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Die Lange Kunstnacht – ein freudiges Ja zu Autoren-Experimenten

Die Landsberger Kunstnacht – sie ist immer auch eine Herausforderung für die Wortkunst der engagierten Autoren der quirligen Lechstadt! Eine Herausforderung, der Autorin Heidenore Glatz aus Kaufering jedes Jahr von Neuem freudig entgegenfiebert. Moderierte sie während der vergangenen Jahre Lesungen beim Badausstatter Kohl Wasser+Wärme, beim Weltbild-Verlag im Vorderanger sowie bei der Buchhandlung Osiander am Hauptplatz, so gab es heuer sozusagen ein Heimspiel im Café-Bistro FilmBühne, dem heimeligen Stamm-Leseort des Landsberger Autorenkreises.

Immerhin sechs lesende Autoren gaben vier Stunden lang ihrer selbst verfassten Literatur die Ehre. Dass es nicht mehr waren aus der so breiten Palette der Lesebegeisterten, lag in erster Linie daran, dass viele von ihnen als Multi-Kunst-Talente auch an anderen Orten der Stadt Präsenz zeigten.

Mit der ihr eigenen Begeisterung begrüßte Heidenore Glatz schon um 18 Uhr die Anwesenden. Vor allem aber galt ihr Gruß dem bekannten und beliebten Allgäuer Liedermacher Sigi Aldenhoff. Er hatte sich freudig bereit erklärt, den Abend musikalisch zu umrahmen. Seine so angenehm sonore und weiche Stimme, dazu seine klare Aussprache der wortgewandten eigenen Songtexte, sorgten für begeisterten Applaus des wechselnden Publikums.

Von den Autoren entführte Max Dietz aus Landsberg die Zuhörer ins Reich der Likatier und der Lechnixe Lecha. Magisch geht es dort zu, nicht nur anheimelnd, aber immer mit einem hintergründigen Lächeln. Auch seine Ausflüge in philosophische Tiefen, bis hin zum armen Doktor Faustus, tragen dieses Schmunzeln in sich. Die Zuhörer dankten es ihm freudig.

Auch Gerwin Degmair aus Utting gab, wie alle Autoren, in erster Linie fröhlich-grinsende Texte aus seinem reichen Fundus zum Besten. Immer wieder charmant, aber auch besinnlich war sein Genesis-Vergleich zwischen dem Menschen und dem Affen. Neben vielen Parallelen klingt da doch ein wenig Neid des Menschen darauf an – oder ist es eine diabolische Wut darauf, dass der Affe doch allzu viel mit ihm gemein hat? Das Publikum grinste mit.

Marianne Porsche-Rohrer aus Schongau mit ihrer lyrisch-heilenden Ader ließ die Zuhörer, die während des gesamten Abends den Weg zum etwas abgelegenen Autorenkreis fanden, aus der Apotheke Gottes schöpfen. Ob die Gesundung nun durch Malventee, Spitzwegerich oder Kamille erfolgt, sicher ist: Auch „Dr. Wald heilt Jung und Alt“, so der letzte Titel ihrer mittlerweile acht heilenden Büchlein. Solche sanften Heilungen hörten die Zuhörer gerne.

Roland Greißl aus Fuchstal ließ in seiner Ballade von „Liccar“ (Vater Lech) und der jungen Lechjungfrau „Lecha“ das Liebesspiel der beiden lebendig werden. An seinem Lieblingsplatz vor dem Lechwehr träumt er: „Und sitzt du am Wehr, die Augen geschlossen, doch weit geöffnet das Ohr, dann lockst du, in rauschende Töne gegossen, das Liebeslied beider hervor.“ Auch seine Ballade vom erfolglosen Angler fand viel Anklang bei den Zuhörern.

Heidenore Glatz spannte als gewandte Vermittlerin eine Brücke zwischen den lesenden Autoren und dem Liedermacher Sigi Aldenhoff. Unter seinen selbst verfassten oder mit eigenen Texten untermalten Liedern sind es natürlich in erster Linie seine „Ohrwürmer“, die ins Blut übergehen, wie seine „wahre Bayernhymne“. Da singt man freudig mit: „Mir sauf’ ma koa CocaCola, as Deandl braucht koan Wonderbra. Schweinsbraten, Weißwürscht, Bier, mir san guad, weil mir san mir!“ Oder wenn er uns mitteilt: „Ich tanze, so lang ich springen kann, ich küsse sie, solang sie mich noch liebt.“ Immer heiter, immer freudig, aber vereinzelt auch melancholisch begeisterten seine Lieder auch den letzten Zuhörer.

Natürlich reihte sich auch Moderatorin Heidenore Glatz in den Reigen der lesenden Autoren ein. Urlaubsträume, in denen das Zeitgefühl „geborgen in Blauträumen“ davonzieht und sich „unter grünem Blätterdach ausbreitet“, paarten sich in schöner Sprachfülle mit ihren Gedanken zu Lecha, der Flussmaid. Trauernd muss diese miterleben, wie Mikroorganismen im Lech verzweifelt nach Luft schnappen, wie Schlammschichten ihr Heim, die Kiesschicht der Pössinger Au bedecken. Ihr bleibt nur der Appell für eine saubere Umwelt mit intakter Flora.

Aus Apfeldorf angereist, gab Heinz-Otto Singer schelmisch seine Gedichte zum Besten. Immer wieder fasziniert sein „schottischer Früchtekuchen“, dessen wichtigste Zutat eine Flasche Whisky ist, dessen Qualität immer wieder getestet werden muss, bis am Ende Zutaten und Bäcker und Backofen zu einer „phantastischen Genusssymphonie“ verschmelzen. Und in seinen Versen über das Altern kommt er zum knallharten Schluss: „Der Preis fürs Sein, wenn auch fatal, ist jedenfalls … der biologische Verfall.“

Insgesamt hatte der Abend seinen Charme, seinen besonderen Reiz auch in der Kulisse des stets wechselnden Publikums. Für die Autoren war es angenehm, einmal mehr als nur wenige Minuten Lesezeit zu haben. Und die zurückhaltende, geschickte Moderation von Heidenore Glatz verlieh der Lesung ihre besondere Note. So oder so ähnlich könnte gerne auch das Gerüst für künftige Kunstnacht-Lesungen aussehen.

Roland Greißl

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