Sie sind hier: Berichte

Nachdenkenswert


Zu einem Abend, der erfüllt war von Lesebeiträgen zum Thema „Fliehkraft“, trafen sich Zuhörer und Autoren im Restaurant „Il Lago die Garda“. Dabei offenbarten die Autoren vielfältige Sichtweisen in ihren Gedankengänge zu dieser Zentrifugalkraft der Physik, nachdenkenswert aber auch auf Mensch und Natur übertragen.

Fotos von Max Dietz

Moderator Franz Oberhofer beschrieb zunächst die wissenschaftliche Sicht des Phänomens und übertrug diese dann auf den Menschen, den gerade in heutiger Zeit manches zu Tun oder Lassen antreibt, ja oftmals nötigt. Tiefschürfend waren auch seine literarischen Einlassungen dazu, beginnend als Gestrandeter im Ewigen Eis mit wahrem Suchtverlangen nach Offenbarung des Unerklärlichen bis zu letztlich resignierender Flucht vor der Erkenntnis der Unerfüllbarkeit. Allein dieser Aspekt wäre abendfüllend, war man sich einig.

Fred Fraas holte die Zuhörer zurück ins Gegenwärtige: Seine letzte Nachtschicht-Straßenbahn schaufelte die menschliche Ohnmachtsfülle allnächtlichen Wahnsinns in dieses Verkehrsmittel, dessen Lenker am Ende der Fahrt dankbar auf sein somit erworbenes Zubrot zu „Riester“ blickte.

Helmut Glatz las von Epochen des Kräfteholens und -lassens in einem fiktiven Venedig, dessen löwenköpfige Türklopfer an der Schatzkammer eines vermuteten Ali Baba Wache hielten. Doch jeden Morgen schreibe sich diese seine Geschichte unerschöpflich neu. Sicher werden wir davon noch hören.

Klaus Köhlers jugendlicher „Bendix“ hatte wieder einmal mit Hilfe seines Opas lebenswichtige Erfahrungen gemacht. Die einer selbst gebauten Lehmklumpen- oder Steinschleuder zugrunde liegende Fliehkraft belegte er gleich mittels mitgebrachtem Anschauungsmodell.

Reinhard Wendland schrieb unter anderem über das Wirtschaftskarussell: Kluge Köpfe lockten zu Gewinnmaxima, ließen aber letztlich ihre Kunden fallen. Die Resignation vor der Größe dieses Problems setzte dabei die Regeln des Marktes außer Kraft. Nachdenkens- aber nicht nachahmenswert.

Roland Greißl zeigte im sehr kritischen Gedicht „Minuszeiten“, wo es zurzeit bedenkliche Entwicklungen gibt: Die Bauern bekommen für einen Liter bester Milch den niedrigsten Preis aller Zeiten; entgegen dem früheren Motto „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ wird heute Sparen mit Minuszinsen bestraft; viele Rentner haben am Monatsende eine „Minusrente“ auf dem Konto – ein Plus weisen aber Versicherungsbeiträge aller Art auf.

Boris Schneider intonierte eindrucksvoll die Schlüsselszene aus seiner Jungfernsprung-Erzählung: „Regina taumelte ins Freie … die Schweden kamen …“ Eine Wiedergabe der aufgebauten Spannung kann hier nur zu kurz kommen: bitte unbedingt selbst lesen – im Anthologieband „Literarisches Lechrauschen“.

Thomas Glatz beschrieb das Stakkato einer Ankunft im Irgendwo, wo ein Flugzeug landet, Kind schreit, draußen Regen, schmutziges Licht, Hektik, schwere Koffer, Frau simst, zugiger Bahnhof, vergessene Plastiktüten. Mondlicht zaubert Atmosphäre.

Dann holte Paul Wendland seine Erfahrungswerte zu unvernünftigem menschlichem Verhalten hervor und kramte in Kindheitserinnerungen, die wir hier und heute glücklicherweise nicht mehr erleben müssen, mit Flugzeugen und Fallschirmen. In einem Abendlied ließ er ferne Hügel erblauen und Sterne aufleuchten, und sein kindliches Staunen über das Lampionlicht des Mondes begleitete manchen noch auf dem Heimweg.

Bei Marianne Porsche-Rohrer, bewährt in heilungsnahen Reimen zu diversen Wehwehchen, wurde Robert allein durch Rudern wieder fit. Sie legte den Zuhörern das „Paradies im Garten“ auch in der späten Jahreszeit ans Herz und ließ sie an ihrer Bittfertigkeit „um das Geleit des Herrn dort droben“ teilhaben.

Carmen Kraus erlebte beim Besuch von Vernissagen Anziehungs- und Fliehkraft des künstlerischen Schaffens. Im Gespräch über die ausgestellten Resultate kamen dann blad die eigenwilligen Unterschiede individueller Interpretation zutage.

Und dann war da Max Dietz mit seinem „Lechstrand“, der, von schattenhaften Sonnenanbetern belegt, Staffage für den Fluss mit seinen Lichtreflexen ist. Von der überdrehten Boom-Box am Ufer gegenüber las er und von zuckenden Gestalten. Und im Vordergrund geizte auf den Kieseln der Lechtaler Alpen die Weiblichkeit nicht mit ihren Reizen, bis die Sonne gen Augsburg ging.

Mit dem Resümee von Moderator Franz Oberhofer zur Vielzahl der Beiträge war bald jeder Dagewesene in den nach Belieben weiterhin nachdenklichen oder unterhaltsamen Abend entlassen – bis Samstag, den 22. Oktober, wenn die Autoren in Thaining ihres Freundes Otto Stedele gedenken, der sich sehr für den Erhalt seiner heimatlichen Mundart eingesetzt hat. Ein Lese- und Hörvergnügen im Lechrainer Dialekt steht an!

Fred Fraas