Jubiläum des Poetentreffs - 16.3.2019

15 Jahre "Poetentreff" in Kaufbeuren

2004, in dem Jahr, als der Landsberger Autorenkreis als zartes Pflänzchen aus dem oberbayerischen Boden am Lech emportrieb, beschloss der damals 14-jährige „Autorenkreis Allgäu“, einen „Poetentreff“ für den dichterischen Nachwuchs in die Welt zu setzen. Ingeborg v. Rumohr gründete ihn im Ganghofer Geburtshaus mit neun Mitgliedern und Gästen. Wer hätte damals gedacht, dass dieser 15 Jahre später zu einem gewaltigen Baum angewachsen sein würde, der reiche Früchte trägt? Als veredelte Zweige sozusagen begleiteten ihn zweimal im Jahr, im März und Oktober, und auch beim Jubiläum Mitglieder aus dem Literatenkreis Wattenweiler und aus dem Landsberger Autorenkreis sowie einzelne schreibende Gäste.

Ingeborg v. Rumohr als künstlerische Leiterin und Moderatorin, die nach all der Zeit nicht müde geworden ist, ihre Pflanzung zu hegen und zu pflegen, begrüßte aufs Herzlichste alle 55 Anwesenden, meist langjährig treue Ehrengäste, Vortragende und Zuhörer, und vor allem auch Oberbürgermeister Stefan Bosse als Schirmherrn, dessen Amt schon genau so lange Bestand hat wie der Poetentreff. Inzwischen hat sie sich weitere „Gärtner“ an die Seite geholt. So stand Franziska Hefele-Beck ihr fast von Anfang an zur Seite, und Siegfried Kyek, der organisatorische Leiter des Autorenkreises Allgäu und des Poetentreffs, hilft ihr, in Internet und Presse den Boden zu bereiten und auch per Sammelmails den Info-Kontakt für die etwa 25 Autoren, die jeweils am Poetentreff und im Autorenkreis teilnehmen, zu halten. Er dankte und nannte Ingeborg v. Rumohr lächelnd „die Mutter Bavaria des Autorenkreises“.

Überwältigt von so viel Engagement, wollte der Kaufbeurer Bürgermeister gern auch etwas zum Erhalt beisteuern, etwa die Übernahme der Raummiete für die Treffen. Und so dankte Frau v. Rumohr ihm an diesem Samstagabend des 16. März 2019 im Festsaal des Hotels „Goldener Hirsch“ herzlich für die avisierte Unterstützung, aber auch Herrn Josef Bauer aus Thalhofen – der in seinem Verlag die fünf Anthologien des Autorenkreises Allgäu herausgegeben hat und auch in der „Edition Lerche“ elf Lyrikbände von ihr selbst – und übermittelte dessen Grüße.

Dann brachte sie die Sprache auf den besonderen Seniorenwettbewerb, den Inifrau von Rechenberg 2018 initiiert und für den sie einen hohen Preis ausgelobt hatte. „Liebe“ gab Ini als Thema aus, um dem Übermaß an Hass in der Welt die Liebe entgegenzustellen. Die gesamte Gruppe der Teilnehmenden war gleichzeitig Jury und kürte das Gedicht „Liebe ist barrierefrei“ von Margit Schäfer zum Sieger. Die Poetin aus Altötting, die ihre meisten Gedichte im Zug nach oder von Kaufbeuren schreibt, ließ ihre Gänsehaut-Poesie in den Worten gipfeln: „Bist du auch im Rollstuhl, nur du bist du. Liebe ist barrierefrei, kennt kein Tabu.“

Ihrem Vortrag schlossen sich noch weitere Liebesgedichte an, so Inifrau von Rechenberg mit „Du bist mei oanzige Frau. Was dean a por Faltn, wann i di oschau?“ und Renate Peter, die wahre Liebe als sanftes Glühen beschreibt, das die ganze Erde mit einschließt, gefolgt von Cynthia Mace, deren „Mutter Bavaria“ weiß, dass alles multiple Facetten hat, selbst das menschliche Mitgefühl. Bei Ingrid Zasche hingegen weckte samtige Haut in sommerlicher Schwüle unwiderstehlich verlockende Gelüste zu streicheln.

Kurz träumte Siegfried Kyek sich bei einem herzerweiternden Radio-Lied das Lachen der Geliebten herbei, und Peter Würl blies kuschelwarme Zärtlichkeit ins Segel ihrer Träume.

„We all need love“, groovte der Musiker Roland Dressler seinen zweiten Song zur Gitarre. Isolde Unsin, die auch einige seiner Liedertexte verfasst hat, wünschte sich hier in zarter Lyrik, man könnte eine Beziehung einfach aufschütteln wie ein zerdrücktes Kopfkissen. „Wie festhalten, was schwebt?“, fragte sich Ingeborg v. Rumohr, und die „Frau ohne Hut“, Barbara Lange-Scheck, erhob sich wie ein Adler, dem ein Wasserfall Schleier auf das Federkleid stäubt, über die Schatten ehrfurchtgebietender Felsgewalt. Schwermütig war dagegen das Frühlingsgedicht von Helmut Glatz aus Landsberg, in dem Silke zum fernen Klang einer Kinderflöte Goethe rezitierte und zu seinem Leide Rilke mehr liebte als ihn.

Zwei Literaten aus Wattenweiler sinnierten dann über die Liebe, Josef Kugler in einem Krawattenknoten, dem „Oifachknode“, den ihm der Onkel beigebracht hatte, „sonscht hätt i bis heit no koi Frauezimmer heimtrage“, und Maria Stork mit Hinweisen für den gemeinsam zu wandernden Lebensweg: gesunde Distanz, hoffnungsvolles Miteinander und Gott als Wegbegleiter in einsamen Stunden. Brigitte Antiki aus Bad Wörishofen sammelte, die Sterne umarmend, Smaragde in den Gärten der Nostalgie und sang Opern in der Wüste, bis zum tiefen Seufzen der Menschheit. Die 95-jährige Martl Nahm aber beeindruckte alle durch den Vortrag zweier memorierter Gedichte, zur Königin der Nacht, die vom Funkeln der Tautropfen verbannt wird, und vom Wunder des Lebensschwungs, der in uns ruht als Teil der Ewigkeit.

Vom Wattenweiler Tisch erhob sich Irmtraut Schwarzkopf und legte einen Seelenstriptease hin, just in dem Moment, als sie nichts erhofft und nichts erwartet hatte. Christine-Elisabeth Gerstenkorn sah die Liebe gleichsam als Segen wie als Fluch, jedoch wachsend, als wär’s im Spiel verschwendetes Glück.

Drei weitere aus dem Landsberger Autorenkreis standen dem in nichts nach. Heidenore Glatz spannte die Liebe vom frischen Aprilwind, vogelfrei und unbeschwert, bis zu den saftigen Früchten gereiften Alters, und Carmen Kraus knüpfte mit dem Kurzgedicht von der Liebe im Wandel thematisch daran an, während Max Dietz nicht viel Worte machte und „nur noch du“ dachte, während das Leben ihm längst ein leerer Saal und jedes Wort eine Qual schien.

Von den Literaten besang Anni Böck sodann poetisch das erste Blatt an einem Baum ebenso wie das leise Du, das die Treue hält, wenn niemand an dich denkt, und Carola Härle machte sich unverbrauchte Gedanken über Arme, die wärmen, und Träume, die ausschwärmen zu Herzen … Pause! War wirklich schon eine ganze Stunde vergangen? So kurzweilig waren die 22 Vorträge, die alle in irgendeiner Form eine Hommage an die Liebe kredenzten! Nach dieser Herzenslabung sorgte die Küche für eine vorzügliche Stärkung des Körpers, und bald bildeten sich Grüppchen am reich gedeckten Büchertisch, um auch den Geist zu sättigen.

Mit einer Melodie von der Liebe des Schöpfers lockte schließlich Roland Dressler die Poeten zur Teilhabe an der zweiten Halbzeit. Doris Echterbroch, recht neu im Autorenkreis Allgäu, nutzte noch die Gunst der Stunde, das Geschenk der Liebe einer Nacht zu besingen, bevor die Büchse der Liebe geschlossen und der Rest des Abends thematisch freigegeben wurde. Zwei, die auch am Seniorenwettbewerb teilgenommen hatte, zeigten die Breite ihres Schaffens: Christine Bieräugl ließ die Göttin mit bleichen Fingerspitzen Fäden austeilen für das Herbstopfer der Feenkönigin, und Margarete Huber machte aus dunkelgrauem Unbehagen tröstende Hoffnung und Mut angesichts unduldsamer Schicksalsfragen im schweigenden Warum?.

Liesl Güthoffs Gedicht wurde bereits vertont: In „Nacht und Sterne“ versinkt sie wie im Meer, bis die Hähne krähen, heiser. Nun war es an dem „Mann mit Hut“, den Tangozigeuner seines Romans in der Poetenrunde einzuführen; Andreas H. Buchwald beschrieb die Freude als Essenz seiner Lebensmaximen und ließ die Partnerin bei den Tanzschritten im Osten dahinschmelzen in Lust und Liebe und sogar einem Gebet. Dann schloss Evi Krösch als 28. Vortragende des Abends mit dem Mundarttext „Beim Mittagesse oder: Nächschtenliebe“, einer Verwechslungsgeschichte, von Vorurteilen getragen, die in beschämender Erkenntnis ungeahnte Revision erfahren.

Jetzt, als alle Lesewilligen bereits zu Wort gekommen waren, fühlte sich dennoch keiner müde, eher beflügelt, und so läutete Ingeborg v. Rumohr eine weitere Leserunde ein. Nach zehn Vorträgen sprach Inifrau von Rechenberg kurz vor 22 Uhr das ergreifende Schlusswort: „Hier ist so viel Schwingung, Zartheit und Humor – kommt wieder zu uns!“, und begeistertes Klatschen von allen Seiten bekräftigte ihren Wunsch. Am 3. Samstag im Oktober ist ab 18 Uhr wieder Poetentreff. Die Vorfreude darauf hat schon begonnen.

Carmen B. Kraus




(C) 2011 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken