Freie Lesung Exodus - 29.11.2019


Exodus – Auszug – Fliehen – Entkommen

Man sollte meinen, der Titel sei zu schwere Kost, um besonders viele Autoren zur Teilnahme bei der Lesung im Café FilmBühne zu bewegen. Und es war wieder einiges los im Kulturleben der Stadt. Ein paar Meter weiter skandierten an diesem verregneten Novemberabend Demonstranten von Fridays von Future aufrüttelnde Parolen zum dringenden Umdenken im Umgang mit Mutter Erde. Und aus dem Rathausfenster begrüßte zeitgleich das Landsberger Christkind die ersten Teilnehmer zum adventlichen Budenzauber.


Doch Moderator Franz Oberhofer, der das Thema ausgegeben hatte, übte sich in Zuversicht. Als Anregung hatte er bereits in der Einladung einige Gedanken eingebracht: von der Flucht der Israeliten aus der Sklaverei über Ikarus, der dem Gewöhnlichen den Rücken kehren wollte, bis zu jenen, die versuchen, aus unerträglichen Gefühlswelten zu entkommen. Scheinbare Ausweglosigkeit zwingt uns zum Perspektivenwechsel, um eine Entscheidung fällen zu können. Und: „Der Exodus ist in uns angelegt“, gibt er zu bedenken, denn unsere Vergänglichkeit zwingt uns unerbittlich, Altes zu verlassen und uns in immer neue Räume zu wagen.


Und sie wagten es, die 15 Autoren, die den Abend als Zuhörer miterlebten oder als aktive Gestalter im Vortrag ihrer eigenen Texte: Claire Guinin, Corinne Haberl, Monika Sadegor, Franz Oberhofer, Helmut Glatz, Michaela Schmitt, Klaus Wuchner, Carmen Kraus, Heinz Otto Singer, Max Dietz und Gerwin Degmair. Zwei Gastautoren, Barbara Koopmann und Rogo Deville, hatten sich auch damit auseinandergesetzt und brachten ihre Sichtweisen ein – und so war auch diese Lesung von unglaublicher Vielfalt und Tiefe geprägt.

Gleich zu Anfang ging es bei Claire Guinin um Integration, vor 30 Jahren beim Mauerfall im Aufeinandertreffen von Sachsen und Niederbayern in einem hinterwäldlerischen Dorf und heute mit Flüchtigen aus dem fernen Süden. Das Miteinander, das damals noch nicht recht funktionieren wollte, hat sich mit der neuen Generation, die in einer Welt mit weniger Grenzen offener aufgewachsen ist, stark verändert, so dass der junge Niederbayer auf das gebrochene „Griaß di!“ des Afrikaners heute mit einem fröhlichen „Hi, hello!“ antwortet.


Von der Schreibwerkstatt Pfaffeneder inspiriert und angeleitet, brachte Gastleserin Barbara Koopmann eine interessante Beziehungsgeschichte mit pfiffigem Ausgang zustande, die reichlich Beifall erntete. Corinne Haberl folgte mit einem Limerick über das gedankenlose Wegpusten von Laub samt Igelschmaus, und Monika Sadegors Gedicht mutete wie ein Pflügen im weiten Feld der Gefühle an.

Franz Oberhofer beweinte in seinen Versen den Verlust geistig Nahestehender, angesichts königsblauer Tinte ebenso wie beim Spiegelbild des Firmaments im Kochelsee oder im blutleeren Berlin. Gastautor Rogo Deville spürte gar im Dialog mit dem Teufel dessen Dienst als ausführender Engel Gottes nach, der zur Auseinandersetzung mit den eigenen Schatten zwingt. Dann kam Helmut Glatz zu Wort: Mehr als acht Jahrzehnte nach der Bücherverbrennung sollten sie infolge weltweiter Seuche jetzt gekeult werden, ganze Bibliotheken fielen dem zum Opfer – bis nun ihrerseits die Bücher die Flucht ergriffen, allerdings Hesses Mahnung zu heiliger Ehrfurcht hinterlassend.


Eine besonders lange Pause räumte der Moderator ein, damit das Erfahrene zur Diskussion kommen konnte.

Daran schloss sich eine Familiengeschichte von Michaela Schmitt an, vom Erleben der Flucht aus Mähren und deren Nachhall bis in unsere Tage im Empfinden von vier Frauengenerationen. Renate Glatz las zwei neue Gedichte von Klaus Wuchner, bei denen vor allem seine Sichtweise auf die Verstorbenen als „Stationen unseres Lebens“ beeindruckte. Carmen Kraus setzte sich in einer metaphorischen Geschichte anhand einer Klaviatur mit der Spannweite zwischen Schwarzweißdenken und dem Einklang mit der Schöpfung auseinander.
So leichtfüßig Heinz Otto Singers Reime in gewählten Worten von seinen Lippen perlten, so philosophisch wuchtig breitete Max Dietz unmittelbar danach seine gegensätzlichen Anschauungswelten detailreich vor den Zuhörern aus. Und Gerwin Degmair setzte mit mehreren Musengedichten einen charmanten Schlusspunkt.


Der Moderator bekannte sich sprachlos angesichts des erlebten Umfangs. War damit wirklich alles gesagt? Das konnte so nicht zu stimmen, denn lange noch saßen die Autoren in angeregten Gesprächen beieinander. Dem Sog der nächsten Lesung am 13. Dezember, die das Licht thematisiert, das alljährlich im Advent die Welt bewegt, wollen sie gar nicht entkommen.

Carmen B. Kraus

Fotos von Roland Greißl



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