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Die literarische Ruheoase in der Altstadt

Moderatorin Heidi Glatz wünschte da anzuknüpfen, wo man vor einem Jahr aufgehört hatte – und so spielte das Trio aus Kaufering noch einmal eine Sonate von Mozart. Bereits um 19 Uhr hatten sich einige Zuhörer eingefunden, die den zarten Klängen lauschten und neugierig zuhörten, welche Gedanken elf der Autoren des Landsberger Autorenkreises in den vergangenen Monaten zu Papier gebracht hatten.

Heidi Glatz begrüßte alle aufs Herzlichste, dankte Geschäftsführer Wolfgang Pagany für die großzügige Unterstützung des literarischen Vorhabens und stimmte mit einem Kunstgedicht auf das Thema der von der Stadt Landsberg organisierten Großveranstaltung ein. Carmen Kraus schlug noch einen kurzen lyrischen Bogen von der Kunst zum Gedicht, wobei sie die Schlagwörter des Gastgebers einpflückte: Kohl, Wasser und Wärme.

Klaus Köhler eröffnete dann den Reigen der Lesungen mit seinem charmanten Gedicht „Mut zum Neuen“ und einer kurzweiligen Geschichte auf Plattdeutsch: Die „Schildbürger des Nordens“ bestraften darin einen räuberischen Aal durch Ertränken. Renate Exsz las das Kapitel „Versündigt“ aus ihrem neuen Werk, einem tiefgründigen modernen Märchen zur Suche der Heimatwurzel – um die Schatten der Vergangenheit endgültig zu verwandeln.

Haydn hatten die Musiker in die Kunstnacht mitgebracht. Die zarten Klänge beruhigten das in Wallung geratene Gemüt und leiteten flott zum nächsten Beitrag über. Gerwin Degmair berichtete in heiteren Reimen von der subjektiven Kälte des Wassers, die sich an überaus warmen Tagen zu angenehmem Empfinden wandelt. Für die Damen hatte er „Rote Rosen“ dabei und für die Herren den „Genussmenschen“, der die Lust am Überfluss zelebriert.

Als Gastleser trat der bis dahin vor allem im Fuchstal bekannte Franz Oberhofer auf, der mit seinen (Acker-)„Winden“ Lyrik vom Feinsten vortrug und „meine deine Gedanken“ in den Baumkronen miteinander spielen ließ. „Weiche Baumkronen“ hieß denn auch das Prosa-Stück, das den vor wenigen Monaten in der Region leider real geschehenen Vatermord eines Bauern aufgriff. Mit „bizzarrem Wortgeröll“ schlug er die Zähne in das harte Brot der Bauern und ließ den wirr Träumenden („ein Anderer ist Ich“) blutüberströmt im Schüttelfrost bei „bunten Pillen in der Klinik“ enden.

Tief betroffen ließ er die Autoren und Zuhörer zurück, und erst die sanften Töne des Paulus Kammer-Ensembles holten alle wieder in die Kunstnacht zurück. Mit ihrer Kurzgeschichte „Der Unternehmensberater“, der ein Schaf von einem Hütehund nicht unterscheiden kann, sorgte Lore Kienzl für befreiende Lacher. In melancholischen Gedankengängen „Zwischen Tag und Traum“ vermischte sie dann das Lachen „mit der Sehnsucht von gestern“.

Beschwingte Töne aus Cello, Violine und Querflöte leiteten zu Helmut Glatz über. Ein Serie von Musikmärchen für Erwachsene schreibe er gerade, und wer seinen „Gesichtsverkäufer“ kennt, wundert sich schon gar nicht mehr so sehr über die schier unerschöpfliche Fantasie, mit der er seine Geschichten aufbaut. In „Land Verkehrtherum“ lässt er eine Grasmücke singen, einen Ton in den Dornen hängenbleiben und das Bier in seine Bestandteile auseinanderfallen. Die vielen zauberhaften Begebenheiten, die dabei umschrieben werden, entlassen die Zuhörer träumend in die kurze Pause.

Ein Tisch wird vor allem umschwärmt, nein, nicht jener mit Sekt und Kleingebäck, sondern der, der die Früchte der Autoren trägt: die Anthologie „Literarisches Lechrauschen“ und einige weitere Neuerscheinungen, unter anderen der Gedicht- und Bildband „Lechliebe“ von Hans Schütz und Dr. Eberhard Pfeuffer.

Haydn nimmt uns wieder mit auf die Reise. Danach sinniert Thomas Glatz in „Glatzrast“ über die häufig vorkommenden Gedenktafeln an alten Häusern. Würde auch von ihm eines Tages berichtet: „Hier aß der Dichter Thomas Glatz eine Portion Pommes“? Ein ganz anderes Thema hatte er für einen Kunstkatalog verarbeitet: In „Maschinentheater für 10 Maschinen“ lässt er dieselben Erbsünden begehen und „Paradiesmüll“ schreiben. Für Belustigung sorgen seine „Sprüche für Galerien für Gegenwartskunst“, die man immer anbringen kann, auch wenn der Künstler gerade anwesend ist. Trotz überbordender Ausmaße fällt sein Gedicht „Der Stift“ dagegen sehr kurz aus – und so entlässt ihn das zunächst verdutzte Publikum mit einem herzhaften Schlusslacher.

Vom zweifelhaften „Segen des Internets“ gebeutelt, ließ sich Roland Greißl zu einer verzweifelten Recherche hinreißen, die ihn „fraglos unglücklich“ machte, aber seinen Computer auch ohne die Zahlung einer größeren Summe wieder zum Arbeiten bewegen sollte. Die Zuhörer litten sichtlich mit angesichts der „ganz neuen Dimension eines ganz neuen Fluchs“, und so mancher fühlte sich wohl in die heimische Hilflosigkeit versetzt, die findige Hacker auch ihm schon beschert hatten.

Doch Haydns zarte Töne trösteten auch über dieses Missgeschick hinweg und lockten eine pink gekleidete Stelzerin an, die sich grazil zusammenfaltete, um den Kopf durch die niedrige Tür zu stecken. Für ein paar Atemzüge lauschte sie den musikalischen Kapriolen der silbernen Querflöte und zog dann mit ihren Kommilitoninnen weiter durch die kunstgeladene Nacht.

Angelika Müller machte sich stark für den Genuss des Augenblicks, das „Jetzt“, wenn „Erinnerung schweigt und Zukunft bedeutungslos ist“. Im „Wortgerangel“ ließ sie den Stift eilig kreisen, um ihn in den „Sog“ zu locken und „Im Schatten“ mit „abgehackter Sprache“ im „Meer der Wünsche“ treiben zu lassen, wo er „die Perle von allem: Zufriedenheit“ findet.

Heidi Glatz und Carmen Kraus lasen im Wechsel lyrisch verpackte Gedanken zu „Veränderungen“. Sie begleiteten den soeben flügge Gewordenen durch die Stürme des Lebens, richteten den Gebeugten wieder auf, brachten den zum Stillstand Gekommenen wieder in Schwung, gaben ihm ein Lächeln als Begleiter mit und ließen ihn flaumig leicht durchs Leben schweben. In neuer Stärke stieg der Bewusste als Phönix auf, von alten Mustern befreit und dankbar Richtung Zukunft gewandt. Für Spannung sorgten dabei die eigenen Stile der beiden Autorinnen, die thematisch Ähnliches so unterschiedlich zu Papier brachten.

Wolfgang Pagany brachte sich ein mit einer fulminanten Darbietung von Gedichten seines Lieblingsdichters: Joachim Ringelnatz. Wie er so mit Herzblut vortrug: die Reklame „hat mir ins Gedächtnis gebissen“, oder von Augsburg, im Weißen Lamm: „hier hat auch Goethe gewohnt“, da erinnerte man sich gern mit einem Schmunzeln an den kaum erst vernommenen Part von Thomas Glatz über die Gedenktafeln für Dichter. Mit „Schwamm drüber“ leitete er dann zum „Wannenbad“ mit „Fichtenozon“ und „besoffenem Schwamm“ über und ließ nicht nur das Thermometer „über Fieber steigen“, sondern auch die Stimmung im Raum. Hätte die Moderatorin ihn nicht eigens als Gastgeber entlarvt, man hätte meinen können, hier trug wieder ein Autor mit Inbrunst sein eigenes Werk vor.

Haydns ruhige Weisen trockneten derweil die Lachtränen in unseren Augenwinkeln und läuteten die zweite Runde ein. Einige Autoren streiften inzwischen durch die Straßen der Altstadt auf der Suche nach Motiven für das nächste Werk, andere blieben entspannt in dem von Kerzenlicht warm erleuchteten Raum und bescherten der hektischen Stadt einen ruhigen Gegenpol.

Gerwin Degmair, der von Utting am Ammersee kam, hatte noch mehr Wasserreime dabei und philosophierte so lange über Wassermann und Wassernixe, Wasserhahn und Wasserhenne, bis wirklich alle ihm abnahmen, dass wohl „ein Wassergott in jedem steckt“. Schließlich verband er noch „Fußball mit Poetenknall“ zu seiner ganz eigenen „grasgrün gefärbten Comedia dell’Arte“.

Auch Helmut Glatz stand dem freudigen Treiben nicht nach. Als beinahe in dieser Stadt Gebürtiger hatte er „Landsberger Spottgesänge“ im Gepäck, über „Choleriker und geborene Mehringer“ im Hinteranger ebenso wie über „Walter, den Kleintierhalter“ in der Bergstraße, dichtete mit Heine „vom Hauptplatz oder so – oder auch vom Rathausklo“, das jüngst sogar eine Zeitungsnotiz wert war. Fröhlich stimmten die Anwesenden wiederholt in seinen Refrain „Viel Verkehr!“ mit ein, als er Oma Olga, Spitz und einen Japaner den neuen Hauptplatz erkunden ließ. Und mit „was kann es Schön’res geben in meinem Lebenslauf: den Hinteranger runter, den Vorderanger rauf“ machte er den großen Comedians unserer Zeit ernsthaft Konkurrenz – und spätestens nach dieser Darbietung blieb wirklich kein Auge mehr trocken.

Inzwischen fand sich auch Boris Schneider ein, der von einer Parallelveranstaltung kam. Sein Mäusekrimi hatte den 5. Platz belegt beim Wettbewerb für „Die Spur führt an den Lech“, ein gemeinsames Buchprojekt der Stadt Landsberg und der VHS-Schreibwerkstatt. Auf die ihm eigene Weise las er eine Passage der spannenden Geschichte um den Fund einer Mäuseleiche am Mutterturm und erzählte von einer kuriosen Begegnung während seiner Recherche am Tatort.

Selbst Haydn schien es gegruselt zu haben, denn das nächste Stück verwandelte Spannung und Düsternis zu ganz besonderen tonalen Kapriolen und nahm die Hörer mit auf eine Reise in schaurige Abgründe. Ganz anders die Wandergedichte von Carmen Kraus. Was man sonst der Nachbarin berichtet, fasst sie in Reime und zarte Lyrik. Und so radelte sie in Gedanken mit Christian Rottenegger von Landsberg bis Nepal, wanderte zu dritt den Peißenberg hinauf und spielte mit der föhnigen Nähe des Iglinger Kirchturms bei Kaufering, spazierte singend mit der Freundin durch goldenes Sonnenlicht am Lech – und bemerkte, wie jede Begegnung sie verändert.

Heidi Glatz weitete den Radius wieder aus. Vom „Ankommen“ im Zillertal, wo überall Ruhe herrscht, bis zum Strand in Italien, wo es zwar laut, aber „tutto perfetto“ ist, sobald der deutsche Franz satt ist. Mit ihrer „Sinfonie in Grün“ ließ sie die Moseltrauben reifen für heiteren Genuss in sonnigen Stunden.

Heiteren Genuss bereitete auch Haydn wieder. Cello, Violine und Querflöte lachten mit uns. Vogelgezwitscher angedeutet, versetzte uns die sanfte Musik in einen ebenso grünen Raum der Töne. Hier holte Angelika Müller die Zuhörer ab, als sie „Lied und Wort“ verband. Doch hat sie letzteres dann verloren und sinniert darüber, es „könnte fataler Anfang sein von Lückendenken, halbem Sein“. Da hilft nur der „papierige Freund“, mit dem sie auf neuer Seite neu anfangen kann, um dann zu schließen mit „Es ist …“ – eine Seele, ein Herz, ein Gedanke, die Vernunft usw. – „es ist einfach das Leben“.

Lore Kienzl überraschte auch ihre Autorenfreunde mit einem klitzekleinen Mundartgedicht über den „Herbst“, in dem sie „d’Schof am Hang“ grasen lässt. Im „Sonnenglanz“ will sie „einfach glücklich sein mit einem Gläschen Wein“. Einfach glücklich ist auch Renate Exsz, die so gern in Landsberg wohnt, dass sie der Stadt eigens ein Gedicht gewidmet hat. Doch auch ein Baum hat es ihr angetan, ein ganz besonderer, den sie verletzt vorgefunden und gepflegt hat, und der nach Jahren zwar tiefe Narben, aber dennoch eine große Krone trug. „Hinter den Mauern“ des Landsberger Gefängnisses, „jenseits meiner Welt“, zeigte sie verstörende Bilder auf, ebenso wie sie sich nicht scheute, die „Scherbenkinder“ im Kinderheim St. Alban vor Augen zu führen, denn sie sind „übrig geblieben vom zerbrochenen Glück“ und kämpfen sich tapfer zurück in ein besseres Leben. „Eiskalt … und ich erfriere mit“ – und auch mancher Zuhörer schauderte ob der grausamen Wahrheit.

Willkommen waren danach die warmen Töne des Kammertrios, die wieder angenehmere Saiten in uns zum Klingen brachten. „Apropos Geige“, sagte Helmut Glatz. „Ich habe auch dazu eine Geschichte dabei: Der Geigenzähler.“ Und damit entführte er die Zuhörer erneut in eine fantastische Welt, vollgepackt mit überraschender Komik. Angelika Müller servierte dann noch das „Lebenselixier“ dazu, einen Sonnenuntergang in Kaskaden von Orange in unglaublich sanfter Beschreibung. Auch einen „Wasserfall“ und ein „Labyrinth“ kredenzte sie – die Zuhörer zielbewusst auf eine „hoffnungsgewollte Lebensweggerade“ lenkend.

In „Wunschgedankenwelten“ entführte Roland Greißl, wo Gedankenruhe gleich Seelenruhe ist, aber auch Gedanken zu finden sind, die „unbeherrscht wie die quellende Fontäne“ aus uns hervorsprudeln. „Eines Tages im Garten Eden“ erzählte die Schöpfungsgeschichte aus einem etwas anderen Blickwinkel und ließ ein freudig überraschtes Publikum zurück.

Gegen 23 Uhr schloss Heidi Glatz mit einer herbstlichen Traumreise unsere „Ruheoase“ in der Landsberger Kunstnacht und gab allen noch ein paar „Herzenswünsche“ mit auf den Weg. Carmen Kraus bedankte sich in lyrischer Kürze für den Musikgenuss. Im Namen des Autorenkreises überreichte die Moderatorin schlussendlich je ein Buch „Lechliebe“ und einen „Danke“-Kieselstein – natürlich aus dem Lech! – an die Musiker Freifrau Dr. Anna Katharina von Schnurbein sowie Annegret Fischer Fey und Michael Fey und an Geschäftsführer Wolfgang Pagany.

Dem Wiedersehen 2014 fiebern schon alle mit Vorfreude entgegen …

Carmen Kraus