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Märchen von Lech und Lecha


„Lecha, die märchenhafte Flussmaid, ist traurig. Die Menschen haben sie vergessen, ihre Geschichten, ihre guten Taten, ihre Existenz im Lech. Die einzigen, die ihr noch helfen können, sind die Künstler, die Märchenerzähler, die Schützer des Lechs. Sie bittet diese Menschen, ihr beizustehen und aufzuzeichnen, was noch von ihr in Erinnerung ist.“

Mit diesen Worten forderte Inifrau von Rechenberg ihre Kollegen und fantasievolle Gastautoren auf, sich eine Geschichte für die erste Lesung des Jahres einfallen zu lassen. Leider konnte sie an dem Abend nicht selbst miterleben, wie vielfältig dreizehn Autoren sich dem ungewöhnlichen Thema näherten.
Roland Greißl, der spontan die Moderation übernommen hatte, freute sich über die Flut der Darstellungen aus Jugend, Reife und weisem Alter der Akteurin. Dazu lasen in der vom Los bestimmten Reihenfolge Marianne Porsche-Rohrer, Heidenore Glatz, Helmut Glatz, Roland Greißl, Klaus Wuchner, Monika Hrastnik, Lore Kienzl, Jeanette Pichler, Claire Guinin, Dieter Vogel (als Gastautor), Fred Fraas, Carmen Kraus und Max Dietz ihre Gedichte und Geschichten von Lecha, dem Wald und dem Fluss.

Sie machten sich Gedanken darüber, wie giftig, aber heilbringend das bewaldete Ufer bestückt ist, durch das die Wurzelzwerge mit roten Näschen tollen, stellten Lecha schelmisch den Lechodri und die Lechlissi als Gespielen zur Seite, befreiten die Gefangene mit einem hochaktuellen Zauberspruch (… forti mega manga mango tibi tabi hu!), ließen es erotisch knistern zwischen Liccar und Lecha, leiteten den Lech vom Ammersee zur Donau um und verbanden Zukunft und Vergangenheit im Fluss der Zeit.
Lecha als Wasserfrau, die ihre Stadt vom ach so braven Bürger befreit, der angesichts ihrer Stärke reuig gesteht, wechselte mit der Beschreibung als buchengroßes luftiges Wesen in Blau- bis Schilfgrün, das nur für Kinder und des Kräuterwissens Kundige sichtbar auf dem Wasser tanzt. Lecha begegnet als tüchtige Ehefrau am Höhenweg, als Geliebte, die in Zeus’scher Schwanenart begattet wird, oder als sanft gewordene ’68er Tochter von Lech und Wertach – quer durch die Gedichte und Geschichten immer wieder zum Auwaldreich bei Pitzling oder ans schäumende Landsberger Wehr zurückkehrend.

Surreale Geschichten ums Wasser wechselten mit ganz realen Nöten wie den vielen Staustufen, die zwar saubere Energie liefern, aber dem Wildfluss ein Stück Lebensqualität rauben. All das reflektiert der Licatier ins Wasser glotzend, opfert dem Nicus vom Licus und lässt den Lechadodi dem Sabbath entgegensingen und der Nixe, die so viel umgänglicher ist als die Lorelei. „Jetz könnt’s rausgeh, jetz is se wieder da:“ Am geweihten Ort auf einer Bank in der Pössinger Au kann man sie erblicken, wenn im gläsernen Becken die Forellen wie glitzernde Blitze vorbeiziehn an spinnenden Elfen.
Carmen Kraus