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Jahresanfang - aber bitte optimistisch!


Max Dietz, der Leiter des Landsberger Autorenkreises, begrüßte die Zuhörer und Autoren, die trotz orkanartiger Böen den Weg in die Landsberger Gaststätte „Il Lago Di Garda“ nicht gescheut hatten. Am weitesten angereist war Familie Wendland aus Hohenfurch, und auch aus dem Fuchstal waren einige gekommen.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, hatte Moderatorin Lore Kienzl Anleihe genommen bei Hermann Hesse, um zu dieser ersten Lesung des Jahres einzuladen. „Wie viele Erwartungen, Neugier, Hoffnungen, Ängste, aber auch Abenteuerlust stecken in jedem Neuanfang, in jedem ersten Mal! Wird es eine Wiederholung im ewigen Kreislauf, und wir sind wie Sisyphus zu vergeblichen Mühen gezwungen – oder beflügelt uns Erstaunliches, Unvorhergesehenes und bringt uns zu neuen Ufern?“

Eine Menge Stichworte waren damit ausgegeben. Was hatten die Autoren daraus gemacht?, fragte sie gespannt, um gleich ihr Hauptanliegen hinzuzufügen. Und so wünschte sie jedem zur Bewältigung des 2015 Anstehenden vor allem Lebensfreude und Optimismus und – angesichts der jüngsten Ereignisse in Paris – den Mut, zu dem zu stehen, was man denkt, und sich nicht davon abbringen zu lassen, es zu sagen, zu schreiben und zu lesen.

Das Los entschied, dass Wigand Lange anfing. Er hatte aus über 30 Jahren schriftstellerischer Tätigkeit Kurzgeschichten zu einem neuen Buch, „Die Schöne und der Zwerg“, zusammengefasst. Der für sein Parkinson-Sachbuch bekannte Autor verriet, dass er am liebsten Texte schreibt, die in der Zeit des 18. Jahrhunderts spielen. In malerischer Umgebung ließ er den gefeierten Sänger Farinelli die Pyrenäen überqueren Richtung Madrid, wo ihn eine besondere Aufgabe erwartete ...

Franz Oberhofer übernahm bereitwillig die Stafette und räsonnierte zunächst über die Zeit, die vieles verwandelt, führte gut gemeinte Traditionen ad absurdum bis zum Endzeitszenario, baute Gotteshäuser zu Restaurants um, zeigte die Resilienz einer Katze … Über dem wirren Sammelsurium von Anfängen stellte er fest, dass nicht jedem Anfang ein Zauber innewohnt – es sei denn, man erkennt darin jenen Zauber, der jenseits von Perfektion liegt und wertungsfrei alles willkommen heißt, was das Leben bietet.

„Das ganze Jahr ist Fasching“, jubelte Corinne Haberl, die sich zu diesem Zweck eigens in knallige Pink-Töne gekleidet hatte. Akribisch hatte sie von A bis Z Begriffe zusammengetragen, die von der Gesellschaft erwünscht sind oder eben nicht: Der Bogen zwischen „kleckerfritzig“ und „xenophil“ (fremdenfreundlich) war sehr weit gespannt! Mit Limericks über bayerische Rosinenbomber für Uli und kopulierende Fliegen, unter denen sich die Balken biegen, sorgte sie für ausgelassene Stimmung.

Carmen Kraus ging mit ihrem „Musenknutschen“ direkt auf Lores Aufruf zu mehr Optimismus ein. So ließ sie ihre innerste Gefühlsschalmei erklingen und begleitete das Feuerwerk kreativer Ideen eines Künstlers bis zu seiner Entladung in einem Kunstwerk, das neue Gedanken in die alte Welt der Besucher trägt. In „Sprich leis, mein Herz“ forderte sie zum Innehalten auf und zum Lauschen auf die Zwischentöne, die in der lauten Welt allzu leicht überhört werden.

Auch Hannelore Warreyn plädierte für das Sanfte und mischte in ihrem außergewöhnlichen Rezept zum Jahreswechsel vier Pfund Ruhepausen mit zwei Handvoll Wohlbefinden, um dann noch einen kräftigen Schluck aus dem Brunnen der Weisheit zu nehmen, verfeinert unter anderem mit einem Schuss Humor und einer Prise Leichtigkeit!

Mit sprachlicher Virtuosität brachte Paul Wendland seine winterlichen Überlegungen zu Gehör – von der Rose, die dem Nachtfrost Sonne abtrotzt, bis zum schlappen Reim nach dem Schneeschaufeln – die sich mit dem Anflug eines Lächelns bei ihm das Recht erwirkt haben, zu erklingen. Im ersten Monat des Jahres raunte der zweigesichtige Janus im Truggeflecht seliger Ruhe dem neu Erwachenden Glückwünsche zu, auf dass er jeden Tag aufs Neue seine Selbsterhaltungsglut entzünde und in dem gereinigten Raum edelmütig sein Geistesgut entfalte.

Mit „Also dann: Himmelan, Frau und Mann!“ entließ er die berührten Zuhörer in eine kurze Pause. Für eine Überraschung sorgte Corinne, die noch Bücher der vergriffen geglaubten ersten Anthologie des Autorenkreises hat. Einige Exemplare von „Ein Elefant am Bayertor“ wechselten gleich den Besitzer, und auch weitere Bücher erweckten das Interesse der Anwesenden.

Reinhard Wendland zog erstaunt seinen eigenen Namen aus dem Hut. In einem kurzen gereimten Vortrag erklärte er die Sache mit dem Splitter im Auge des Anderen neu und erbrachte damit den Beweis, dass die moderne Psychologie über 2000 Jahre alt ist. Bis heute funktioniert die eigene Fehlererkennung nach jenem Prinzip: Erst wenn der Fehler am Andern nackt und hässlich vor uns steht, ist er an uns selbst enttarnt. Wenn wir bereit sind, das zu erkennen …

Frits Schmidt fühlte die moralische Pistole auf sich gerichtet, und da er zufällig sein Familienbuch „Genezareth und Plöne“ dabei hatte, gab er daraus einen Abschnitt aus den Zeiten des ersten Weltkriegs zum Besten. Nicht leicht hatte es die bald fünffache Mutter im August 1917 im Wartheland, war doch ihr geliebter Mann in Frankreich und bekam nur im Erntemonat ein paar Wochen Fronturlaub. Dazwischen sorgte ein Wanderfotograf dafür, dass er seine Heimat Apfeldorf nicht vergaß, seine Kinder und die junge Frau in der Pommer’schen Sonntagstracht zu sehen bekam.

Wer schreibt eine Geschichte mit drei Titeln? Helmut Glatz fragt sich, welcher besser passen würde: 1. Hase und Igel, 2. Eine Silvestergeschichte, 3. Von Zeit und Raum? „Blubb! Das alte Jahr knallt die Tür zu und rennt davon.“ Und das neue ist noch ein Nichts, nicht mehr als ein Zucken im kleinen Finger. Und dann lässt der Meister des Skurrilen das alte und das neue Jahr gegeneinander antreten wie weiland Hase und Igel. Oder waren es doch die Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, die hier einen Wettlauf bestritten? Was, wenn sie gegeneinander liefen: Würden sie einander verschlingen wie Materie und Antimaterie? Oder gemütlich vor der Krippe beieinandersitzen? Und wäre dann der Igel ein Engel? Oder vielleicht doch ein Teufel? Fragen über Fragen, die uns das ganze Jahr über beschäftigen werden – und vielleicht sogar darüber hinaus, wenn der Zeithase auch noch seinen Bruder mitbringt …

Nanu? Bei der nächsten Ziehung aus dem Hut stand auf dem Zettel ein Name, der verstörte: Hermann Hesse? Mit einem Lächeln trat Lore Kienzl vor und las mit der ihr eigenen Ruhe seine wunderbaren „Stufen“, in denen er den Zauber des Anfangs besingt, uns auffordert, heiteren Sinnes Raum um Raum zu durchschreiten, Abschied zu nehmen vom Alten, um frei von Anhaftungen im Herzen zu gesunden.

„Es ist mir eine Ehre, nach Hermann Hesse zu lesen“, sprach daraufhin Thomas Glatz. Doch er musste sich nicht verstecken, als er seinen Kalender öffnete und der Januar anfing: Aus seinem Stift kalbten Worte wie Gletscher, während er die Poesie des Neuen beschrieb, die Andacht des Anfangs. Das Bild von einer Kuh rehäugte nicht nur ihn an, auch der Zuhörer fühlte sich in diese Dualität mit einbezogen. Ebenso als er die mit zorniger Schrift geschriebenen Drohungen an einen Dieb las, mit Worten jonglierend wie ein Zirkusakrobat mit bunten Bällen.

Hesses Nachfolger treffen gewiss auf große Fußstapfen, aber auch sie hinterlassen durchaus sehens- und hörenswerte Eindrücke.

Carmen Kraus

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