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Ein Kind, das erwachsen geworden ist

„Psst … wir sind heute eine Geheimveranstaltung“, flüsterte Helmut Glatz den Besuchern zu. Warum? Die Tageszeitung hatte den Termin nicht mitgeteilt – und so kamen nur Eingeweihte und Internet-Surfer zu diesem Abend des Landsberger Autorenkreises. Keine Blaskapelle sei eingeladen worden und kein Kulturreferent, aber dafür seien ein paar besonders interessierte Zuhörer erschienen – und sie sollten auf ihre Kosten kommen. Denn schon die Einführung durch den Begründer des Autorenkreises erfolgte literarisch wertvoll: „Ein Buch ist wie ein Kind, das erwachsen geworden ist und das man nun in die Welt hinaus schickt. […] Jahrelang hat man versucht, es zu erziehen. […] Ist es uns gelungen?“

Joachim Giebelhausens „Kind“ befindet sich noch auf dem Weg, kommt aber in den nächsten Tagen an: Göttliche Notizen hat er es getauft. Im Vorwort verrät er, dass er den „himmlischen Codex geknackt“ hat, und nun rieseln Notizen aus dem „Büro der göttlichen Allmacht“ zu uns herab. Diese brisanten Themen, die „entweder tabu oder undenkbar sind“, hat er sich nicht gescheut zwischen zwei Buchdeckel zu packen. Von einem Reservoir berichtet er, in dem Gottes vergessene Ideen schlummern, um für ein neues Experiment auf Erden erweckt zu werden, von „luziferischen Diskrepanzen“ und der „weltlichen Verwirklichung göttlicher Vision“, im allgemeinen Sprachgebrauch Sinfonieorchester genannt, vom Verkauf des verstrahlten Planeten „Globus“ … Manch einer wünschte sich, es wäre nur Nonsens!

Heidenore Glatz bricht eine Stange für demente Menschen in ihrem liebevoll bebilderten Buch Ich bin noch da. Doch, so betont sie, wir alle sind Mit-Menschen von Anderen, denen wir grundsätzlich mit Wertschätzung und Achtsamkeit begegnen sollten. Beispielhaft führt sie „Frau P.“ an mit ihren Vorlieben und Ängsten, die aber auch so gerne singt. Sie erinnert in fulminanten Stimmungsbildern an „die gute alte Zeit“ und fragt: Sind es die Gegenstände, sind es die Menschen oder einfach das Miteinander, das sie zur guten Zeit macht? In einer kurzen Traumreise lässt sie die Zuhörer jetzt, an der Schwelle zur kalten Jahreszeit, noch einmal golden wogende Weizenfelder erleben, aus denen rote Mohnblumen herausspitzen, noch einmal dürfen sie auf einer grünen Wiese liegend mit den Grashalmen spielen … Das Buch ist eine wahre Fundgrube für die bevorstehenden „dunklen Zeiten“.

Helmut Glatz schlug sein neues Kinderbuch auf: Radibutz im Hut, ein Buch über die Erziehung einer kleinen Maus, gewürzt mit metaphysischen Betrachtungen wie: Wo ist das Ende der Welt? Ein Buch nicht nur für Großeltern und ihre Enkel. Auch die weit zurückliegenden Anfänge dieser Geschichtensammlung gab er preis: ein Schulausflug, den er in seiner Zeit als Lehrer organisiert hatte. Dabei fanden sie ein Mäusenest mit einer kleinen Maus, die eine der Schülerinnen mit nach Hause nahm und aufpäppelte. Auch der Widiwondel Radibutz kümmert sich liebevoll und verantwortungsbewusst um sein Findelkind: „Haferbrei mit einem Tropfen Blattlausmilch“ sorgt für ihr Wohlergehen ebenso wie Bewegung und viel frische Luft, aber auch die Nachrichten aus der Waldzeitung und die vielfältigen Begegnungen mit den anderen Waldbewohnern.



Marianne Porsche-Rohrer, die Apothekerin und leidenschaftliche Heilpraktikerin, hat sich mit ihrer Buchreihe das Ziel gesetzt, schwer Verständliches in lockere Reime zu packen. Nach ihrem letzten Buch Gute Gerüche aus der Naturheilküche stellt ihr neues, Wie Hahnemann uns helfen kann, die 100 gängigsten Mittel der Homöopathie vor. Dabei nehmen die Protagonisten kein Blatt vor den Mund: „Meine Verehrte, erschütternd sind die Leberwerte. Ich mahne Sie zur Mäßigkeit!“ Statt „Power-Drink in Muckibuden“ plädiert sie, auf Omas Rat zu hören. Und auch einer weiteren Zielgruppe kann geholfen werden: „Nervös, gestresst fiel die Frau Koch schon wieder in das Stimmungsloch.“ Genauso wie Bürgermeister Labermann, dem die gute Sekretärin Immerschick natürlich die richtigen Globuli reicht, damit er trotz Heiserkeit seinen Vortrag halten kann.

Der Biologe Dr. Boris Schneider hat ein weiteres Jugendbuch vorgelegt, Mauszeiten, einen Roman, der seine beruflichen Erfahrungen mit jenen als Reisender in der Landeshauptstadt zu einer atemberaubenden Geschichtenabfolge verflicht. Alle Mäuse, die Protagonisten seines Werkes, benehmen sich dabei „biologisch korrekt“, also wie Ihresgleichen in den Schächten der Münchner U-Bahn. Der Autor hat aber zum besseren Verständnis ihre Ultraschall-Kommunikation in menschliche Gedanken und Worte gefasst. Wer seine Texte kennt, weiß, dass er nach sechs Jahren Arbeit ein in jedem Satz spannungsgeladenes Werk vorlegt: „Hatte er sich so in seine Rolle hineingesteigert oder wirkte das Gift in seinem Maul?“ Nun, es ist nicht leicht, aus den Fängen der Ratten zu entkommen. Aber das sind noch nicht einmal die größten Feinde der beherzten Mäuseschar …

Hans Schütz, der Peitinger Lehrer und Umweltaktivist, hat zusammen mit dem Fotografen Dr. Eberhard Pfeuffer einen Bildband herausgebracht namens Lechliebe – mit fantastischen Fotos und romantischen, aber auch bewegenden Prosatexten und Gedichten. Da wäre die Geschichte vom Frauenschuh, der gerettet wurde, bevor der Lech das Staubecken flutete, aber auch Exkursionen zum Eibenwald und nach Wessobrunn, wo er an Luise Rinsers „Gläserne Ringe“ erinnert, einem Ort, der für diese Region die Wiege von Gebet, Handwerk und Literatur ist. Er lässt das Moor schmatzen und gurgeln und den Lech mit seiner „Kleinen Schwester Wertach“ Zwiesprache halten: „Hör seit Langem schon dein Rauschen, bis dein Bett an meins sich lehnt“. Als besonderes Schmankerl sind auch einige Gedichte in seiner Lechbrucker Mundart enthalten, so eine kleine Ode an den Pfaffenwinkel mit seinen „armen Franziskanerschluckern“, ist er doch „kurz gesagt die schönste Gegend weit und breit“.

Nach gut zwei Stunden schloss Helmut Glatz mit einer literarischen Metapher, einem „Gedicht für Leseratten“, den kurzweiligen Abend ab: „Die Tür ist 20 cm klein und du brauchst Mut, durch sie hindurch zu schreiten. […] Die Fantasie fasst dich an deiner Hand. […] Und wie durch einen Spiegel wirst du schreiten, als hättest du das alles längst gekannt.“

Ja, in sehr Vielem haben wir uns wiedergefunden. Und das Andere, Unbekannte, erweitert unseren Horizont. Die vorgestellten Bücher sind alle im Buchhandel erhältlich oder bei den nächsten Leseabenden des Landsberger Autorenkreises.

Carmen Kraus