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Literarisches Wettessen


So lautete das Motto der von Gerwin Degmair im Gasthaus Sachsenhammer in Hechenwang moderierten Ammerseelesung. Man kann mit Überzeugung sagen, dass das Menü wohlgelungen war, allen gemundet hat, sehr reichhaltig und dennoch bekömmlich war.

Als „Vorspeise“ servierte Reinhard Wendland „Das Gedicht der leisen Töne“, ein modernes Gedicht mit der Grundfrage: Was treibt den Dichter an, was will er? In einfachen, sparsamen und schlichten Wort-Zutaten konnte man erlauschen, wie der Dichter spricht.

Marianne Porsche-Rohrer lobte die Werte einer bodenständigen und gesunden Ernährung und die Dame Gabi mit ihrem Kohlrabi, würdigte in höchsten Tönen das gute Butterbrot und erzählte vom Hubert mit den Himbeeren hinterm Haus und seiner hysterisch hüstelnden, Himbeergeist hortenden Haushälterin Hermine.

In Lore Kienzls lyrischen Zeilen wurde ein „Sommertag“ beschrieben, der mit leichtfüßigen und auch frivolen Gedanken die Erde umrahmt.

Mit Helmut Glatz ging es dann zu den kräftigeren Hauptgerichten. In einer Vorgeschichte wurde von einem fragwürdigen Spaßmacher eine Maus gerettet. Danach berichtete er vom Erinnern und Vergessen im Wald von Wackelstein, von Herrn Winzigmanns Hut mit eingebauter Speisekammer, in der man Mäuseschinken und Fliegenpilze, Gedanken und Träume fand.

Paul Wendlands
feiner Zwischengang, nämlich sorgfältig gewählte Worte über ein graziles, sauberes Ringelschwänzelein, machten Appetit auf mehr.

Claire Guinin präsentierte visionäre Gedanken über vegan essende Menschen, eine Natur und Bauern ganz ohne Kühe und Schweine.

Bei Inifrau von Rechenberg gab es zarte Häppchen tiefsinniger Lyrik über Liebeslieder, die in Kiefern knistern, zerlumpte Gedanken, Sehnsucht und die Augen umrahmende Blicke.

Regionale Zutaten kredenzte Heidi Kjaer mit Mundartlyrik zum alten Schulweg, einem Kuckuck, den zarten Leberblümchen und dem Gang auf den Hohenpeißenberg, der sie jung hält. Mit Bienenstich-Verführung, aber auch mit einem versteinerten Herzen, mit Jahren ohne Tage und nicht gelebten Tagen berührte sie die Seelen der Zuhörer.

Franz Oberhofers
Texte gehen immer unter die Haut, sei es der Anblick des Namens des böhmischen Großvaters auf einer Stele im Gedicht „Gebrochenes Licht“ oder der Überlebenskampf von Flüchtlingen auf einem Schiff in den tosenden Wellen des Mittelmeers.

Carmen Kraus hat beim kreativen Tun keinen Gedanken ans Essen. Ganz vergessen sollte sie aber den Genuss nicht. Dieser ist garantiert, wenn sie zum Pilzesammeln in den Wald geht und danach wirklich jeden Pilz mit lyrischer Genauigkeit beschreibt.

Hans Schütz berichtete in seinen Kindheitserinnerungen „Nebelstochern“ über die karge Ernährung, die Kässchachtel für die Mitarbeiter der Käserei Hindelang und den Genuss selbst gefangener Fische. Auch die moderne Weinkunde, in der es kein „Viertele“ mehr gibt, drohende Gicht und der Atompilzstreit regten ihn zu poetischem Nachdenken an.

„Pralinen zum Nachtisch“ servierte Max Dietz in Form von Haiku-Gedanken zu Blesshühnern, Möwen und Kieselsteinen vom Ammersee, und als Aphorismen zu Aberglauben, Dichtern und Experten auf falscher Fährte.

Gerwin Degmair verdient Dank und Anerkennung für die gute Organisation und eloquente Moderation und auch für das abschließende „Zuckerl“ für den Heimweg, nämlich die Gedanken über Hasel- und Walnüsschen. Mit dem erlesenen „Dressing“ des Uttinger Harfenduos erhielt dieses Menü besonders feine Würze. So wurde das „Literarische Wettessen“ eigentlich zu einem Buffet mit zarten Delikatessen, bei dem es viel exzellenten Genuss, aber keine Völlerei gab.

Marianne Porsche-Rohrer