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"Von Herkom(m)ern und Dahingehern"

Unter dieser Überschrift lud Heidenore Glatz ihre Literaturfreunde aus dem Landsberger Autorenkreis zu einer Lesung ein. Die 100ste Jährung des Todestages von Hubert von Herkomer klang darin an. Waren die Autoren dem Thema gewachsen? Kann man so etwas überhaupt in der närrischen Zeit umsetzen?

Nun, man kann! Mit einer gehörigen Portion Wortwitz, mit Ironie, mit einem leichten Augenzwinkern oder aber in einer donnernden Büttenrede machten die Schreiberlinge klar, dass es bis heute viele gibt, die seltsam daherkommen oder aber längst da oder dorthin gegangen sind, um durch die Hintertür wiederzukommen.

Doch gemach. Lassen Sie uns einen Blick werfen in das bunt geschmückte Nebenzimmer im Gasthof „Il Lago di Garda“, an einem Freitagabend im Fasching 2014:

Eine blonde Dame in einem bodenlangen Kleid aus Samt und Seide und mit einem Federhütchen begrüßt die Gäste und lädt zum Lauschen ein. „Von Herkomern und Weggehern“ nannte Thomas Glatz die Zeichnung, die Heidenore Glatz hochhält. Er hat sich schon etwas einfallen lassen. Was kommt von den anderen?

Dr. Barbara Voigtmann aus Kinsau, in ihrer Freizeit Gitarristin und Sängerin, stimmt mit einem Lied voller Zweifeln auf die große Leserunde ein.

Das Los bestimmt Marianne Porsche-Rohrer zur ersten Leserin. Ihr Dr. Alkoholikus, ehrwürdiger Professor der Bierologie, muss das bayerische Nationalgetränk gründlichst erforschen und so manche Maß im Dienst der Wissenschaft vertilgen.

Fred Fraas bleibt auch beim Gerstensaft, aber bei einer Vereinsfaschingsfeier im Fränkischen, bei der eine Boa Constrictor einen Haderlumpen gewaltig missversteht und damit für närrische Verstrickungen sorgt.

Eine Herkommerin, so reimt Monika Hrastnik, das sei sie selbst, ist sie doch vor Jahren aus dem Bayerischen Wald „zuagroast“ und versteht deshalb die mundartlichen Eingewöhnungsschwierigkeiten der Neuen im alten Kauferinger Dorf.

Hannelore Warreyns Wortspielereien lassen einen Clown Faxen machen, bis alle lachen, doch mit hintergründigem Ernst führt sie den Balanceakt des Hochseilakrobaten zum Gelingen, weil er sein Ziel im Auge behält.

Frisch aus Südafrika zurückgekehrt, berichtet Waltraud Niedoba von dem Streich des geprellten Künstlers, der die Hast (afrikaans: Haas) bei der Fertigstellung einer Statue bildlich umsetzt: Dem überlebensgroßen Nelson Mandela sitzt nun ein kleiner Hase im Ohr.

Vom Fasching in Schwabing anno dazumal erzählt Claire Guinin. Die älteren Semester schmunzeln verträumt, die jüngeren staunen, mit wie viel Herzblut die Kostümchen genäht wurden, wer alles „Maschkerer ging“, wie der Schusterbub das Mauerblümchen begleitete und der Fliegenpilz im Lamellenplissee tanzte.

Joachim Giebelhausens satirische Vorschau auf die 100-Jahr-Feier des Autorenkreises treibt manchem Lachtränen in die Augenwinkel. Doch auch das zweite Stück, eine Vorwegnahme des Festumzugs am kommenden Lumpigen Donnerstag, mit M. Neuner im Kostüm des Oberbürgermeisters, mit dem Postillon H. Glatz, der seinen Pegasus „Am Schnürl“ auf Max I. zujagt, sprüht bis zur letzten Silbe.

In der Pause schlendern einige der rund 40 Zuhörer zum reich gedeckten Tisch, der mit neuen Büchern und Gedichtkarten der Autoren aufwartet. Mit einem „Engel“-Lied der besonderen Art lädt die Chansonnière zum zweiten Teil des Abends ein.

Klaus Wuchner erzählt mundartlich die Geschichte der Herkomers, die, von Waal „herkomma“, in der Neuen Welt zunächst nicht „zurechtkomma san“, dass in England das Talent des Sohnes „aufkomma is“, die Familie aber mit Heimweh „zruckkomma“ wollte, und man schließlich in der Wirtschaft beim Zitherspiel „zammkomma is“.

Mit einem Herkommer-Limerick auf seinen Pegasus schließt sich Paul Wendland an, in einem Dahingeher-Limerick folgt eine Persiflage darauf. Kindheitserinnerungen von Steckenpferdritten bewahren ihn im Alter vor Griesgrämigkeit und lassen den Lyriker aus Hohenfurch alsbald zum Lurch werden.

Wenn doch nur immer Fasching wäre, so Heidenore Glatz, so könnte man immer die Wahrheit sagen, zum Beispiel über einen Dahingegangen der Marktgemeinde, der meint, wieder zum Herkommer werden zu können. Ihm lässt sie noch den Faschingsmuffel Franz folgen, der mangels Spaß am närrischen Treiben zur Hausarbeit verdonnert wird.

Carmen Kraus hinterfragt die Wurzeln des Faschingsbrauches, die längst nicht erforscht sind. Dann dichtet sie frei mit Mörike „Fasching lässt sein buntes Band“, hinterlässt jedoch einen Müllberg statt Frühlingsdüften. An den großzügigen Nachlass der Herkomer erinnert sie, und dass heute kein Euro da ist für den Turm, der immer noch die Mutterliebe in sich trägt.

„Der deutsche Herr im Vatikan konnte seinen Stall nicht misten“, stellt Roland Greißl fest, weswegen der Franziskus dran ist. Die „unverwüstlich starke Puppe“, die heute Deutschlands Truppe leitet, wurde von ihm ebenso bedichtet wie der neue Organisator des Autorenkreises: „Wer macht’s? Der Max!“

Im „Verschwiegenen Schafspelz“ jongliert Franz Oberhofer bunte Bälle und lässt das Leben prall in festen Früchten toben. Falsche Wässer plätschern musikalisch in ein umworbenes Vollbad, dagegen muss in einem satirischen Lexikoneintrag der „Gutmensch“ kinderlos bleiben.

Der selbsternannte Gutmensch Max Dietz hebt daraufhin den Zeigefinger in einer Fabel um ein dummes Huhn, schildert die erfolgreiche Vermehrung einer buddhistischen Henne und verheddert die Babette auf der Treppe in ihrer Schleppe, nachdem sein Teddybär nicht mehr bääärt.

Dr. Boris Schneider ist zwar kein dicker, aber doch ein Pirat, natürlich mit Augenklappe, denn ohne diese sei ein Pirat ja „wie ein Käse ohne Löcher“. Der Held seiner Kurzgeschichte, der schusselige Pirat Marek, ist allerdings genau wie er selbst friedlich gesinnt und rettet sogar Meerjungfrauen.

Von einer schier endlosen Einkaufstour mit reichlich Scheibenwischerwerbung berichtet Reinhard Wendland, eine Steigerung erfährt die Schilderung in einem Orchesterflop im Wortspiel.

Eine surreale Geschichte von der Metamorphose des Onkels in einen Apfel hat sich Helmut Glatz ausgedacht. Durch einen Seemann lässt er ihn reisen und mit einer Kinderschar aus Surinam zurückkehren. Beim Passieren der 4. Dimension ereilt ihn der Absturz in die Arme des Schicksals – sehr zur Erheiterung der Zuhörerschaft.

Nach einem kurzweiligen Ratespiel mit süßen Wortkombinationen, das Moderatorin Heidenore Glatz aus dem Ärmel zieht, lädt Roland Greißl zum nächsten Leseabend ein. Das Thema „Stadtgeflüster“ verspricht schon jetzt Spannung. Welche Blüten die Kreativität der Autoren wohl dazu vorbringt? Neugierige, weltoffene Zuhörer werden erwartet …

Carmen Kraus