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Maskerade der Leichtigkeit


„Was wäre der Karneval ohne Heiterkeit und bunten Masken?“, hatte Heidenore Glatz in ihrer Einladung zur Faschingslesung des Landsberger Autorenkreises gefragt. „Mit einem Augenzwinkern die Welt in bunte Farben kleiden, die Unbeschwertheit in Worten tanzen lassen, Freudiges und Ernstes verbinden und für ein paar Stunden in Belanglosigkeit schwelgen ...“ Das führten sich die Autoren gern zu Gemüte und kamen zahlreich ins Restaurant „Il Lago Di Garda“.

„Texte, mit Schalk und Humor gespickt, spannend in bunten Wortschlangen verstrickt“, wünschte sich die Moderatorin, und für deren spontane Umsetzung sorgte sie gleich selbst: Auf einem Blatt stand der Titel „Ein Luftschlangengedicht“ und erste Reime. Jeder konnte spontan noch einige dazusetzen, und so entspann sich ein lustiges Gedicht aus den Anfangszeilen von Gerwin Degmair: „Der Esel fragt den Papagei: Legst du mir heut ein Frühstücks-Ei?“ Da flogen aber die Federn! Der konfuse Traum vom Gläschen Likör wurde heiter weitergeleitet, ein Hahnenei entzog sich dem Verzehr, jedoch gab der Vogel für sein Weib seine letzten Federn hin, bis schließlich der Papagei so wüst mit einem Betablocker in der Champagner-geschwängerten Schlangenluft tanzte, dass der arme Esel auch ohne Ei zum Ja-Sager wurde.

Das war aber nur die zweite Ebene des bunten Abends. Denn in der ersten fand die übliche Los-bestimmte Leserunde statt. Nicht alle hatten sich bunt verkleidet, manche kamen ganz dezent daher, trugen wie Max Dietz immer eine Maske, denn „mein wahres Ich hat noch keiner gesehn“. Wirklich nicht? In den vielfältigen Texten blitzte manche Überraschung über das Innerste des Autors auf.

Klaus Wuchner gab einen interessanten Querschnitt zu Faschingsrufen aus ganz Deutschland und Faschingsgedichten der Region und bedauerte, dass die ehemalige Landsberger Faschingsgesellschaft „Lach am Lech“ sich nicht in die heutige Zeit retten konnte. Den „Lumpigen Donnerstag“, das hatte er recherchiert, gibt es in der ganzen Republik nicht noch einmal. Dafür haben die Kaufbeurer den „Rußigen Freitag“, die Kölner ihren „Rosenmontag“ und die Konstanzer den „Schmotzigen Dunschtig (Dienstag)“.

Nun schon zum dritten Mal dabei, begeisterte Heinz Otto Singer wieder die Zuhörer mit seinen Gedichten. „Der Betablocker“, dessen Liebesgeschichte auf einem Gallensteinhocker beginnt und endet, weil ihn die Passion der Nierensandsonde verstört, kommt genauso gut an wie der nahende Lenz mit seinem kecken Überfall auf die Nasenschleimhäute. Auf einem Pariser Trottoir lässt er mittels eines maroden Pinschers bizarr ein Pärchen zueinanderfinden, mit heiterem Ausgang für alle Beteiligten: „C’est la vie!“

Inifrau von Rechenberg, aus dem Autorenkreis Allgäu bekannt, hatte nur wahre Geschichten dabei: Ein deutscher Dackel hatte sich in Venedig unter den Rokoko-Rock einer Dame verirrt und quittierte jede Verschiebung seines vermeintlichen Gefängnisses mit einem Knurren, bis Butzls Frauchen für Ruhe sorgte. Bei einem Faschingsabend im „Haus der Kunst“ schaffte die Autorin es mit einer Kostümierung als Zeitungsente sogar zum 1. Preis. Die Bild-Zeitung sucht bis heute nach dem Gesicht hinter der Maske.

Man könnte meinen, dass Marianne Porsche-Rohrer die Lesung verwechselt hat; die Buchvorstellungen waren im November. Doch nein, ihre flott-fröhliche Art, Heilmethoden in Reime zu verpacken, passte wunderbar zum Fasching. Ihr neues Buch „Sebastian Kneipp heilt Seele und Leib“ überzeugte sofort. Wie sie im Tautogramm Ludwig nicht nur den Löwenzahn als Lebenselixier entdeckten lässt, sondern auch gleich die lüstern lächelnde Luzia, oder Konrads kokainhaltige Kanufahrt in den katastrophalen Kramladen Klinik samt kosender Krankenschwester Karin kippt – klasse! Mit „Kunst statt Pillen“ stellte sie flugs die innere Ordnung wieder her, und sofort war klar, warum wir diesen Abend bei einer lustigen Lesung verbrachten.

Ein grüner gestiefelter Kater mit großer Feder am Hut nahm den Raum am Lesepult ein: Die Märchenerzählerin Hannelore Warreyn hatte seine Geschichte in viele Reime gepackt, die sie theatralisch vortrug. Und während sich die Lachmuskeln davon erholen wollten, legte sie noch ein Esperanto-Gedicht auf Es… nach, glücklicherweise mit Übersetzung für alle dieser Fremdsprache Unkundigen.

Einen Hut setzte sich Helmut Glatz auf, einen Erzählhut, in den die Geschichten einfach so hineinfallen. Ein „böses“ Gedicht über Asylanten kam daraus hervor. „Die Welt ist morsch, die alten Pfeiler rosten“, denn da kommt eine Bedrohung aus dem Osten: „Sie treten mir auf meine warmen Socken“, bis der Verstand um Asyl bittet, „weil sowas wie Verstand in unserm Vaterland kein Mensch mehr haben will“. Ganz anders die Verkehrsampeln, diese Früchte, die von Ampelbauern geerntet werden, um zu Ampelkuchen, Ampelmusensalat und Granatampeln verarbeitet werden, sofern ihr natürlicher Feind, der Ampelblütenstecher, das nicht vereitelt.

Solche Visionen brauchte Monika Hrastnik nicht. Ihr Alltag bietet genug Kurioses. „Die Hungerhaken von Tisch zwei sind voller Eifer mit dabei“ beim Tischtennisturnier, „der eine zählt, der andre drischt“, doch schließlich steht’s „remis, jeder der Kerls ist mächtig hie“. Und auch ein Winterspaziergang der Sommerkinder hat seine Tücken, wenn schlussendlich Frau Bruchpilots Steißbein schmerzt.

Seine ersten Scherze inszenierte Max Dietz als Projekt „Gedichte fürs Lexikon“ und begann auch gleich, von hinten, mit einem beeindruckenden Rätsel zum vielseitigen Zylinder. Es folgten kurzweilige Tiergedichte um ein dummes Huhn, Buddhismus im Hühnerstall und das des Tanzens überdrüssige Schwein Dolores. Schließlich begleitete er einen Wiener zum Sterben nach Hawaii, ließ ihn aber angesichts der dort allenthalben grassierenden Lebensfreude resigniert feststellen: „Zum Sterben taugt nur Wien.“

Fragen, die die Welt dringend braucht, warf Hans Schütz in die Runde: „Was falten Zitronenfalter?“, „Was spechtet der Specht?“, „Wen bremsen Bremsen?“ Dann schickte er uns auf Kur nach Sri Lanka, dank Ayurveda wird dort jeder schlanker. Uns schon griff auch er in die Faschingskiste: So bot die Karnewalin dem Kostümwal an, ihm Hörner aufzusetzen, bis er schließlich entnervt beschloss, als Fisch zu gehen.

Bunt trieb es dafür Klaus Köhler alias Bendix mit Omas Blaustirnamazone Lora. „Kernerchen“ zog jene dem Rührei allemal vor, und auch wenn sie das Wort „bitte“ noch nicht beherrschte, für „danke, gute Mama“ reichte es schon. Das Kuckuck-Spiel machte „Lora müde. Lora lafen“, wonach die Familie noch lange diskutierte, ob ein Papagei nur nachplappern oder vielleicht doch eigene Wünsche äußern kann.

Ein weiterer Gastleser, Bodo Schulz vom „Seniorenschreibtisch“ in Puchheim, bereicherte den Abend. Seine Kehraus-Geschichte um einen seriösen Mathematikprofessor am Ende einer Faschingsnacht, der mit Konfetti im Haar und grünem Aal am Handgelenk aufwacht, fesselte die Zuhörer. Mit dem stimmungsvollen Gedicht „Stell dir vor“ beendete er seinen Vortrag.

Warum Magier keine Familie haben? Zumindest auszugsweise führte Boris Schneider in diese Thematik ein, denn die eigentliche Geschichte sprengte den Rahmen einer solchen Lesung. Gut, dass Ashkrig den uralten Papyrus in der Sprache Zodiak lesen konnte. Die Zutaten für die Beschwörung hatte er auch fast alle beieinander, sogar das linke Auge eines Guhls. Der Große Hobel stand heute Abend endlich im Trimedar – doch seine Frau wollte zur Bridgerunde, und er sollte auf seinen Sprössling aufpassen.

Joachim Giebelhausen hatte die Qual der Wahl im Kölner Kostümverleih: Ginge er als Sachse, dann würde er nicht für einen Berliner gehalten; als Steuerhinterzieher bekäme er warmes Essen im Gefängnis; als Clown könnte er vielleicht endlich seine Schwiegermutter zum Lachen bringen. Alles erschien ihm verlockend, die Entscheidung eher schwer.

Die rosarote Brille von Carmen Kraus sollte ihr helfen, in Faschingsstimmung zu kommen. Mit etwas Disziplin war auch das zu schaffen, und so reimte sie ein ganzes Gedicht mit der Spanne Landsberg – Autoren – heutiges Lesen auf nur eine Endung: -and. Ein besonderes Gedächtnisprotokoll von einem beschwingten Leseabend im Autorenkreis warf ein Schlaglicht auf ihre Schreibmotivation.

Rosafarben setzte auch Moderatorin Heidenore Glatz ihren Schlusspunkt. Ein Schwanenseeballett in hauchzartem Tutu brachte es hervor: Grazil sein bringt auch die entschlossensten Mannsbilder an ihre Grenzen. Jenseits des Faschings entlarvte sie jene, bei denen die „Fassade zählt, auch wenn verlogen“; wie viel lieber sind ihr jene „Maskierten“, die nach außen hart sind, „doch butterweich im Kern“.


Mit reichlich Applaus quittierten die fast 40 Zuhörer auch diese Betrachtungen. Jeder war auf seine Kosten gekommen: Heiteres und Besinnliches, Fröhliches und Nachdenkliches, Närrisches und Ernsthaftes, Vergangenes und Visionäres hatten die vielseitigen Autoren in die Wundertüte „Faschingslesung“ gepackt. Manch einer blieb noch ein Weilchen und verlängerte den Genuss bei einem angeregten Gespräch – und freut sich schon auf einen kleinen Nachschlag bei der lustigen Frauenlesung am 12. Februar im Café FilmBühne.

Carmen Kraus