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Eine starke Landsberger Fraktion


Seit 27 Jahren gibt es nun schon den Autorenkreis Allgäu. Seine Gründerin Ingeborg v. Rumohr und der Organisator Siegfried Kyek hatten zum Frühlings-Poetentreff im Hotel „Goldener Hirsch“ eingeladen. Den ganzen Tag schon stürmte es und wahre Regensalven gossen auf oberbayerische und Allgäuer Landkreise. Doch einige Autoren aus den eigenen Reihen, aus Obergünzburg und Wattenweiler sowie Freunde aus dem Landsberger Autorenkreis waren freudig dem Ruf gefolgt, so dass schließlich 22 Vortragende den Abend gestalteten.

Eine hübsche Tradition ist es in Kaufbeuren, ein Gästebuch auszulegen, in dem sich Lesende und Zuhörende eintragen können. Auch die Sitzordnung, um einen großen Tagungstisch aufgereiht, hat ihren Reiz, denn so kann man jedem ins Gesicht schauen, man liest gleich am Platz, und das kommt auch den Schüchternen entgegen. Man kann hier reihum lesen, wie wir es beim vorletzten Beisammensein gemacht haben, oder im Zickzack nach dem Reißverschlussverfahren, wie es diesen Samstagabend geschah. Das kommt mit sehr knapper Moderation aus, was einerseits Zeit sparte, andererseits aber auch kaum Pausen bietet, um dem eben Gehörten noch ein bisschen nachzusinnen.

Dr. Boris Schneider, der im Landsberger wie im Allgäuer Autorenkreis zuhause ist, legte als erster los und überraschte mit einer spannungsreichen religiösen Geschichte von Myrrhe, die er zwischen Weihnachten und Ostern ansiedelte und gelegentlich mit Original-Bibelzitaten bereicherte. Gegenüber las danach Ingrid Zasche, die Tochter von Dr. Gertrud Zasche († 2014), eigene Gedichte vor. Der Schwenk zu Carmen Kraus brachte meditative Gedichte von Leere, Fülle und Innehalten hervor. Verblüfft stellte Isolde Unsin gleich im Anschluss fest, dass ihre Gedichte absolut dasselbe Themenfeld berührten.

Max Dietz las ein Gedicht zum Egomanen, das er mit einem Augenzwinkern als Trump-biografisch ankündigte. Sabine Smolik-Pfeifer hatte ein fröhlich-bissiges Gedicht zum Altern dabei und ließ danach in gezielt ausgewählten Bildern die ganze Gefährlichkeit des Frühlings zutage treten. Monika Hrastnik steuerte ihrerseits frühlingshafte Stimmungsbilder bei und Agathe Sigg-Veh führte diese auf Allgäuer Seite fort. Marianne Porsche-Rohrer verpackte gesundheitlich Förderliches in pointierte Reime, erlaubte aber ausdrücklich ein Marzipan-Pralinchen, um auch den Genuss zu befriedigen.

Weiter ging das literarische Pingpong mit Frau Peter und Peter Würl aus Obergünzburg, mit Gedichten von Ingeborg v. Rumohr und Siegfried Kyek, mit Josef Kugler und Manuel Wiedenmann aus Wattenweiler, von einem Niederbayern und dessen Tochter (die hierfür erstmals deutsche Gedichte geschrieben hatte, sonst ist Französisch ihre bevorzugte Sprache für dieses Hobby). Man hörte die Geschichte vom Aufspüren des Galgenbergs von Irsee, emotional Bewegendes bei einem Bob-Dylan-Konzert 1976, von der Qual der Schöne-Frauen-Auswahl, Erlebnisse eines Opas, Mondbetrachtungen und immer wieder das Thema Baum.

Einige Lieder, meist zu Texten von Isolde Unsin, lockerten den Abend auf. Roland Dressler trug sie mit Gitarrenbegleitung und teils mit eingeflochtenen Mundharmonikaklängen vor. Nach der Pause ging die Lesung in die zweite Runde. Am Ende waren Lesende wie Hörende glücklich und gesättigt von der Vielfalt des Erlebten und traten in Vorfreude auf den nächsten Poetentreff, im Oktober, den Heimweg an. Draußen regnete und stürmte es immer noch. Wie gut, dass sich davon keiner hat abhalten lassen, an der poetischen Herzenswärme im „Goldenen Hirsch“ teilzuhaben!

Carmen Kraus





Monika Hrastnik verfasste spontan ein Gedicht zu dem gelungenen Abend:

Poetentreffen
Vertraute Gesichter, die ich doch niemals gesehen.
Vertraute Texte, die Gedanken entstehen und wachsen lassen.
Vertraute Umgebung, die ich nie erlebt.
Musikalischer Literatur lauschend,
träumend, den Abend genießend,
Vorträge, die Fantasie beflügeln,
die Seele ansprechend, das Gemüt bewegend.