Sie sind hier: Berichte

Welch sprudelnder Überfluss!


„Liebes bunt gemischtes Publikum …“ umgarnte Moderator Gerwin Degmair schon mit den ersten Worten seine Gäste. Trotz vieler interessanter Parallelangebote – Dorffeste, Geburtstagsfeiern, Ritterspiele, einmalig lange Mondfinsternis – füllten sie den Veranstaltungsraum im Gasthaus Saxenhammer in Hechenwang. Schon im Vorfeld hatte Gerwin seinen Autorenkollegen zugezwinkert: „Der Abend ist themenfrei geplant, doch

wenn alle Brünnlein fließen,
wird Kreatives sprießen,
mannigfaltig, fröhlich, traurig,
liebestrunken oder schaurig.“

Jetzt, da sie seinem Ruf gefolgt waren, konnte er kaum erwarten, ihre „süßen Töne für dolce vita und dolce far niente“ zu vernehmen. Aber waren die Texte wirklich alle von solch spaßiger Leichtigkeit? Natürlich nicht, denn so verschieden wie die rund 40 Autoren des Landsberger Autorenkreises sind auch ihre Gedanken und Stimmungen und damit ihre Texte, die sie bei den Lesungen preisgeben. Fast die Hälfte war an dem Abend anwesend, und zudem meldeten sich noch drei Gastleser zu Wort. Wie üblich wurde die Reihenfolge des Lesens im Losverfahren ermittelt.

Hoffnungsvoll versonnen saß also Monika Sadegor am Meeresstrand und ließ sich vom wilden Gesang der Möwen beeindrucken, während die Wirklichkeit in ihr gerade neu geboren wurde. Angelika Müller hielt in Gedichten ein Nickerchen, als Vogel Schlaf sie bleischwer ins Traumland begleitete, während Baumriesen in tiefen Seufzern ihr Abendgeflüster säuselten und auf dem Berg still und zerbrechlich kühler Atem über Schneefelder glitt. Zart schwebten auch Inifrau von Rechenbergs Beiträge durch den Raum, von der Zugspitz‘ und der Oma und der „Hoamat“ fürs ganze Leben, vom „Herzpumpern am Wuidbach“, aber auch ihr „I wui ned, dass a Kind verhungert, … dass ma Feinde machen“, sondern „mitananda lacha und trotzen diesem Unverstand“.

Lachende Fröhlichkeit trugen auch die alpenländischen Weisen in sich, die das Uttinger Harfenduo daraufhin kredenzte. Da träumte man sich gleich tief in unbeschwerte Leichtigkeit.

Verwirrend katapultierte Roland Greißl die Zuhörer vom lauschigen Bayern direkt ins fremdartige China. Die Spitzschlammschnecke im Hotel Goldener Drache, das Menü, das Fuchs, Katze, Hund enthielt, ein Kohlkopf mit Nacktschnecke als Freundschaftsangebot – und dann erst die allgegenwärtigen Markerpoints! Wie tröstlich, dass Thomas Glatz bemüht war, das Publikum an den heimischen Neckar zurückzuholen, wenngleich die „Floeschkäswegga“ seines ersten schwäbischen Gedichtes nicht nur für „Äffle und Pferdle“ schwer verdaulich waren. Mit maritimen Porträts und einem Cliffhanger am Bodensee startete er zudem eine erklärungswürdige Smartphone-Offensive.

Wer Benno von Rechenberg kennt, war schon auf literarische Sprachgewalt und Mehrdeutigkeit gefasst: Was er beim Mitternachtskaffee zwischen schnurrender Katze und dem Murmeln des Gartenbrunnens bei Blutmond erlebte, ist bezeichnend für diese 96. Nacht vor Halloween: das Vorhandensein des Nichtvorhandenen! Renate Glatz trug dennoch ganz entspannt die verspielten Reime von Klaus Wuchner vor, der es sich nicht nehmen ließ aufzuklären, dass „vorher Wolken gießen“, wenn alle Brünnlein fließen, und die mathematisch genaue Größe der Wassertröpfchen mitzuteilen. Nun war die Reihe an Lore Kienzl, und sie las die Sommerloch-Geschichte des jungen Mannes beim alten Schäfer in Kapadokien, der ihm die Vorzüge moderner Technik nahebringen wollte, von dem stillen Beobachter jedoch in aller Ruhe als Schaumschläger enttarnt wurde, den die Welt nicht braucht.

Hei, da freuten sich nicht nur die Zuhörer, auch Edeltraud Dittler und Waltraud Schweyer zupften fröhliche Rhythmen aus ihren großen Harfen dazu!

Doch was wäre eine Ammerseelesung ohne Renke? Claire Guinin sorgte für einen Ohrenschmaus der besonderen Art, als sie den Überlebenskampf jenes einen Eis aus dem großen Laich skizzierte, das kopfgesteuert und bauchgetrieben im Ozean des Lebens zu ansehnlicher Größe gelangte, um schließlich doch als dramatisch abgefieselte Gräten zu enden. Etwas düster verlief auch das göttliche Spiel der Medusa, das Carmen Kraus in bedeutungsschweren Hexametern vortrug, ein Spiel vom ewigen Locken der Zeit, die sich losgelöst von allem durch die Welt schlängelt, unbeirrt in Existenzen tropft, sich sammelt und erneuert …, ebenso wie ein weiteres Gedicht vom lunaren Anker im unbeständigen Fluss der Zeit.

Die Pause kam nach diesen zehn Beiträgen gerade recht. Im Hof vermischten sich Autoren und Geburtstagsgäste, Feinsinniges und Deftig-Herzhaftes, die hereinbrechende Dämmerung kühlte die Gemüter, und bald ließ man sich wieder gern von den Tönen der Harfen anlocken zum zweiten Teil des freien Leseabends.

Freie Lesung heißt nicht nur, dass das Thema nicht bindend ist, sondern auch, dass Gastautoren willkommen sind. Dr. Joachim Gneist wurde vom Los bestimmt, seinen Erzählstrang von der Kindheit im Krieg und den Nachwirkungen der Bombennächte auf die Kinderseele auszubreiten. „Kriegskinder – Glückskinder“, eine Kombination, die sich aus der Fähigkeit speist, hinter dem Offensichtlichen die Beweggründe der Menschen zu erkennen und zu verstehen. Verständnis für ganz anderes musste Heidenore Glatz in Italien aufbringen: für das „Möwengeplärr“ im Morgengrauen, die „Capuccinobröckelsuppe“ der Nonna, das urlaubsbunte Mangiare von Kuchen, Kaffee und jeder Menge Frutti. Wie befreit fühlte sie sich da am heimischen Teich, wo nur die Enten schnattern! Ach, welche Gedanken zum Schwanken, so „vollmondwach unterm Dach“! Doch forsch brauste Martje Herzog an und stellte alles in Frage: Was, wenn die Brünnlein nicht mehr fließen? Ein Aufbruch zu Fuß, um dem Bachrauschen zu lauschen, sein Perlen unter den Erlen zu erleben – bis das letzte Wort zerbricht und der Bronn des Lebens im Schein des ewigen Lichtes aufgeht.

Der lustige Quell von Monika Hrastnik zog die Stimmung gleich wieder hoch: kalt, spritzig, springlebendig und von Hechten und Forellen durchkreuzt auf seiner Reise. In bunten Sommerfarben kreisten blaue Libellen, sprudelte gelber Nektar und kontrastierte das Grün des Waldes mit braun-moorigem Wasser, bunter Wiese und der geröteten Haut der Sonnenbadenden. So viele Möglichkeiten zu schreiben, und doch fiel Peter Gräfens Protagonist nichts ein, was dessen Verleger trösten konnte – bis er sich vertrauensvoll zum Innehalten entschloss. Ob Äpfel mit Birnen oder Schnecken mit Fliegen, Vergleiche hinken immer, und wo Antworten fehlen, macht Glauben das Leben einfacher, so die eindringlichen Botschaften des Autors.

Mit dem fröhlich von den Toten auferstandenen lieben Augustin boten die Harfenistinnen den humorvollen Umgang mit tragischen Momenten als Lösung an, so dass die Stimmung alsbald zum nächsten Gastleser passte, Dietmar Wielgosch. Flott und alles memoriert, brachte er Lebenswichtiges in Poetry-Slam-Manier mit einem Augenzwinkern dar: „von der Wiege bis zur Bahre runderneuert alle sieben Jahre“, aber auch vom Segen des Herrn Kaplan bei den bösen Mädchen auf der Reeperbahn. Eine Lanze brach er für die verkannte Kröte und fand sogar eine genussvolle Endlösung für den Casus Kaktus.

Der Star des Tages, der Mond, war schon in anderen Texten angeklungen, Helmut Glatz aber setzte ihm ein Denkmal mit dem perfekten „Dichter im Mondschein“. Der schaffte es schon, dem alten Mistkäfer ein glänzendes Gesamtkunstwerk anzudichten, sogar mit Tarifentwickler und Solarpark, in dem sich kein Bürgermeister verbiegen musste. Nun aber ließ Marianne Porsche-Rohrer es richtig sprudeln und plätschern, am Lieblingsplatz am kleinen Bach, wo Hände und Kopf Abkühlung erfahren. So kam es, dass die Artenvielfalt am Tümpel sie nicht darüber hinwegtäuschte, dass Große nun mal Kleine fressen und das schon so seine Richtigkeit haben wird.

Noch einmal sollte es schwermütig werden: Petra Hinterstößer las ein Gedicht aus vergangener Zeit, als sich das Leben nicht richtig anfühlte, das Düstere überhand zu nehmen schien und sich ins Abgrundtiefe steigerte. Wie schön war es hingegen heute, da Hobbypoeten ihre Gefühle in „Buchstabengeschenkpapier“ packen und andere es kaum erwarten können, sie aus deren Gedichten wieder auszuwickeln.

Überwältigt von der Vielfalt des „ewigen Panta rhei“ gab Moderator Gerwin Degmair Autoren und Zuhörern auf den Heimweg mit: „Wenn alle Brünnlein fließen, lasst das Leben uns genießen!“ und wünschte nach der Blutmondschau ein zufriedenes Erwachen am nächsten Morgen.

Carmen Kraus