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Landsberger Autoren zu Gast bei Lyrik-Matinee


An einem Samstagmorgen um 6:30 Uhr am Bahnhof in Kaufering zu stehen, ist nicht jedermanns Sache. Doch einige unserer Autoren nahmen diese Hürde gern auf sich, um bei der ersten Freien Lesung dabei zu sein, zu der ihre befreundeten Salzburger Autoren von der Gesellschaft der Lyrikfreunde eingeladen hatten. Nach einer langen Anfahrt stärkten sie sich in einem kleinen Café und fuhren kurz vor Beginn der Lyrik-Matinee um 11 Uhr mit dem Schräglift zur Stadtbibliothek hoch, wo im „Glaskasten“ bereits Ernst Eliasch-Deuker auf Gleichgesinnte wartete. Schnell füllte sich der Raum mit interessierten Zuhörern und Lesewilligen.

Den Anfang machte der Moderator selbst mit Werken seiner Frau Nina Chudinova. Olga Klykov las diese im russischen Original, Ernst Eliasch-Deuker hatte sie ins Deutsche übersetzt und trug diese zarten Gedichte um Apfel und Wind liebevoll vor. Gleich im Anschluss blieb es russisch, als der Moskauer Victor Klykov in Gedichten in seiner Muttersprache und Deutsch zum Lieben und achtsamen Zuhören einlud.

Als ebenfalls weit angereisten Gästen wurde den Landsberger Autoren dann der Vorzug vor allen anderen gegeben. Carmen Kraus stellte kurz den Autorenkreis und seine jüngste Anthologie „Zwischen den Toren“ vor und gab in vier Gedichten Einblicke zu Hintergründen und Motivation eines Dichters. Ihr folgte Inifrau von Rechenberg mit romantischen Herbst- und Liebesgedichten und einem ergreifenden Requiem. Ihr Mann Benno von Rechenberg besang in harmonischen Wortgespinsten Herbst und Muhme. Petra Hinterstößer gab Tagträume preis, wies auf den Wegzoll am Lebensende hin und darauf, dass alle guten Dinge im Leben umsonst zu haben sind.

Nach einer kurzen Pause lasen spontan angemeldete Autoren aus dem Salzburger Umkreis: Frau Romy Kalleitner teilte ihre Gedanken zu einem neuen Morgen mit, und die Wasserburger Autorin Angelika Mayer-Schuchard, verh. Bauschke ließ Metaphern der Natur aus ihrem Buch „Zeichnet in den Sand die feinen Linien“ lesen, das sie anschließend zugunsten des Musikunterrichts eines bedürftigen Mädchens verkaufte. Eva Kraft dichtete im Namen eines Emmerich Lobgesang und über das Grab eines Dichters, über Italien und den Arlecchino. Uta Geiger aus Berchtesgaden trug zum ersten Mal überhaupt ihre lyrischen Gedanken vor, in denen sie Freude, Liebe, Novemberstimmung und Anrufbeantworter thematisierte. Frau Unterrainer beschäftigte sich mit der Stadt Salzburg, dem Traum vom Fliegen, einer gebrochenen Kinderseele und dem Lebenssinn überhaupt.

In einer weiteren kurzen Pause genossen die Zuhörer erneut die zarten Klänge, die Ernst Eliasch-Deuker abspielte, und kamen wieder miteinander ins Gespräch. Dann lasen Salzburger Mitglieder der Gesellschaft der Lyrikfreunde. Den Anfang machte George Gangli mit feinster frei-rhythmischer Dichtung zur manngerechten Vollblutfrau, der Trutzburg am Seelenrand und genügend Raum für zwei Hände. Seine Frau Brigitte Theresa Gangli las die zumeist kurzen lyrisch prägnanten Texte ihres Zyklus zu Georg Trakl jeweils zwei Mal, so dass ihr Genuss sich bei den Zuhörern verdoppelte: Drei Teiche in Hellbronn, Dämmerung, Blut im Fluss, ein unwissender Fliehender, ein um Brot Geigender im Mirabellgarten, ein geschändetes Weizenfeld können nur willkürliche Stichworte sein für das breit gefächerte Repertoire ihrer Darbietung. Den Abschluss machte Georg Weigl mit einer grünen Hymne auf den Wald, in sanften Reimen griff er nochmal die Stimmung in der Herbstzeit auf und las ein nachhaltig beeindruckendes Gedicht zum Klosterberg St. Erhard im Nonntal.

Jetzt schon auseinandergehen? Nein, das musste nicht sein. Viele folgten der Einladung von Ernst Eliasch-Deuker ins Panorama-Café im 5. Stock des Hauses, das nicht nur eine bezaubernde Fernsicht nach drei Seiten und ein kleines Mittagessen bot, sondern auch Einblicke in die Persönlichkeit der Autoren. Einige nahmen das Angebot an, hier noch einmal aus ihren Werken vorzutragen, aus dem Landsberger Raum waren das Inifrau von Rechenberg und Petra Hinterstößer, die sehr kritische Gedichte zum gegenwärtigen Stand der Menschlichkeit auf unserem Planeten lasen. Als das Café um 15 Uhr seine Pforten schloss, verabschiedete man sich schweren Herzens voneinander, hatten hier doch seelenverwandte Dichter zueinander gefunden.

Die Landsberger nutzten anschließend den sonnigen Herbsttag für einen ausgiebigen Stadtbummel und stellten mit Entzücken fest, dass genau an diesem Abend in Salzburg die Lange Nacht der Museen war. Kurzerhand wurde der Tagesausflug um ein paar Nachtstunden verlängert, ja, einige dehnten ihn sogar auf das ganze Wochenende und den (deutschen) Feiertag am 3. Oktober aus. Salzburg war an diesem Tag für sie, wie der Stadtplan titelte, wirklich zur „Bühne der Welt“ geworden.

Carmen Kraus