum Bayertor hochsteigen.

Unsere versierte Gästeführerin hatte uns einige Anhaltspunkte vorgegeben, die Autoren machten sich dazu Gedanken, man meldete sich an mit einem vorzutragenden Text und dieser wurde dann je nach Thematik einer Station zugeordnet. An besagtem Abend fanden sich 30 Interessierte ein, die unser Städtchen mit literarischen Zugaben erkunden wollten.

Zunächst schritten wir gemeinsam durch den Torbogen Richtung Wildpark, hielten Ausschau nach dem Jungfernsprungturm, wurden über dessen Sage informiert und lauschten einer düsteren Geschichte von Renate Langhammer, die Vergangenheit und Gegenwart auf spannende Weise verband. Danach machten wir kehrt und nahmen den Weg über den Seelberg nach oben bis zur neuen Bergstraße, erfuhren bis dato Unbekanntes über die frühere Straßenführung und die Zwangsräumung der im Weg stehenden Häuserzeilen. Da kam das Gewalt anprangernde Gedicht „Hinter den Mauern“ von Renate Exsz gerade recht.

Vom sozialen Einsatz der Seelnonnen und ihrem letzten Aufenthalt in einem heute dem Verfall preisgegebenen Haus erzählte uns Frau Soyer und geleitete durch die Gogglgasse in die Kavernengarage, wo Corinne Haberl im Schein von Wunderkerzen gar wunderliche spritzige Gedichte zum Besten gab. Die Treppen führten uns schließlich hoch zum Ruthenfestbrunnen, bei dem Marianne Porsche-Rohrer in kurzweiligen Versen das gemütliche Verweilen in einem alten Wirtshaus beschrieb.

Am Pfannenstiel-Haus wies Helmut Glatz darauf hin, dass kein Geringerer als Johann Mutter das Wandgemälde angefertigt hatte. Im Hexenviertel erfuhren wir von seiner verblüffenden Namensgebung und Roland Greißl machte sich seinen Reim auf die rothaarigen Künstlerinnen, die es gewagt hatten, die strenge Kleider- und Frisurenordnung der Stadt zu missachten. Lore Kienzl ließ sich vom einsetzenden Nieselregen nicht davon abhalten, ein malerisches Gedicht über das Verbindende in der Kunst zu lesen. Helmut Glatz hatte im Archiv gekramt und in Aurbachers Märchenbüchlein die kurzweilige Geschichte vom Spiegelschwab auf dem Landsberger Schlossberg gefunden, an dessen Fuß wir soeben standen.

Ein paar Schritte weiter erfuhren wir, dass man im Mittelalter noch mit einem Heuwagen durch die heute so niedrig wirkenden Torbögen fahren konnte. Auf der anderen Seite des Bogens erwartete uns am rechten Hang das unscheinbare alte Brunnenkirchlein. So klein ist sein Innenraum, dass unsere Gruppe nicht größer hätte sein dürfen. Carmen Kraus las andächtig ein Dankgedicht an die Ahnen, deren Bewältigungsstrategien wir heute für die nächste Generation weitertragen. Nach kurzem Innehalten und Nachspüren begaben wir uns in die Alte Bergstraße, wo Roland Greißl eine Ballade von der Besonderheit Landsberger Seitensprünge vortrug.

Vor dem alten Pfletschbräu las Helmut Glatz aus einem Wandervogel-Fahrtenbuch von 1904 von Hans Breuer, wo vom wilden Treiben in eben diesem Gasthaus berichtet wurde. Am Neuen Stadtmuseum vorbeiziehend, hielten wir kurz bei der Malteserkirche, der höchstgelegenen Kirche Landsbergs, die einst von den Jesuiten erbaut worden war. Lore Kienzl fing mit lyrischer Grazie den süßen Duft des Todes auf einem Bauernhof ein. Einem Bauernhof, wie er hier in den engen Gassen der Altstadt noch heute anzutreffen ist.

Die meisten kannten die große Kirche schon, einige betraten sie ehrfürchtig und Klaus Köhler wies sie auf das „mitgehende Kreuz“ darin hin. Im Kreuzgang des Novizenhofes erfuhren wir weitere Details zum frühen kirchlichen Leben der Stadt, und als die Abendglocken einsetzten, begaben wir uns in den überdachten Durchgang, wo Helmut Glatz von „Landsberger Gesängen“ las. Weiter gingen wir zum Zehntstadel, in dem die Jesuiten früher den Zehnten von den Bauern einnahmen, bei den fruchtbaren umliegenden Böden ein einträgliches Unterfangen. Am Bayertor, wo unser Rundgang endete, überraschte uns Sieglinde Soyer dann mit einem stimmungsvollen eigenen Gedicht.

Helmut Glatz verabschiedete herzlich die zahlreichen interessierten Teilnehmer und drückte Frau Soyer dankbar eine pressfrische CD mit „Landsberger Spaziergängen“ in die Hand. Die vielen neuen Eindrücke wollten einige noch in gemütlicher Runde besprechen. So klang unter den alten Kastanien des ehemaligen Pfletschbräu-Kellers schließlich ein unvergesslicher Abend im warmen Frühlingswetter aus.

Carmen Kraus