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Ein Abend im Aufnahmestudio von Radio Lechtal - 24.9.2011


Gemütlich ist etwas anderes, sollte man meinen, wenn trotz geschlossener Tür der Lärm vorbeidonnernder Autos den Raum streift. Doch weit gefehlt: An marmornen Bistrotischchen sitzen auf Wiener Caféhausstühlen schon um 18 Uhr die ersten Literaturinteressierten. Der Landsberger Autorenkreis hat in dem kleinen Vorraum des Lokalsenders Radio Lechtal zur Lesung aus seiner brandneuen Anthologie Literarisches Lechrauschen eingeladen.

Andreas Duswald, der den Sender betreibt, hat sich die Zeit genommen, persönlich die Aufnahmen zu überwachen und gibt den noch Ungeübten Tipps zum Lesen am Mikrophon. In seiner sonntäglichen Literatursendung ab 22 Uhr sollen die literarischen Häppchen in den kommenden Wochen ausgestrahlt werden.

Doch das ist nur ein Aspekt am Rande. Denn vornehmlich machen die Autoren das, was sie immer tun: Sie lesen für ihr Publikum, die Zuhörer, die ihnen Aug in Auge sitzen und gekommen sind, um die neuesten Gedankengänge der Autoren mitzuverfolgen. Helmut Glatz begrüßt die Anwesenden und berichtet mit einem Augenzwinkern von dem oft steinigen, aber auch begeisterungsreichen Weg von der Idee zum Buch. Roland Greißl, der den Reigen der Leser eröffnet, lässt die Zuhörer teilhaben an dem Leben zweier ungleicher Pärchen und führt in barocker Wortwahl durch ein heftiges Unwetter in der Lechstadt. In ihrer ganzen Herzlichkeit trägt die Schongauerin Heidi Kjaer ihre lebensfrohen Gedichte in Hochsprache, aber vor allem auch in ihrer bayerischen Mundart vor. Mit Herzblut entführt uns ihre „Frau in Rot„ „Oamoi no" „Ins Fruahjohr nei". Helmut Glatz klappt überraschend ein ganz anderes Buch auf mit der Frage: Kennen Sie Nathalie Rülps? Es folgt ein Feuerwerk heiterer, satirischer Gedichte, die durchaus zum Nachdenken anregen.


Während draußen die Stelzer eine Tirade in der Straßenmitte vollführen, bereitet sich Otto Stedele auf seinen Vortrag vor. Gewohnt temperamentvoll erfreut er mit seinem Lechruaner Limerick, um dann eine nicht minder unterhaltsame Schilderung einer Wallfahrt nach Andechs zum Besten zu geben. Das zündet bei Herrn Duswald begeistert die Idee einer künftigen Mundartsendung.

Lore Kienzl und ihre Schwester Rena Geilich, die Märchenerzählerin aus Berchtesgaden, gestalten einen stillen, besinnlichen Abschnitt. Während erstere dem Stein der Weisen nachspürt und von der Geborgenheit einer kleinen Berghütte schwärmt, entführt ihr Gast mit Reisevorbereitungen gleichzeitig in verschiedene Zeiten.

Renate Exsz, die gute Fee, die dem Raum mit ihren Mandalas und Gemälden, aber auch mit zahlreichen Tüchern und Kerzen eine heimelige Note verliehen hat, nimmt uns temperamentvoll mit auf einen Stadtspaziergang, lässt den Menschen zwischen Extremen pendeln und spürt der Kälte hinter den Mauern der Strafanstalt nach.

Ganz anders Monika Bayerle: In ihrer sanften Art erinnert sie an die Kindheit in unserer Stadt, die Geborgenheit zwischen den Klostermauern und den Gesang aus der ersten italienischen Eisdiele. Noch halb dieser nahen Vergangenheit nachspürend, reißt uns Boris Schneiders spannungsgeladene Neuerzählung der Sage vom Jungfernsprung in die Wirklichkeit zurück, um uns gleichzeitig in einem verstörenden Reigen in eine noch fernere Vergangenheit zu katapultieren. Die Gänsehaut am Schluss haben wir uns redlich verdient!

Carmen Kraus blättert schließlich noch einmal durch das neue Buch, doch auf ihre Weise: Von hinten beginnend, da, wo das Wichtigste steht, nämlich die Menschen, die es geschrieben haben, schließt sie mit einer Auswahl ihrer Gedichte den Spaziergang durch die Anthologie ab. Von der Vielfalt im Autorenkreis über diejenige der Inspiration und die selbst gesetzten Grenzen spannt sie den Bogen zur Schönheit der Natur im Landkreis, um am offenen Fenster die friedvolle Landsberger Nacht zu genießen.

Den dreieinhalbstündigen literarischen Marathon, unterbrochen nur durch kurze Pausen, haben einige Zuhörer begeistert in voller Länge genossen, andere haben für eine Weile vorbeigeschaut, um sich dann wieder in das nächtliche Treiben zu stürzen. Nach dem Ende der Aufnahmen kommen noch ein paar Interessierte vorbei, bitten um eine Zugabe. Wir sitzen im gemütlichen Kreis an den Tischchen und lesen reihum noch das eine oder andere Gedicht. Schließlich fasst auch unser Gastgeber, Herr Duswald, sich ein Herz und trägt direkt aus dem Laptop seine Gedanken zu dem liebenswerten Teil der Stadt vor, in dem er sich niedergelassen hat: dem Hinteren Anger.

Schalten Sie ein, am nächsten Sonntagabend! Womöglich erwartet Sie ein akustisches Schmankerl aus dem vielfältigen Angebot, das wir in der Langen Kunstnacht zum Besten gegeben haben.

Carmen Kraus