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Buchvorstellungen 2020/21 - 22.10.2021

Lesezauber zwischen Buchdeckeln

Im gemütlichen Kaminfeuer-Ambiente des Altstadtsaals moderierte Dr. Boris Schneider die Lesungen.

Neuland wollte man betreten, schon 2020, doch dann kam der Lockdown. Ein Jahr und einige Bücher später stellte der Landsberger Autorenkreis am Abend des 22. Oktober im Altstadtsaal im Herzen von Landsberg die neuen Bücher seiner Mitglieder vor. Unter 3G-Bedingungen und Maskenpflicht bis zum Sitzplatz sorgten die emsigen Damen des Restaurants „Das Nudelwerk“ bestens für leibliches Wohlempfinden und Dr. Boris Schneider moderierte den Abend.

Bücher seien wie Babys, stellte er fest. Erst wird der Autor von einer Idee befruchtet, dann schreibt er sich durch eine leichte oder auch mal anstrengende „Schwangerschaft“, um schließlich sein Schaffen mit der „Geburt“ des Buches ans Tageslicht zu bringen. Heute sei nun die „Taufe“ der Neuen angesagt, das öffentliche Vorstellen und Einreihen in die Publikationen aus dem Autorenkreis.

Satirisches, Gereimtes und Lyrisches hatte Helmut Glatz noch zu Papier gebracht; im Juni aber starb der Gründer und langjährige Leiter des Kreises. Die drei jüngsten Bücher stellte sein Sohn Thomas vor: Romantisches und Nachdenkliches tänzelt durch „Windvogelgedichte“, launig-satirisch verschwurbelte Geschichten bieten „Herr Grieskötz und Herr Wunderlich“ und ungebundene Lyrik findet sich in „Komboloi“, jedoch geordnet wie die Perlen in den gleichnamigen Armbändern. Die beispielhaft vorgetragenen Gedichte brachten dem staunenden Publikum die unglaubliche Bandbreite von Helmut Glatz’ Dichtkunst nahe.

Sieben weitere Autorinnen und Autoren füllten den „Lesezauber“ mit literarischen Kostproben. Insgesamt waren es Publikationen von vier Männern und vier Frauen, was die Gendergerechtigkeit automatisch herstellte. Traditionell bestimmt im Autorenkreis das Los die Reihenfolge der Lesenden, und so nahm der Moderator seinen Hut ab, mischte darin blaue Kärtchen (Frauen) und orangefarbene (Männer) und ließ die Namen abwechselnd ziehen.

Reich gedeckt ist der Tisch des Landsberger Autorenkreises mit neuen „Buchdeckeln“.

Theresa Luisa Schermer, Sekretärin im Ruhestand und begeisterte Oma, hat im zweiten Buch Verwegenes in Umlauf gebracht, „Kanapee-Gschichtn. Liebesgeflüster“, was das Meer ihr so an Geheimnissen zugeflüstert hat: erotische Gedichte und Liebesgeschichten, angesiedelt im romantischen Lokalkolorit von Venedig und Siena – ein charmant-mutiges kurzweiliges Lesevergnügen.

Hans Schütz hatte wenig Erfreuliches zu berichten. In „Der gute Mensch von Auschwitz?“ hinterfragt er kritisch die Biografie eines guten Bekannten. Dr. Hans Münch lud Hans, den Freund seines Sohnes, in dessen Jugend gern und oft ein in den Griechenlandurlaub. Niemals hätte der Autor geahnt, was sich ihm Jahrzehnte später aus einem Spiegel-Beitrag erschloss: Dieser nette Mensch war in jungen Jahren KZ-Arzt gewesen und offenbar verantwortlich für grausame Behandlungen zu Versuchszwecken. Seine Auseinandersetzung mit diesem ungeheuerlichen Wissen angesichts guter Erinnerungen hinterlässt auch bei der Lektüre ein beklemmendes Gefühl.

Die Apothekerin und Heilpraktikerin Marianne Porsche-Rohrer war auch zur Oma geworden. Und weil sie aufgrund ihrer Biografie nicht nur flott reimen kann, sondern auch viele hilfreiche Tipps für Mutter, Kind und Großfamilie hat, erschien 2020 „Heile, heile Segen, Natur kann viel bewegen“. Doch damit nicht genug, gab sie 2021 noch mit „Lieber gut schlafen als zählen von Schafen“ einen Leitfaden für entspannte Nächte und damit auch ebensolche Tage heraus.

Thomas Glatz stellte ein Kleinod vor: Der „Mehrfachigel“ ist eine humoristisch-groteske Geschichte. Das Besondere daran ist aber nicht allein die Story, sondern auch die Herstellung des Büchleins selbst in einer der seltenen Buchmanufakturen, bei Harald Weller, gesetzt im Bleisatz und auf erlesenes Papier gedruckt. Im Verlag Peter Ludewig erschien es als Buchkunst, natürlich in nummerierter Kleinauflage (100 Stück).

„Die Sehnsucht in der Mitte der Nacht“ nennt Monika Sadegor ihren Novellen-Band. Von den drei spannenden Geschichten zu schicksalhaften Wendezeiten im Leben spielt eine in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Zwei Männer treffen trotz Lebensgefahr mutig die Entscheidung, durch Befehlsverweigerung die mittelalterliche Stadt, die – Zufall? – sehr an Landsberg erinnert, vor der Zerstörung zu retten.

Benno von Rechenberg hat mit „Schutz und Zuflucht für die Seele“ eine Biografie seines Vaters, des Bildhauers Wilhelm von Rechenberg (1903-1968) vorgelegt. Dabei erschließt sich das Wesen des Vaters aus seinen religiös konnotierten Werken, deren Hintergründe und Aussagen minutiös beschrieben werden. Einige gibt es schon nicht mehr, andere schmücken bis heute moderne Kirchen aus dem 20. Jahrhundert.

Leichtigkeit brachte das Beisammensein der Schwestern Lore Kienzl und Rena Geilich in den restriktiven Corona-Alltag. Sie bauten eine Telefonbrücke zwischen Landsberg und Berchtesgaden, warfen sich täglich ein Stichwort zu und schrieben dazu jeweils ein Gedicht. Etwa in der Jahresmitte 2020 beschlossen sie, ein erstes Buch daraus zu formen, „Ein Wort … Tagesgedichte“, lebhaft illustriert mit Zeichnungen von Lore Kienzl. Der abwechselnde Vortrag der beiden zum je gleichen Wort steigerte noch die durch unterschiedliche Wahrnehmung und Schreiben der Autorinnen befeuerte Spannung.

Auch Rudolf Anton Fichtl konnte sein Erstlingswerk vorstellen. „Das Kribbeln beim Bestatten dicker Dänen“ enthält satirische Lyrik vom Feinsten. Dem Lockdown sei zu danken, verriet er, dass es überhaupt zustande kam. Bis dahin hatte er nur wenige Gedichte verfasst, die er vor allem in Auftritten mit Gerhard Abe-Graf „Schräg vorbei an zwei Hydranten“ oder als Teil der Gruppe Mistcapala zu Gehör brachte. Nun aber brannte die Muse ein Feuerwerk von Ideen in ihm ab, die er in stilistischer Vielfalt akribisch zu Papier brachte.

„Bücher sind Schiffe, die die weiten Meere der Zeit durcheilen.“ Mit diesem Satz von Francis Bacon leitete Moderator Dr. Boris Schneider über zum Anfangsbild. Nach der „Taufe“ sei es nun an der Zeit, die Buch-„Kinder“ mit anderen zu teilen. Während das große Kaminfeuer aus dem Beamer munter an der Wand prasselte, schlenderten also Zuhörerinnen und Zuhörer zum Büchertisch und nahmen sich etwas mit, um den Genuss am heimischen Kamin fortzuführen.

Carmen B. Kraus

Fotos: Theresa Schermer