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Weihnachtsmann und Specht im Schneeflockentreiben


Im adventlich geschmückten Saal des „Waitzinger Bräustüberls“ holte Frau
Dr. Anna Katharina Freifrau von Schnurbein mit ihrer Querflöte und einem ruhigen Vivaldi die Gäste ab, denn: „Advent bedeutet zur Ruhe kommen, sich einstimmen auf das Neue.“

Auch Moderator Gerwin Degmair erinnerte an den Advent als Zeit zu Aufbruch, Gehen, ein Ziel vor Augen haben. Im ersten Gedicht trug er noch problematische Emotionen zur Konsumwelt vor. Doch mit Rilke ließ er dann die Tanne „lichterheilig“ werden – und so kehrte doch diese besondere Stille ein, in die hinein er allen Lese- und Hörwilligen einen stimmungsvollen Abend wünschte.

Franz Oberhofer las über die Kunst des Flugzeugbaus und die schleichenden Veränderungen in der Familie, zog eine Parallele zwischen Vater und Sohn: der eine entflieht über den Wolken, der andere im tiefen Keller dem unerträglichen Alltagstrott.

Monika Bayerle machte sich Gedanken über die Wahrnehmung von Zeit: welche Farben, welchen Geruch wohl Zeit hat? Sie beobachtete die Menschen im Kaffeehaus oder saß im zeitlosen Raum und lauschte ihrer inneren Musik.

Auf der Querflöte spielte Frau von Schnurbein „Bald ist Weihnachtszeit“.

Monika Hrastnik lenkte das Augenmerk auf den „bayerisch gereimten“ Dezember: In Mundart sinnierte sie darüber, was bisher gut war, was nicht, über Geschenke, Weihnachtsbäckerei – aber auch schon, ob und wo man heuer Silvester verbringen sollte.

Roland Greißl ließ den Protagonisten seiner Kurzgeschichte „Der Entschluss“ einen ebensolchen fassen: Er will die Menschheit vor Nikotin und Alkoholsucht retten und vor AIDS schützen. Gleich bei seiner heimlich geliebten Nachbarin fängt er damit an. Dass er dabei übers Ziel hinausschießt, verführte die Zuhörer immer wieder zu Lachsalven.

Carmen Kraus verzückte mit ihrem Gedicht vom tänzelnden „Schneeflockentreiben“ die Augen und brachte Licht in die graue Welt. In „Tosende Stille“ verwandelte die Sehnsucht nach Ruhe das geschäftige Treiben in tiefe Entspannung.

Welches Lied könnte besser dazu passen als „Stille Nacht“? Zarte Flötenklänge ließen den Raum für kurze Zeit verstummen.

Klaus Köhler erzählte in seiner Ostholsteiner Kindheitserinnerung „Koks vom Bahndamm“ vom mutigen Einsammeln der Kohlen für ein bisschen Wärme daheim. Im plattdeutschen Gedicht „Omas Engels“ wünscht sich die Oma vom „Wiehnachtsmann“ nur, ihre Enkel zu sehen, dafür verzichtet sie gern auf Geschenke.

„Morgen kommt der Weihnachtsmann“ versprach Haydn mittels Querflöte. – Nach einer kurzen Pause, in der die Lesenden mit einem Buch aus dem Nikolaus-Korb beschenkt wurden, schwingt Vivaldis „Largo Cantabile“ sanft in die zweite Hälfte des Abends ein.

Heidenore Glatz liest die Kurzgeschichte „Weihnachten ohne Papa“ – vom schwerkranken Vater der Neunjährigen und seinem letzten, unhaltbaren Versprechen, aber auch von der alljährlich wiederkehrenden Dankbarkeit für Familie, Gesundheit und … den 2. Preis im Wettbewerb 2012 für eben diese Geschichte!

Claire Guinin, die ausgewanderte Münchnerin, liest von „Tradition – Idylle – Kommerz“, die heute die stade Zeit beherrschen, und macht den Klimawandel verantwortlich für die ungeliebte „grüne Weihnacht“.

Und die Querflöte säuselt: „… Glocken mit heiligem Klang, klingen die Erde entlang“.

Fred Fraas
, der ehemalige Polizeibeamte aus Franken mit dichterischer Ader, ist „Unterwegs zu Freunden“, berichtet vom nächtlichen Alleinsein mit drei Freunden: der Dunkelheit, der Weite und dem Nebel, von fordernder Stille und Nebeltröpfchen, die „glitzern wie fallende Tränen“.

Boris Schneider hat aus der „Fantastisch-schaurigen Hochzeitsanthologie“ die Geschichte „Vollmond in den Bergen“ mitgebracht, eine romantische Liebesgeschichte mit fantastischen Bildern, von „gletscherblauen Augen“ und Drachen im Hochzeitstanz – die mit einem Antrag an die Liebste endet.

Max Dietz liest „Eine meiner Weihnachtsgeschichten“: von der „Flucht ins Körperinnere“, mit Bildern von Engeln „in dulce jubilo“, vom polyglotten japanischen CD-Player und weiteren verwirrenden Traumsequenzen wie der Mutter, die das Mittagessen mit der „Specht“ teilt, einem Oberpfälzer Naturdämon.

Marianne Porsche-Rohrer durchbricht den fast schon obligatorischen Weihnachts-Themenkreis und liest davon, „Wie Hahnemann uns helfen kann“,
so zum Beispiel etwas fürs Herz, genau genommen: Wenn es taktlos schlägt, empfiehlt sie homöopathisches Spartium, den Besenginster.

Angelika Müller, die Fränkin aus Hof, heute am Lechrain beheimatet, wird kritisch: In „Farbglanz“ appelliert sie daran, bei all den „aufgeputschten Glitzerwelten“, „Menschenstauwerken“ und anderen weihnachtlichen Monströsitäten „den Silberfaden der geistvollen Seele“ nicht zu verlieren.

Mit „Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will“ führt die Flöte die aufgewirbelten Gemüter wieder zur Ruhe.

Heidi Kjaer, die Mundartautorin aus Peißenberg und Schongau überrascht mit einem sanften Betthupferl aus der Feder von Herbert Regele. Aus seinem Buch „An Friedn für alle“ liest sie das Gedicht „Maria Elend“ – nein, sie liest es nicht, sie trägt es plastisch vor, so dass am Schluss alle überzeugt sind, sie selbst wäre diese Maria mit allzu menschlichen Ängsten und Einwänden und der Vorfreude auf das Kind, das in ihr wächst.

Mit der Flöte geht der Abend den „Bach“ runter, genau genommen klingt er damit sanft aus, ein harmonischer Abend mit vielfältigen Beiträgen, unter der bewährten Führung von Gerwin Degmair.

Die einfühlsame Flötistin Dr. Anna Katharina von Schnurbein verlässt spät, mit einem Weihnachtsstern, den heimeligen Raum. Allmählich verabschieden sich auch die Zuhörer und Autoren voneinander. Die nächste Lesung, kurz nach dem Drei-Königs-Tag, am 10. Januar, wird sie wieder zusammenführen.

Der Landsberger Autorenkreis wünscht seinen Mitgliedern und den Zuhörern eine angenehme Vorweihnachtszeit, fröhliche Weihnachtstage und einen guten Beginn des neuen Jahres!

Heidenore Glatz und Carmen Kraus