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H wie Heimat - hach, die Heimat!


Nanu, wird sich ein Besucher gedacht haben, der mittenrein platzte in die jüngste Lesung des Landsberger Autorenkreises. Bin ich bei einer Lesung oder in einer Diskussionsrunde? In regem Austausch ging es, angeregt durch Moderator Helmut Glatz, um eigene Erfahrungen und Empfindungen zum Begriff Heimat. Sehr vielschichtig scheint er zu sein, von außen betrachtet, und nicht minder individuell in der Innenschau. Habe ich Heimat und wenn ja, welcher Art? Gibt es für mich keine Heimat und warum eigentlich nicht? Zwischen diesen beiden philosophischen Polen bewegte sich ein ganzer Leseabend im Café FilmBühne.

Heimat ist zum Beispiel, mitten im Krieg aus Erdlöchern zu kriechen und einem begnadeten Pianisten frisches Obst und Gemüse zu schenken, sagt Inifrau von Rechenberg. „Heimat, deine Sterne“, erinnert Klaus Wuchner. Musik ist Heimat und Heimat überwindet Angst und macht Menschen zu Wandervögeln, weiß Helmut Glatz. Und ist es nicht ein Stück bayerische Mentalität, wenn der Herr Pfarrer schon in der Predigt den darauffolgenden Schweinebraten segnet?, wagt Lore Kienzl mit Lili Zeiler zu fragen, oder, mit ihren eigenen Worten, ist es der Dialekt, der in der dicken Wally steckt?

Ein rutschiger Pfad ist Heimat, meint Sandro Wirth, von dem sie abgleiten, die Menschen, zerschunden, man sieht schon ihre Wunden. Ja, nussig-grüne Düfte und modrig-süße Lüfte bringt sie am Lech hervor, pflichtet ihm Carmen Kraus bei, ein berauschendes Geschenk, das den Herzüberlauf fördert. Im Herzen trägt auch Theresa Schermer sie und sie hat den Duft und das Gesicht von Mann, Kindern und Enkeln. Wie ein Rennauto ist Marianne Porsche-Rohrers Familie durch die Republik gebraust, und zwischen Westerwald und Bad Wurzach, zwischen Möhren und Gelben Rüben fand sich kein Ankerplatz für Heimatgefühle.

Klaus Köhler fühlt sich auch als Nordlicht daheim im Schmelztiegel Deutschlands, in den Bundeswehrsoldaten, Flüchtlinge und Spätaussiedler in Landsberg gleichermaßen gefallen sind. Genauso wie der zag plappernde Landwirt, der in Oberostendorf im Feld kauernd Geräusche macht, meldet sich Thomas Glatz zu Wort. Da erinnert Hannelore Warreyn an den Klatschmohnsommer mit Heublumenduft vor der Alpenkette, schwer vorstellbar in den derzeit Schnee und Regen klatschenden Tagen. Auch eine Straße kann Heimat sein, vor allem eine bestimmte, die Helmut Glatz aus dem unendlichen Straßennetz herauspickt, das unsere Erdkugel gefangen hält.

In immer neuen Durchgängen lesen die Autoren und werden des Themas nicht müde. Selbst die Wirtin, Frau Gilk, lässt sich in den Sog reinziehen, Ananasschorle und Weizenbiere gurgeln mit, auch Flammkuchen und Wurstsalat hat der Strudel längst erfasst, und der abendliche Schlenderer, der nur ein warmes, trockenes Plätzchen suchte, wundert sich über dieses aufgestachelte Völkchen.

Klaus Köhler wurde 80!

Der Stanzenkönig ist 80 geworden, hoch soll er leben! Klaus Köhlers Wangen leuchten rosig und die Augen glänzen, und man weiß nicht so genau, ob seine Gedanken noch hier sind oder zurückgereist nach Ascheberg mit seinen Finnenhäusern und den Schulkameraden aus Ostpreußen und Pommerland. Die Maikäfer aber surren schon startbereit für eine neue Runde, am 5. Mai um 19:30 Uhr im Deutschen Haus in Waal, wenn Unerhörtes auf Ungehörtes trifft wie die Autoren auf ihre Zuhörer.

Carmen Kraus