Reizende Gefühle - 23.1.2026
Wir haben zu dem ergiebigen Leseabend zwei Berichte zusammengestellt: für Eilige einen Kurzbericht von Roland Greißl, für Genießer den langen von Carmen Kraus.
Gefühle - ein reizendes Thema
Souverän garnierte Heiko D. Felbrici seine erste Moderation im Landsberger Autorenkreis mit akribisch gewählten Zitaten als Einleitung und für die Überleitungen zwischen den Texten.
Bettina Vogel machte im Café FilmBühne den Auftakt mit dem Beispiel des Pawlowschen Hundes, da ein Glockenklang den Fressreiz auslöst wie bei ihr der SUV des Nachbarn ihre Wut. Im Anschluss erquickte Thomas Glatz die Zuhörer mit einer majestätischen Parklandschaft aus Bäumen, Spatzen und Fliegen, bis eine verschluckte Fliege das Idyll jäh beendet. Im Übermut schickte Carmen Kraus den Karpaten-Tanzbären statt des Esels aufs Eis, worauf Barbara Koopmann die Anmut der Mona Lisa im Louvre entfaltete, in wärmsten Tönen modellierte sie diese Ikone der Weiblichkeit.
Boris Schneider geriet auf der Suche nach Liebestrank-Zutaten in arge Not, löste die Aufgabe aber gekonnt. Mit der Zeit des Wassermanns setzte sich Mirlo Verdad auseinander: Keinen Stillstand lässt er zu und nur seine Eigenliebe verankert ihn. Als Trotz gegen die politische Wirklichkeit begibt sich Klaus Wuchner in die jugendliche Fantasiewelt; vom schwarzen Augenpaar der Mona Lisa ließe er sich gern verführen. Die Atmosphäre von 1001 Nacht bot sich Dieter Vogel nur im Orient-Star-Hotel in Samarkand, während er bei der Usbekistan-Reise ein zerrissenes Land erlebte.
Moderator Heiko Felbrici gab sich abschließend der vollkommenen Schönheit einer Winterlandschaft des „Künstlers Winter“ hin, die ihn zum dankbaren Gebet einlud.
Eine jüngst erlebte „Dunkellesung“ blinder Literaten auch für Nichtblinde reizte Roland Greißl zu einer Diskussion, welche Gefühle Blinden ohne das Erkennen von Farben möglich seien. Das Thema bewegte nicht nur den blinden Autor Klaus tief. Die überwältigende Resonanz zeigte jedoch die Unmöglichkeit, Blinden eine Farbe zu erklären. So blieb die Frage, ob wir Sehenden den Farben eine allzu große Bedeutung beimessen.
Roland Greißl
Reizend, reizbar … oder was?
Als Moderator Heiko D. Felbrici im Café FilmBühne um 19 Uhr die Lesenden und die Zuhörenden begrüßte, ahnte noch niemand, welch großer Gefühlsteppich im Landsberger Autorenkreis ausgerollt würde. „Es war ganz schön gemein von mir, ‚Reizende Gefühle‘ als Thema auszugeben“, meinte er, doch das sahen die Autorenfreunde anders. Sie lieben die Herausforderung und auch die Bandbreite der Erzählungen in Prosa und Lyrik, die der Kreis bietet und waren schon neugierig auf den ersten Beitrag aus dieser gewaltigsten aller Welten, die der Bücher, wie Heinrich Heine sie einst bezeichnet hat.
Das Los fiel auf Tina Vogel und rüttelte gleich an der Gemütlichkeit. Reiz, Reiz … Brechreiz? Das konnte es nicht sein. Vom Pawlowschen Hund, bei dem es ums Speicheln bei Glockenklang geht, leitete sie gekonnt über zum Autor, bei dem der Reiz zum Schreiben führt und das vielleicht zu Anerkennung. Doch darauf ruhte sie sich nicht aus, denn da war ja noch der SUV, der dem eigenen Einparken im Weg steht – die Reaktion auch längst konditioniert auf Wut? Reiz … Schnupfen … Hatschi!
„Im Laufe des Lebens verliert alles seine Reize und seine Schrecken; nur eines hören wir nie auf zu fürchten: das Unbekannte.“ Ist es auch bei uns so, wie Marie von Ebner-Eschenbach es sagt?
Bei Thomas Glatz muss man schnell hinhören. Sein Vortrag könnte aus sein, wenn man am wenigsten damit rechnet. So versetzt er die Zuhörenden in den Park mit den schönen Bäumen, berichtet von Spatzen und Menschen und Bäumen und Fliegen. Von Bäumen und Menschen und was denn nun wichtig und was unwichtig sei und … Hust! Hust! „Tschuldigung, Fliege verschluckt …“
Das Sprichwort vom Esel, der aufs Eis geht, wenn es ihm zu wohl ist, kannte Carmen Kraus, deren „verkorkstes“ Leben nahe der bärenreichen Karpaten begann, mit eben diesem. So beendete sie ihren reizenden lyrischen Nervenkitzel mit behüteter Ruhe, in der man leicht überschnappt vor Glück: „Und weiter dreht/ der Tanzbär Pirouetten/ auf dem Eis.“
Unsere Gefühle sind der steinige Weg zur Erkenntnis. Und würden wir sie nicht immer wieder verstecken, könnten unsere Mitmenschen uns wohl oft besser verstehen, meint der Moderator.
Ihre Gefühle breitete Barbara Koopmann bereitwillig aus bei einem Besuch in Paris. Da hängt sie, die Mona Lisa, das Meisterwerk des Da Vinci: süße Anmut, faltenfreies Lächeln, das Gesicht von Schatten modelliert, die Stirn frei, die Haut zart, weich, lebendig. Eine Ikone der Weiblichkeit ist die Gioconda, die spielerisch fast jeden Besucher des Louvre in ihren Bann zieht.
Ganz anders ist das Vorgehen von Boris Schneiders Akteur beim Aufräumen im Schulspeicher, wo – „igitt! dicke, fette Spinne!“ – auch Marion ist, die den jungen Schüler unsicher macht. Und ein vergilbtes Rezept für einen „unfehlbaren Liebestrank“. Wird er sie damit gewinnen können? Eine Teestunde ließe sich doch einrichten. Aber die Zutaten: Salbei, Schafgarbe, Kamille, Zucker und … unmöglich! – Oder?
Gefühle klopfen nicht an die Tür und fragen, ob es gerade passt, sagt Heiko. Oft lassen wir uns von ihnen einnehmen, ja regieren: vom Bauchgefühl, dem Instinkt, der Vorsicht – oder gar von der Angst.
Als sechster Leser meldet sich Mirlo Verdad zu Wort, der die „Amsel der Wahrheit“ das Lebensgefühl des Aquarius ausplaudern lässt. Die Zeit des Wassermanns ist also da, Ziele werden nicht erreicht, sondern überwunden, Ankommen als Stillstand empfunden, Opas Insel „Heimat“ als Tagtraum. Doch Ruhe macht ihm Angst, Abwechslung braucht er, Spannung. Lieben verankert, darum liebt er nur sich selbst, „sein Eros schöpft aus der Unendlichkeit“.
Klaus Wuchner reizt die aktuelle politische Situation, deshalb wendet er sich lieber der Kunst zu, der vorgenannten Mona Lisa: „… unter meinem Haar ein schwarzes Augenpaar“ hat ihn schon früh verzaubert und löst noch heute beim Betrachter einen Wunschtraum aus: „Wenn ich zart und weich sie könnte spüren,/ ich ließe mich glatt verführen.“
Wie passend da das Zitat von Jack London kommt, dass man nicht umsonst gelebt hat, wenn man die Welt möglichst mit einem, wenn auch kleinen Funken Liebe bereichert hat.
Dieter Vogel erinnert sich gern an die Gefühle, die fremde Kulturen in ihm ausgelöst haben beim Reisen. Aus einem literarischen Sammelband liest er eine Episode seines „Samarkand“ im fernen Usbekistan. Svetlana führt die Gruppe im Bus durch die Stadt, aber die Prachtbauten sind einer zerrissenen Stadt gewichen, das Beeindruckendste vielleicht der Sextant aus dem 15. Jahrhundert. Doch dann öffnet sich das Hotel „Orient Star“ der modernen Karawane und inszeniert am Abend den Traum von 1001 Nacht im Schleiertanz des Lichtes, das die Paläste schweben lässt.
Überwältigt von der Vielzahl der Beiträge setzt sich am Schluss der Moderator selbst in den Schein der Leselampe. Auch Heiko D. Felbrici hat etwas dabei: die Geschichte des Fotos, das seine Einladung zierte, ein Winterspaziergang. Der Frost formte lange Eiskristalle in den Büschen, das Dorf war idyllisch verschneit, eine Brücke führte über den Bach mit seinem „Glitzern wie ausgestreute Diamantsplitter“ – der Winter ist ein Künstler, der unser Auge in diese Schönheit reinzieht. Doch die Fotos davon wirken flach, „meine Enttäuschung will mir die Freude nehmen“. Sie können nur beim Erinnern helfen: reifbehängte Zweige im Wasser, ein Baum im Bild. Schönheit in Vollkommenheit macht trunken, lädt ein zu einem stillen Gebet und dem Heimweg in Frieden.
Roland Greißl reizte bei der Dunkellesung von Wolfgang Böhme Anfang Januar in Untermeitingen die Zuhörerfrage „Wie erkläre ich einem blind Geborenen die Farbe Blau?“ und vor allem die Antwort einer Zuhörerin beeindruckte ihn: „Gar nicht, denn was man nicht kennt, kann man sich nicht vorstellen. Es interessiert aber auch nicht.“ Und „gar nicht“, sagte in der anschließenden Diskussion auch Klaus, der es seit seiner völligen Erblindung gut nachvollziehen kann. Traurig ist das, aber was? Dass man nicht vermisst, was man nicht kennt? Was vermissen wir Sehenden nicht?
Man sieht sich wieder im Autorenkreis, am 20. Februar am gleichen Ort. Kurz nach dem Fasching ist unser Thema „Am Übermaß zerbricht der Mensch“ – und nicht nur Moderator Roland Greißl ist schon gespannt auf die Lesebeiträge von Autorenfreunden und Gastlesern.
Carmen B. Kraus
Fotos: Thomas Glatz