Adventslesung - 13.12.2019

"Das Kindlein wollen wir wiegen"


Das zumindest hatte sich Inifrau von Rechenberg gewünscht, als sie die Autorenkollegen zur Adventslesung einlud. Ein altes Wachschristkind in Gold und Spitzen wollte sie mitbringen, zu dem die Lesenden sich hinwenden sollten. Das Kindlein wiegen, ihm Gutes tun, es beruhigen und ihm huldigen. Soweit der Plan. Und dann kam das Leben dazwischen. Eine schlichte Unpässlichkeit, wie sie uns oft aus heiterem Himmel überfällt und unser gerade noch so fest gefügtes Leben durcheinanderwirbelt.

Und so kam es, dass Max Dietz die Lesung moderierte und Kuno Kraus seine klitzekleine Drusenkrippe zur Verfügung stellte, mit einem winzigen Jesuskind darin. Das war nicht aus Wachs, sondern aus handfestem Holz, und doch so zart – ambivalent wie das Leben selbst. Schwester Martha Metzger und die beiden halbwüchsigen Mädchen vom Kinderheim St. Alban in Dießen nahmen es genauso an, wie sie es wohl mit dem lieblichen Wachskindlein getan hätten. Voll Inbrunst sangen sie ihm Lieder und spielten ihm weihnachtliche Weisen vor mit Querflöten, begleitet von Gitarre und Triangel. Die Zuhörer im Café FilmBühne waren angenehm berührt und klatschten begeistert Beifall.


An diesem Freitagabend, dem 13. des Monats, waren nicht so viele Autoren gekommen wie sonst. Im Advent häufen sich Termine und Überschneidungen. Und man sieht sich ja beinahe im Zwei-Wochen-Rhythmus, bald schon wieder zum Jahresausklang. Doch ein Dutzend Lesende bescherten dem Kindlein einen besonderen Abend, „zärtlich, traurig, glücklich“, wie die Inifrau sich das gewünscht hatte.

Den Anfang machte Renate Exsz, die schon seit vielen Jahren im Dießener Kinderheim tätig ist. Wie dort scheut sie auch in ihren Texten nicht davor zurück, Klartext zu reden: „Weihnachten ist nicht überall zart!“, doch dann lenkte sie ein, wurde zur „Reserve-Oma“ eines kleinen Engels, nicht perfekt, aber doch vollkommen. Auch dieses Kind wird leben, lieben, reifen, blühen.


Fred Fraas hatte das Geschehen in Bethlehem in eine Ballade epischen Ausmaßes geschrieben. Da lag was in der Luft, das nach Erfüllung ruft, als das Kind in Stroh und Heu kuschelte, als ob es sein Zuhause sei. So fanden die Herrn Effender den Gottgesandten vor und beschenkten ihn, doch vieles weiß heute niemand mehr, auch nichts vom Dattelkernlikör.

In einem weiten Rückblick bis zum Urknall skizzierte Carmen Kraus den Werdegang des Menschen, seine Versuche und sein Scheitern ohne die fruchtbare Sehnsucht nach Gott. Mit einem Traum von Schnee forderte sie auf, die Hände mal ruhen zu lassen, umriss die bunte Geschäftigkeit im Advent, um sich nach kurzer Besinnung auf das vergangene Jahr sogleich der Neugier auf das neue zuzuwenden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint in lyrischen fünf Minuten.

Monika Hrastnik schwelgte in Erinnerungen an die Kindheit, als sie „auf leisen Sohlen ganz verstohlen durchs Schlüsselloch gelinst“ und statt der neuen Puppe doch nur die alte in neuem Gewand gesehen hatte. Doch während man gesungen habe, sei einem Engel – zwischen Tee, Geschichten und Punsch – damals doch immer die Erfüllung eines Herzenswunschs gelungen.


Mit einem kleinen kuscheligen Teddy holte Michaela Schmitt die Zuhörer genau in dieser Idylle ab. Jedoch nur, um im tief geseufzten „o Gott!“ kritisch den Wahnsinn nuklearer Aufrüstung, digitaler Machenschaften und diverser Abhängigkeiten den Verlust der Menschlichkeit umso deutlicher abzubilden. Dem Wunsch „Mögen wir uns in Worten und Taten berühren, damit der große Geist des kleinen Kindes in uns aufflammen kann“ schloss man sich gerne an. „Wie mag die Lieb dir kommen sein?“, übernahm sie Rilkes Fragestellung und fand darauf eigene Antworten für die Zeit zwischen Nikolaustag und Weihnachten, mit Geschenken und Tanz, Staunen und Danken.

Gerwin Degmair ließ uns schließlich am Werdegang seines Advents-Poems teilhaben – im Kerzenrausch, der für uns brennt im Glitzerlicht am Firmament. Doch erst seine Hingabe an den holden Ruh- und Sehnsuchtsquell erschuf das Auserwählte. Das nächste Gedicht ging da schon schneller von der Hand mit seiner direkten Frage: „Ist Frieden denn statt Krieg zu teuer?“ Sie gipfelte schließlich im frommen Wunsch: „Wenn jeder doch nur etwas mehr vom Weihnachtslicht verwandelt wär’!“


Eine ganz andere Verwandlung erfahren Flüchtlinge, auch das Christkind, so Claire Guinin. Ihr Nachname erinnere an den einstmaligen Flüchtlingsstrom der Hugenotten, und das Flüchten hat sich ja leider bis heute erhalten. Doch flüchten möchte man heute auch, wenn statt des Christkinds der Ärger vor der Tür steht, sich Onkel, Tanten und andere Verwandten wieder total gestresst ein frohes Fest wünschen. Das war nicht immer so. Und dann erinnert sie an jenes erste Nachkriegsweihnachten in der Kirche. 250 Jahre nach der Sendlinger Mordweihnacht und im Jahr eins nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Menschen bis hinaus auf die Straße, um ein kleines Licht zu erleben nach Jahren verordneter Finsternis. „Stille Nacht“ bekam angesichts der versagenden Stimmen eine andere Bedeutung. Denn still war sie bei vielen geworden, die ihre Vermissten, Gefangenen oder gar Gefallenen nur noch im Herzen bei sich hatten. Eine solch erschütternde heilige Nacht – hoffentlich nie wieder!, mahnte die Autorin.


Mit lebendigen südamerikanischen Rhythmen ging die Lesung in die Pause, um einige Minuten später mit „Gloria in excelsis deo“ einen neuen Anlauf zu nehmen.

Lore Kienzl wunderte sich in ihrem Beitrag über die Gegensätze unserer Gesellschaft. Einerseits zeigten sich die Menschen sehr spendabel für solche, die ihnen fern sind, andererseits benahmen sie sich abweisend gegenüber jenen Fremden, mit denen sie Tür an Tür wohnen. Fürchteten sie um ihr Geld, weil sie arm im Herzen sind? Wie erhebend sei da ein Blick zu den Sternen: unnahbar und hell strahlen sie über allen.


Für den Christbaum brach Marianne Porsche-Rohrer eine Lanze. Ökologisch sinnvoll sei es, einen kleinen Baum zu kaufen, denn er stehe ja oft den anderen im Weg – und im Wohnzimmer könne er seinen Lebenstraum verwirklichen. Sorgsam gereimte Tipps nach Hildegard von Bingen breitete sie danach aus. Zu Mandeln, mit denen Kraftlose und Ausgebrannte wieder klar im Kopf werden und an Lebenslust gewinnen. Und der Zimt erst: Er macht fit und er macht Mut! Ob man sich dann auch zum fremden Nachbarn rübertraut?

Heinz Otto Singer packte in seiner Ballade den Blumentopf aus und Golfbälle rein und dann, in einer Allegorie des Lebens zu diesen wirklich wichtigen Dingen wie Familie und Freunde, noch etwas Kies stellvertretend für Arbeit, Haus und Auto. Nach dem einrieselnden Sand für die Kleinigkeiten des Lebens war schließlich immer noch Platz für ein Bier – zu Entspannung und Plaisier! Wie im richtigen Leben.

Philosophisches hatte auch Jürgen Ostler dabei, Hochstehendes, über das man vorzugsweise sonntags nachdenkt: Wie verhält sich eins zu allem? Der Lavendel, der den Schrein ausschmückt, und die Pflanzenstreu als Opferfülle. Von Wachstum und Verstehen las er und von der Nacht, die zu unseren Füßen taut. Wahrnehmung und Einordnung ist es, was uns vom Tier abhebt.


Mit Max Dietz flutete die Mythologie den Raum. Den anwesenden Kindern – und nicht nur ihnen – kam er entgegen, indem er vorab schon einige Namen und Begriffe erklärte. Von der Sonne als Mithras über den unbesiegbaren Sonnengott zum verum sol invictus, also Christus, handelte sein Essay. Dann ließ er Händels Messias erklingen und die Verwandtschaft von der Fotowand lachen, während sich im Glas Moet & Chandon der schwitzende Nikolaus genauso spiegelte wie der Vater als Heimkehrer in seinen Augen. Was war Traum, was Wirklichkeit: die grasenden Schafe vor der Hütte, die wartenden Engel in der Christmette, die stille Nacht, in heimatliche Watte gebettet? „Doch wer braucht am Heiligen Abend schon Realität?“


Ein letztes Gedicht von Renate Exsz, ein kleines französisches Lied von Schwester Martha und den Mädchen. – Schön war es, sagte der Moderator, heimelig war es und aufregend und zärtlich. Inifrau von Rechenberg hätte es gefreut. Und das kleine Fatschenkind sowieso. Es ist so tolerant und friedlich. Wir sollten es uns zum Vorbild nehmen. Weihnachten hilft uns dabei.

Max Dietz spielte wieder den Nikolaus. An seinem Tisch gab es die Bücher umsonst, nur lieben muss man sie. Und mitnehmen. Wir nehmen noch mehr mit, bis zum Jahreswechsel und dann ins neue Jahr. Und am 10. Januar haben wir uns gewiss wieder viel zu erzählen und einiges neu geschrieben. Lesestoff für Neugierige und Nachdenkliche. Eine gesegnete Zeit bis dahin, eine friedliche! Mögen wir uns alle gesund wiedersehen!

Carmen B. Kraus



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